Personalwechsel

Ein Zentralbanker für das DIW

Finanzmarktexperte Marcel Fratzscher übernimmt das angeschlagene Berliner Forschungsinstitut

- Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) wird künftig von dem EZB-Experten Marcel Fratzscher geleitet. Das Kuratorium des Berliner Instituts beschloss am Donnerstag, den Ökonomen zum neuen Vorsitzenden des Vorstands zu berufen. Fratzscher ist langjähriger Leiter der Abteilung für internationale wirtschaftspolitische Analysen bei der Europäischen Zentralbank (EZB). Der renommierte Ökonom ist dabei maßgeblich für die Formulierung von Politikpositionen der EZB zuständig, etwa zur globalen Finanzmarktarchitektur. Er soll laut dem Kuratoriumsvorsitzenden und früheren Wirtschaftsweisen Bert Rürup zum 1. Februar 2013 die Leitung des Berliner Instituts übernehmen.

Das 1925 gegründete DIW hat in der Fachwelt einen guten Ruf, geriet aber wegen der Turbulenzen um den früheren Chef Klaus Zimmermann mehrfach negativ in die Schlagzeilen. Der Arbeitsmarktexperte war wegen seines Führungsstils und Geschäftsgebarens ins Visier des Berliner Rechnungshofs geraten und 2011 zurückgetreten. Die Rechnungsprüfer hatten dem DIW Verschwendung von Steuergeldern in Millionenhöhe vorgeworfen. In der Folge war das Kuratorium, mit dem ehemaligen Wirtschaftsweisen Rürup an der Spitze, neu aufgestellt worden. Eine Arbeitsgruppe erarbeitete eine neue Satzung und Geschäftsordnung, um die Vorgänge im Institut künftig besser kontrollieren zu können.

Zimmermann selbst war Untreue vorgeworfen worden. Im April stellte die Berliner Staatsanwaltschaft die Ermittlungen jedoch ein, weil sie keinen hinreichenden Tatverdacht sah. Seitdem leitet der Wissenschaftler Gert Wagner übergangsweise bis Ende 2012 das Institut.

Der als forschungsstark geltende Fratzscher kündigte an, als neuer Vorstandschef in der makroökonomischen Forschung und Politikberatung "neue Akzente" zu setzen. Als Prestigeziel dürfte dabei die Rückkehr des DIW in den Kreis der führenden Forschungsinstitute Deutschlands zählen, die im Auftrag der Bundesregierung Gutachten zur wirtschaftlichen Entwicklung erstellen. Fratzscher studierte in Kiel, Oxford und Harvard und promovierte am European University Institute in Florenz. Seit

2008 leitet er die Abteilung International Policy Analysis der EZB. Er konzentriert sich in seiner Forschung auf angewandte Fragen der Makroökonomie. Momentan geht er der Frage nach, wie Notenbanken mit Märkten und Öffentlichkeit kommunizieren sollten.

In seinem ersten Interview hat Fratzscher zu mehr Integration in Europa aufgerufen. "Woran es fehlt, ist eine gemeinsame, langfristige Vision für Europa", sagte Fratzscher der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Nötig sei eine engere Koordination der Wirtschafts- und Finanzpolitik. So könne man mittelfristig den "Geburtsfehler des Euro" beheben. Fratzscher räumte ein, dass niemand genau wisse, wie die Euro-Krise zu lösen sei. Um Fehlentwicklungen künftig zu vermeiden, sei ein Souveränitätsverzicht der Staaten notwendig. Sie müssten einen Teil ihrer wirtschafts- und finanzpolitischen Autonomie verlieren. In der aktuellen Krisensituation müssten die angeschlagenen Länder Reformen umsetzen. Zudem müssten sie am Sparkurs festhalten, obwohl sie in Rezessionen sind. Derzeit mangele es am Vertrauen der Investoren und der Finanzmärkte, sagte Fratzscher. Dieses könne nur durch entschlossene Reformen zurück gewonnen werden.