E-Commerce

Schneller Brüter in Berlin

Die Telekom investiert Millionen in Start-ups. Ihr "Inkubator" hilft jungen Unternehmen

- Die Lage ist recht eindeutig - und sie ist nicht unbedingt gut. "Wir haben neue und schärfere Konkurrenten, und unser Kerngeschäft ist unter Beschuss", sagte René Obermann, Chef der Deutschen Telekom, im Juni in der Hauptstadt-Repräsentanz zu den 400 Telekom-Managern, Investoren und Gründern. Aber er hat eine Lösung: Junge, frisch gegründete Unternehmen mit neuen Ideen sollen der Telekom den Anschluss ans Internet-Zeitalter inhaltlich sichern. Das Unternehmen sucht deshalb Beteiligungen, verstärkt in Berlin.

Das Dilemma des Konzerns: Während Telefonieren und Internet-Surfen immer billiger werden, müssen Milliarden in schnellere Netze gesteckt werden. Und Internet-Konzerne wie Google oder Facebook, die ihre Geschäfte auf dem Telekom-Netz machen, verdienen, ohne dafür bezahlen zu müssen. Weil sich das nicht ändern wird, will Obermann künftig sein Geld vermehrt in der Internet-Welt verdienen. Innerhalb von drei Jahren soll die Telekom den Umsatz mit Online-Angeboten von einer auf zwei bis drei Milliarden Euro steigern. Zudem soll Gründermentalität in die Telekom einziehen.

Früher bastelten Forscher und Produktmanager an den neuen Geräten und Diensten der Telekom, jetzt sollen viele der neuen Ideen von außen kommen. Obermanns Speerspitze für die neue Offenheit ist T-Venture, die Wagniskapitaltochter des Konzerns. Bislang ging es T-Venture allein um Finanzbeteiligungen. Jetzt soll die Tochter neue Ideen bringen. 22 Mitarbeiter in Bonn und vier in den USA halten ständig Ausschau nach Start-ups in Europa, Asien, USA und Israel, die in irgendeiner Weise zur Telekom passen.

Derzeit ist die Telekom an 80 Firmen beteiligt, T-Venture verwaltet ein Vermögen von einer Milliarde Dollar. "Nach Intel Capital sind wir damit weltweit die größte Corporate-Venture-Capital-Gesellschaft", sagt T-Venture-Chef Georg Schwegler. Im Idealfall findet die Telekom einen Kandidaten, investiert zwischen 500.000 und fünf Millionen Dollar für einen Minderheitsanteil und steigt nach fünf bis sieben Jahren wieder aus, sei es durch Verkauf oder Börsengang.

Meist mit Erfolg. "Unsere Ausfallquote beträgt 30 Prozent", sagt Schwegler. Freie Wagniskapitalgeber hingegen müssen jede zweite Beteiligung abschreiben. T-Venture gehören derzeit Anteile am Internet-Start-up 6Wunderkinder (Berlin), der Privatwohnungsvermittlung 9flats.com (Berlin/Hamburg), dem Videokonferenzanbieter BlueJeans Network (Mountain View) und dem App-Anbieter myTaxi (Hamburg). Bei den Firmen Intershop, WebEx und Starrend Networks ist T-Venture beim Börsengang ausgestiegen. Andere Beteiligungen wurden verkauft, darunter der Internet-Händler bol.com, der Webtelefonie-Dienst Jaja, die Flugsuchmaschine Swoodoo und das Prospekt-Portal KaufDA.

Es gibt auch verpasste Gelegenheiten. T-Venture-Chef Schwegler erinnert sich gut daran, als er in den Büros des Web-Radio-Dienstes Pandora in Kalifornien saß, und die Mitarbeiter dort immer wieder ihre Arbeit unterbrachen, um selbst Musik zu machen. Dem Chef der Telekom-Wagniskapitaltochter gefiel das Start-up - doch für Deutschland fand sich kein Geschäftsmodell. Die Verwertungsgesellschaft Gema verlangte für das Abspielen der Musikstücke über das Internet zu viel Geld, als dass sich Pandora hierzulande gelohnt hätte. T-Venture hat sich nicht beteiligt und damit wohl auf eine ihrer größten Chancen verzichtet: Beim Börsengang 2011 bewerteten die Anleger Pandora mit 2,6 Milliarden Dollar.

Insgesamt will Obermann die Schlagkraft von T-Venture erhöhen. "Wir werden 15 bis 25 Beteiligungen pro Jahr hinzufügen", sagt er. Für die Firmen kann sich das Engagement der Telekom schnell lohnen, weil sie ihre Produkte und Dienste schlagartig den mehr als 150 Millionen Kunden der Telekom anbieten können. Obermann sieht T-Venture inzwischen als wichtigen Teil seiner Unternehmensstrategie. Er will das Netz aber noch dichter knüpfen und schon bei Ideen dabei sein, bevor daraus überhaupt eine Firma entstanden ist.

Dafür hat der Telekom-Chef nun einen eigenen Inkubator namens hub:raum in Berlin eröffnet, einen Brutkasten für Gründer. Die Telekom gibt Büros, Geld und Beratung und erhält dafür Anteile zwischen zehn und 30 Prozent am künftigen Unternehmen. In den ersten zwei Wochen nach dem Start meldeten sich bereits 115 mögliche Gründer bei der Telekom, pro Jahr erwartet das Unternehmen bis zu 1000 Ideen. Ob das wirklich reicht, ist fraglich. Konkurrenten wie Telefónica gehen ähnlich vor.