Marketing-Kurse

Wenn Ärzte zu Verkäufern werden

Mediziner erhalten vom Bund Zuschüsse für Marketing-Kurse zu freiwilligen Untersuchungen

- Die Bundesregierung überprüft, ob sie Schulungen für Ärzte zum Verkauf "individueller Gesundheitsleistungen" (Igel) weiterhin finanziell fördern sollte. Eine Sprecherin des Bundeswirtschaftsministeriums sagte in Berlin, die Prüfung solle "schnellstmöglich" abgeschlossen werden. Das Ressort arbeite dabei mit dem Bundesgesundheitsministerium und dem Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) zusammen.

Unter den Begriff "Igel" fallen Behandlungen, die überwiegend als medizinisch nicht notwendig gelten und von den gesetzlichen Krankenkassen nicht bezahlt werden, viele der Untersuchungen gelten als überflüssig. Die Patienten müssen selbst dafür aufkommen. Zu den häufigsten Igel-Untersuchungen zählen das Glaukom-Screening auf Grünen Star und der vaginale Ultraschall auf Eierstock- und Gebärmutterkrebs.

Die Ministeriumssprecherin bestätigte nun, dass das BAFA, eine nachgeordnete Behörde im Geschäftsbereich des Bundeswirtschaftsministeriums, Seminare mitfinanziert, in denen Ärzte den Verkauf von Igel-Angeboten an ihre Patienten lernen. Dies enthebe die Ärzte aber nicht von ihrer Pflicht, den Patienten nur medizinisch sinnvolle Leistungen anzubieten, betonte die Sprecherin. Das Ministerium wolle lediglich "unternehmerisches Know-how in kleinen und mittelständischen Unternehmen und den freien Berufen" fördern, sagte sie. Auch Ärzte "müssen sich am Markt behaupten". Deshalb könnten laut der geltenden Richtlinie auch Schulungen zum der Verkauf der Igel-Angebote gefördert werden. Ob es dabei bleibe, werde nun geprüft, erläuterte die Sprecherin.

Genaue Zahlen zu solchen Igel-Schulungen konnte sie jedoch nicht nennen. Insgesamt seien vergangenes Jahr 4700 Schulungen für kleine und mittlere Unternehmer und Freiberufler gefördert worden. 43.800 Teilnehmer seien bei den Veranstaltungen dabei gewesen. Das Wirtschaftsministerium geht davon aus, dass die Zahl der geförderten Seminare im Zusammenhang mit Igel "sehr begrenzt ist".

Der Präsident der Bundesärztekammer (BÄK), Frank Ulrich Montgomery, missbilligte das Förderprogramm: "Ärzte sind keine Kaufleute und deshalb brauchen wir auch keine Verkaufsseminare für Individuelle Gesundheitsleistungen."

Der Gesundheitsexperte Jens Spahn (CDU) sagte, die Förderung sei "zumindest für Arztpraxen, wenn es darum geht, möglichst viel Leistung zu verkaufen, fragwürdig". Seminare zu Igel-Angeboten sollten nicht mit Steuergeldern gefördert werden, sagte Spahn im Sender n-tv.

Auch die Grünen-Gesundheitsexpertin Biggi Bender forderte, derartige Beratungen nicht mehr zu fördern. Solche Verkaufstrainings zerstörten das Arzt-Patient-Verhältnis und richteten gesundheitlichen und finanziellen Schaden an, sagte sie der "Berliner Zeitung".

Eine Sprecherin des Gesundheitsministeriums betonte, es gebe einen Verhaltenskodex für Ärzte zum Umgang mit dem Igel-Angebot. Die Patienten müssten umfassend informiert werden und auch wissen, dass sie die Kosten selbst tragen. Im neuen Patientenrechtegesetz, das in diesem Herbst vom Bundesrat behandelt werden solle, sei eine weitere Stärkung der Informationsrechte vorgesehen.

Wie viel Geld Patienten für die Igel-Angebote ausgeben und ob es dabei eine Steigerung gibt, konnte die Sprecherin nicht sagen. Da es sich um privatärztliche Verträge mit dem Patienten handele, gebe es im Gesundheitsministerium "keine systematische Erfassung".

Die Gesundheits- und Wirtschaftsressorts werden von den FDP-Ministern Daniel Bahr und Philipp Rösler geführt, die FDP hat die Igel-Leistungen mehrmals als "sinnvolle Ergänzung" verteidigt.