Innenarchitektur

Wenn die Stellwand kühlt und heizt

Revolution im Großraumbüro: Wissenschaftler ermöglichen individuelle Temperaturen, Schallschutzfolien schaffen angenehme Ruhe

- Die Zeiten, in denen sich der Status eines Angestellten in der Größe seines Büros widerspiegelte, gehen ihrem Ende entgegen. Der Trend geht zum Gemeinschaftsbüro, in dem niemand einen festen Arbeitsplatz hat. Vielmehr sucht sich jeder einen freien Platz fürs Arbeiten. Es gibt es einen kleinen, abgeteilten Konferenzraum für Meetings, eine schallgeschützte Ecke für vertrauliche Telefonate, eine Sitzgruppe für Teamtreffen und die ganz normalen Schreibtische. Laptop und Handy erlauben räumlich flexibles und doch vernetztes Arbeiten.

So stellt die Schweizer Bank Credit Suisse ihren Mitarbeitern in Zürich Büros zur Verfügung, die in manchen Bereichen mit edlen Perserteppichen und tiefen Sofas, Kaffeeautomaten und gedämpfter Beleuchtung ausgestattet sind. Andere Zonen haben viele Pflanzen, die sich um Besprechungstische gruppieren. Und wieder andere Teile sind so flexibel, dass man sich eine kleine Kommunikationswerkstatt aufbauen kann. Fürs konzentrierte Arbeiten gibt es auch Bereiche, in denen Sprechen und Telefonieren verboten sind.

Schreibtische werden geteilt

"Es geht nicht mehr darum, eine bestimmte Fläche unter Beachtung aller gesetzlichen Regelungen mit möglichst vielen Schreibtischen zu füllen, sondern wir wollen Arbeitsplätze schaffen, die Mitarbeiter inspirieren, motivieren und zur Kooperation anregen," sagt Martin Kleibrink, der als Architekt bei der Credit Suisse arbeitet. Auch weitere Firmen fahren damit nicht schlecht, denn es wird teure Bürofläche eingespart, wenn Schreibtische nicht leer bleiben, weil sein "Besitzer" in Urlaub oder unterwegs ist. "Bei der Credit Suisse hatten wir bisweilen eine Auslastungsquote der Arbeitsplätze von lediglich 50 Prozent", verrät Kleibrink. Damit aber ist eine Immobilie extrem schlecht ausgenutzt." Wenn man hingegen 20 Prozent weniger Arbeitsplätze vorhält, gibt es noch lange keinen Engpass, doch die Firma spart viel Geld.

Die neuen Raumkonzepte lösen immer mehr die klassischen Großraumbüros ab, in denen Dutzende Personen sitzen und nur durch Stellwände und Zimmerpflanzen voneinander getrennt sind. Das "Sick-Building-Syndrom" ist dort verbreitet: Sie hat keine klar definierten medizinischen Symptome, aber viele Büromenschen leiden darunter. Sie haben das Gefühl, dass ihre Arbeitsumgebung sie krank macht, weil es dort zu trocken, zu feucht, zu warm, zu kalt oder zugig ist. Manches Unwohlsein mag durchaus auch einer allgemeinen Unzufriedenheit zuzuschreiben sein, aber tatsächlich ist ein Nachteil der klassischen Großraumbüros, dass man es nie allen gleichzeitig recht machen kann.

Beim Erstarren Wärme abgeben

Hier hilft moderne Technik: Ein Wohlfühlklima wird nicht nur durch die Temperatur der Raumluft erzeugt, sondern der Körper kann auch die Oberflächenstrahlung der umgebenden Wände und Fenster spüren. So schafft man in einem größeren Raum lokal ein individuelles Klima, beispielsweise durch temperierte Stellwände. Hier kann man so genannte Phasenwechselmaterialien einsetzen. Dabei handelt es sich um Mikrokapseln, die mit Paraffin gefüllt sind. Sie bieten die Möglichkeit, Raumtemperaturen konstant zu halten und Spitzenwerte abzupuffern. Denn die mikrometerkleinen Kügelchen mit Kunststoffoberfläche enthalten ein Medium, das beim Schmelzen Wärme aufnimmt und speichert. Beim Erstarren wird diese Wärme wieder abgegeben.

Man kann zur individuellen Klimatisierung auch die Wärme- und Kältespeicherfähigkeit der Betonwände und -decken nutzen. Leitet man dort Wasser oder Luft durch Kanäle, kann man damit lokal heizen oder kühlen. Man kann dazu natürliche Temperaturunterschiede nutzen wie zum Beispiel die (warme) Außenluft oder oberflächennahe Erdwärme. Im Winter lässt sich die Temperatur im Büro durch eine Wärmepumpe geringfügig erhöhen. Im Sommer kann man die (kältere) Temperatur des Erdreichs zur Kühlung einzelner Gebäudeteile nutzen. Zimmerdecken werden so im Sommer zu Kühldecken und im Winter zu Heizelementen. Das spart Energie und macht Büros behaglich.

Der so erzielte Fortschritt hat aber auch eine Schattenseite: Die Bauweise macht die Räume lauter. "Früher, in den ganz normalen Großraumbüros, gab es schallschluckende Decken aus Lochplatten, dazu einen Teppichboden", sagt Christian Nocke vom Akustikbüro Oldenburg. "Betondecken, die als Heiz- und Kühlelemente dienen, reflektieren den Schall, die Bodenbeläge sind meist hart, außerdem hat man viel Glas. Und die Menschen müssen auf immer engerem Raum zusammenarbeiten. All das ist akustisch ungünstig."

Er und seine Mitarbeiter haben deshalb Schall absorbierende Materialien entwickelt, die man an den Wänden, an Raumteilern oder an den Schränken anbringen kann. Da geht es beispielsweise um Folien, die mit einer Unzahl winziger Löcher perforiert sind, und die man vor Wände spannen kann. "Ähnlich wie bei der Schalldämpfung mit Glaswolle verliert der Schall beim Durchgang durch die Löcher seine Energie", erklärt Nocke.

In den USA experimentieren Wissenschaftler damit, die Belästigung durch Gespräche der Kollegen dadurch zu mindern, dass man Geräusche überlagert. Denn gerade Sprache wird als störend empfunden, sagen finnische Forscher. Wenn ein leises Hintergrundrauschen die Sätze der Nachbarn unverständlich macht, lenken sie nicht mehr so stark ab.

Christian Nocke setzt hingegen auf Teppichböden, die nicht nur wie bisher die hohen, sondern auch tiefere Frequenzen schlucken und damit die Räume leiser machen. Erreichen lässt sich das, indem die Unterseite des Bodenbelags mit Filz unterschiedlicher Stärke kaschiert wird.

LED-Leuchtdecken wiederum können anregendes Licht bieten. Denn man kann weißes LED-Licht unterschiedlich aus farbigen Anteilen zusammensetzen. Forscher am Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO in Stuttgart haben herausgefunden, dass je nach seinen Bestandteilen weißes Licht unterschiedliche Wirkungen ausübt. Ein höherer Blauanteil macht Menschen aktiver, weißes Licht mit wenig Blau, verursacht hingegen Müdigkeit. Die IAO-Forscher entwickeln jetzt Lampen, bei denen man den Blauanteil einstellen kann: blauer für das Büro, weniger blau für Schlafräume.

Aktuelle Forschungsergebnisse könnten den Büro-Pionieren Recht geben: So fanden US-Forscher, dass Personen, die sich am Arbeitsplatz einsam fühlen, weniger produktiv sind. Die auch räumliche Zusammenarbeit mit Kollegen soll dagegen zufriedener und zugleich produktiver machen.