Lebensversicherungen

Garantiert angeschlagen

Lebensversicherungen gelten trotz niedrigen Zinsniveaus weiter als relativ gute Geldanlage. Doch die Zeit hoher Renditen ist vorbei

- Sie galten lange Jahre als eine der liebsten Altersvorsorge- und Geldanlagemöglichkeiten der Deutschen: Grundsolide, nützlich, verlässlich - das war das Image der klassischen Lebensversicherung. Doch als Folge aus der Finanz- und Schuldenkrise machen sich viele Versicherte Gedanken, ob das noch die richtige Anlage ist. Und auch die Branche sorgt sich.

Denn die anhaltende Niedrigzinsphase bereitet den Lebensversicherern zunehmend Probleme. "Das Modell der Lebensversicherung setzt voraus, dass die Zinsen irgendwann auch wieder steigen. Je länger die Zinsen unter der Inflationsrate liegen, also real negativ sind, desto länger bleiben die Produkte unter Stress", sagte Alexander Erdland, Vorstandsvorsitzender der Stuttgarter W&W-Versicherung und designierter Präsident des Gesamtverbandes der deutschen Versicherungswirtschaft im Gespräch mit der Berliner Morgenpost. Seit Monaten werfen sichere Staatsanleihen, wie die des Bundes, nicht mehr genug Rendite ab, um den Preisauftrieb auszugleichen.

Gefahr der Ungleichbehandlung

Trotz der schwierigen Situation an den Kapitalmärkten verteidigte Erdland die Lebensversicherung als gute Anlage. "Sie bietet in Zeiten hoher Ungewissheit ein relativ hohes Maß an Sicherheit", sagte er und verwies darauf, dass andere Finanzprodukte eine sehr viel niedrigere Verzinsung ausweisen würden. Der Finanzdienstleister W&W mit Sitz in Stuttgart konzentriert sich auf die beiden Geschäftsfelder Versicherung und Bausparen, mit den beiden Marken Württembergische und Wüstenrot.

Aktuell verzinsen Lebensversicherungen den eingezahlten Sparanteil des Versicherten im Durchschnitt mit einer Rendite von 3,9 Prozent pro Jahr. Die Tendenz ist jedoch seit Jahren sinkend. Erdland sieht deshalb zunehmend die Gefahr einer Ungleichbehandlung der Versicherten. "Es darf nicht so weit kommen, dass der Solidaritätsgedanke bei der klassischen Lebensversicherung überfordert wird", sagte er. Hintergrund sind die über Jahrzehnte zugesagten unterschiedlichen Garantieniveaus. Wer seinen Vertrag in den 90er-Jahren abschloss, kann auf eine jährliche Verzinsung von vier Prozent pochen, bei neuen Verträgen garantieren Versicherer gerade noch 1,75 Prozent.

Für die Branche ist dies ein heikles Thema. Bei der laufenden Verzinsung, die sich aus der Garantieverzinsung und der laufenden Überschussbeteiligung zusammensetzt, können viele Versicherer den Gleichbehandlungsgrundsatz aller Versicherten schon heute nicht mehr aufrechterhalten. Nach Angaben der auf Versicherungen spezialisierten Ratingagentur Assekurata liegt die laufende Verzinsung für 2012 bei 40 Prozent aller Anbieter bereits unter 4,0 Prozent und damit unter dem höchsten, jemals gewährten Garantiezins. Da Besitzern der Altverträge dennoch die 4,0 Prozent gutgeschrieben werden müssen, das zu verteilende Geld aber nicht mehr wird, gibt es bei neuen Verträgen entsprechend weniger. Dies kann bei anhaltender Niedrigzinsphase in den nächsten Jahren noch zu einem großen Problem werden: Laut Assekurata müssen Deutschlands Lebensversicherer knapp ein Viertel aller Verpflichtungen mit 4,0 Prozent verzinsen. Anleger werden sich künftig mehr denn je bereits vor dem Kauf einer Lebensversicherung überlegen, ob sie mit ihrem Geld beim Stopfen der Renditelücke helfen wollen.

Eine Lösung dieses Dilemmas ist nicht in Sicht. Den drastischsten Schritt, dass der Garantiezins auch bei Altverträgen abgesenkt wird, schloss Erdland aus. "Das ist nur in Ausnahmefällen rechtlich überhaupt möglich." Erst jüngst habe die Finanzaufsicht festgestellt, dass die deutschen Lebensversicherer selbst bei anhaltend niedrigen Zinsen noch für etliche Jahre ausreichende Ertragskraft haben.

Um zumindest bei neuen Verträgen nicht mehr 40 Jahre einen jährlichen Mindestzins versprechen zu müssen, der später unter Umständen nicht mehr erwirtschaftet werden kann, wird in der Branche derzeit viel über neue Garantiemodelle diskutiert. "Es wird zu fragen sein, ob man bei Neuverträgen flexibler mit den Garantien umgeht."

Nur begrenzte Garantien

Neben einer zeitlichen Staffelung, dass Garantien nur noch für einen begrenzten Zeitraum ausgesprochen werden, gibt es bei Versicherern auch die Überlegung, lediglich zu gewährleisten, dass Verbraucher ihre eingezahlten Beiträge am Ende der Laufzeit wiederbekommen. Eine Variation davon könnte sein, dies mit einem gewissen Renditeversprechen zu koppeln - allerdings auch erst am Ende der Laufzeit und nicht Jahr für Jahr. Dritter Denkansatz: Die Garantie ist an die Inflationsentwicklung gekoppelt. Mit höherer Inflation steigen für gewöhnlich auch die Zinsen am Kapitalmarkt und damit könnten leichter auch wieder höhere Renditen erwirtschaftet werden, so die Überlegung.

Neben neuen Garantiemodellen drängt Erdland auch darauf, dass sich die Branche unabhängiger von klassischen Lebensversicherungen macht. Das gilt auch für die Württembergische. "Wir werden die zinsunabhängigen Angebote weiter ausbauen, dazu gehören neben Schaden- und Unfallversicherungen auch fondsgebundene Lebensversicherungen." Derzeit machten die fondsgebundenen Produkte 30 Prozent am Neugeschäft in der Lebensversicherung aus, Ziel sei ein Anteil von 50 Prozent. Zudem sollten die Bereiche Berufsunfähigkeits- und Pflegeversicherungen sowie die private Krankenversicherung, vor allem mit Ergänzungstarifen, in den nächsten Jahren gestärkt werden.

Daneben geht aus Sicht des künftigen Verbandschefs für viele Versicherer kaum ein Weg an weiteren Sparrunden vorbei. "Die Branche muss insgesamt ihre Kosten senken. Druck auf die Erträge kommt durch die niedrigen Zinsen an den Kapitalmärkten und die verschärften Anforderungen der Regulatoren", sagte Erdland und verwies auf die höheren Eigenkapitalanforderungen durch die anstehenden Vorschriften von Solvency II.

Er sieht die Branche in einer Zwickmühle: Auf der einen Seite soll sie höhere Renditen für Kunden erwirtschaften, auf der anderen Seite soll sie selbst solide Infrastrukturprojekte mit unverhältnismäßig viel Eigenkapital unterlegen. "Die Versicherer könnten einen wichtigen Beitrag zur Finanzierung der Energiewende leisten, man muss uns allerdings lassen."