Prognosen

Die Wirtschaftskrise erreicht die deutsche Industrie

Viele Firmen haben ihre Prognosen gesenkt. Jetzt könnte Schwergewicht Siemens folgen

- Die anhaltende Euro-Krise und das schwächere Wachstum in China machen jetzt auch der deutschen Industrie zu schaffen. Viele Quartalszahlen, die Unternehmen jetzt vorlegen werden, dürften unter den Erwartungen liegen. Und nachdem bereits der Halbleiterhersteller Infineon, der Motorenbauer Deutz und der Sportartikler Puma ihre Zahlen nach unten korrigiert haben, könnte nun auch Deutschlands größter Industriekonzern Siemens folgen.

Die Entwicklung bestätigt, dass die deutsche Industrie gegen die weltwirtschaftliche Entwicklung nicht immun ist. Zwar hält Deutschland der Krise bislang wacker stand, doch die Industrie stellt sich trotzdem auf harte Zeiten ein. Damit wird zunehmend fraglich, ob die erhoffte Erholung im zweiten Halbjahr wirklich kommen wird. Der Bundesverband der Deutschen Industrie hatte noch im April gemeldet, es bestünde "Anlass zur Zuversicht, dass sich die deutsche Wirtschaftsleistung in der zweiten Jahreshälfte deutlich beleben könnte". Ähnlich hatte sich auch Siemens geäußert.

Doch die Aussichten sind nicht gut. Der Internationale Währungsfonds (IWF) bezeichnet die europäische Schuldenkrise als das größte Risiko für die globale Konjunktur und korrigierte den globalen Wirtschaftsausblick nach unten. Weltweit werde die Wirtschaft nur um 3,5 Prozent wachsen. 2013 sollen es 3,9 Prozent sein. Die Euro-Zone werde in diesem Jahr in einer Rezession sein - Deutschland stehe mit einem Prozent Wachstum noch gut da.

Bei Siemens obliegt es gewöhnlich Finanzvorstand Joe Kaeser, den Markt auf härtere Zeiten einzustimmen. So sagte er bei einer Reise nach Washington Ende Juni, der Konzern müsse eine "steinige Straße" bewältigen, wolle er noch die Finanzziele für 2012 erreichen. Dabei hatte Siemens bereits im Frühjahr seine Gewinnprognose von sechs auf 5,2 bis 5,4 Milliarden Euro gesenkt.

China schwächelt

Mit Spannung wird daher der Auftritt von Siemens-Chef Peter Löscher erwartet, der am Donnerstag die jüngsten Zahlen zur Geschäftsentwicklung vorlegt. Viele fragen sich, ob er das Gewinnziel für das laufende Jahr noch einmal senkt.

Die Krise macht sich auch beim Halbleiterhersteller Infineon bemerkbar. Das Geschäft läuft schlechter als erhofft. In der kommenden Woche wird Konzernchef Peter Bauer, der im September aufhört, vermutlich einen leicht sinkenden Umsatz für das abgelaufene Quartal melden. Die Gewinnprognose für das dritte Quartal hatte er bereits Ende Juni gekappt. Dabei war Bauer noch lange davon ausgegangen, sowohl den Umsatz als auch Gewinn halten zu können.

Den Unternehmen macht nicht allein die Euro-Krise zu schaffen. Auch schleppende Geschäfte in China setzen der deutschen Wirtschaft zu. In den vergangenen Jahren konnten die Hersteller noch darauf setzen, Absatzprobleme in Europa durch die hohe Nachfrage in den Schwellenländern auszugleichen. Neben Brasilien und Indien steht China hier an vorderster Stelle. Doch das gilt nicht mehr automatisch. Siemens-Finanzchef Kaeser wurde in seiner Prognose für das China-Geschäft ungewohnt deutlich: Er erwarte bis Jahresende ein "sehr schwaches China". Die Dynamik werde erst 2013 zurückkehren.

Chinas Wirtschaft legte im zweiten Quartal 2012 um 7,6 Prozent zu, immer noch ist das Land ein Wachstumsmotor der Weltwirtschaft und ein bedeutender Markt. Doch von Wachstumsraten über zehn Prozent ist das Land weit entfernt.

Auslandsnachfrage fehlt

Eine schwache Nachfrage beklagt auch die deutsche Stahlindustrie. Hier hat sich das Branchenklima heftig eingetrübt. Die Wirtschaftsvereinigung Stahl überlegt bereits, ihre Jahresprognose zu verringern. Bislang sagen die Verbandsexperten für 2012 ein Produktionsvolumen von 44 Millionen Tonnen voraus - was nahezu exakt der Vorjahresmenge entspräche.

Der Stahlindustrie fehlt vor allem die Nachfrage aus dem Ausland. Rund 50 Prozent der deutschen Produktion gehen in den Export. Zu den größten Kunden gehören die namhaften Autokonzerne in Frankreich, Spanien und Italien. Deren Geschäft ist aber eingebrochen. Ohnehin liegt der Stahlverbrauch in den schuldengeplagten Staaten Südeuropas um mehr als die Hälfte unter dem Vorkrisenniveau, meldet Gisbert Rühl, Chef des Stahlhändlers Klöckner&Co.

Die Unternehmen sparen. Allerorts ist da von wachsendem Druck auf die Mitarbeiter zu hören, weniger Geld für Reisen auszugeben und weniger Büromaterial zu verbrauchen. Ein süddeutscher Autobauer etwa wies seine Verwaltungsabteilungen an, jeweils die Kosten um fünf Prozent zu senken. Der Lkw-Bauer MAN beschloss einen Einstellungsstopp.

Auch Siemens spart. Es ist keine Rede davon, wieder ein großes Sparprogramm wie 2008 aufzulegen, als Tausende Stellen wegfielen. Dafür aber gingen Arbeitnehmervertreter schon vor Wochen davon aus, dass im Abschlussquartal die Kosten gedrückt würden, um das Gewinnziel doch noch zu erreichen.

Doch nicht alle klagen. Deutschlands Maschinenbauer bewerten die Lage optimistischer. "Natürlich sind auch wir nicht losgelöst von den Problemen durch die Euro-Schuldenkrise", sagt Olaf Wortmann, Konjunkturexperte beim Branchenverband VDMA. Für 2012 sei bei den Auftragseingängen bislang ein Gesamtminus von acht Prozent aufgelaufen, aber Besserung sei in Sicht: "Die Lage ist derzeit gut." Nach den ersten fünf Monaten 2012 betrage das Produktionsplus 4,3 Prozent, sagt Wortmann: "Damit sind wir sogar besser als erwartet."