E-Commerce

Zalando schreit vor Glück

Der Online-Schuh- und Modehändler verdreifacht seinen Umsatz. Die Konkurrenz bricht reihenweise ein

- Wer beim Stichwort Schuhverkäufer noch Al Bundy aus der legendären 90er-Jahre-Serie "Eine schrecklich nette Familie" im Kopf hat, sollte sein Bild spätestens jetzt revidieren. Der moderne Schuhhändler kann es sich heute nicht mehr leisten, wie der mürrische Serien-Antiheld, im Laden mit unterirdischer Beratung aufzuwarten, um sich dann nach ungetaner Arbeit vor den Fernseher zu werfen. Nein, der moderne Schuhverkäufer setzt Schuhe über das Internet um, global, mit Sinn für Service, im Sekundentakt. Am erfolgreichsten ist dabei das Berliner Unternehmen Zalando.

Erstmals hat das Unternehmen konkrete Umsatzzahlen für das vergangene Geschäftsjahr herausgegeben und direkt eine Rekordzahl veröffentlicht: 510 Millionen Euro und damit mehr als das Dreifache zum Vorjahr setzte der Händler um. Und das, obwohl das Unternehmen erst 2008 aus dem Nichts gegründet wurde. Der junge wilde Konkurrent aus Berlin erobert derzeit mit Schuhen und Mode den elektronischen Versandmarkt.

Die Mitbewerber dürften alles andere als vor Glück schreien. Dabei ist die Stimmung auf dem Markt sowieso schon frostig. Leiser und Neckermann melden Insolvenz an, Otto ist in der Krise, Karstadt streicht Stellen, bei dem Schuhhändler Görtz sank der Umsatz 2011 um fünf Prozent, nun sollen 30 der 260 Filialen gestrichen werden.

Kein Kommentar zum Ergebnis

Zalando, das bis vor Kurzem noch als Start-up der drei blutjungen Geschäftsführer Robert Gentz, Rubin Ritter und David Schneider galt, heizt dem Markt ordentlich ein. Von den Lagern in Brieselang und Großbeeren verschicken sie ihre Ware in zwölf europäische Länder. Polen und Norwegen stehen als Nächstes auf der Expansionsliste. Im Juli eröffnete bereits ein Technologiestandort in Dortmund, an dem bald schon 60 Mitarbeiter Marketingideen entwickeln und Logistik und Versand voranbringen sollen. Im Spätsommer wird ein weiteres Lager in Erfurt dazukommen. 2009, im ersten Jahr nach der Gründung, setzte das Unternehmen netto bereits sechs Millionen Euro um, 2010 waren es bereits 150 Millionen. Mehr als 1000 Mitarbeiter treiben den Online-Shop in Berlin voran, mittlerweile bieten sie auch Kleidung und Accessoires an.

Wie groß Zalando aber wirklich ist, darüber schweigen die drei Herren hartnäckig. Die zuständige Pressesprecherin habe noch kein Telefon, deshalb möge man die Anfrage doch per E-Mail schicken. PR-Profi ist sie aber auch ohne Telefon. Verdient Zalando Geld? Kein Kommentar. Wann soll der Umsatz eine Milliarde betragen? "Wir sind auch in diesem Jahr bisher sehr erfolgreich gewachsen und haben das auch in der zweiten Jahreshälfte vor." Wie hoch ist der Marketingetat? "Wir werden weiter in Marketing-Kanäle investieren. Zudem erschließen wir noch weitere Kanäle wie Print stärker." Transparenz ist etwas anderes. Fest steht: So nebulös die Aussagen aus der Pressestelle auch sind, in der Öffentlichkeit will das Online-Geschäft deutlich wahrgenommen werden. Dafür macht es aggressiv auf sich aufmerksam. An der schrillen Werbung mit dem Slogan "Schrei vor Glück oder schick's zurück" kommt man so leicht nicht vorbei. Die gepixelten FKK-Hippies vom Campingplatz, auf den der verstörte Postbote Zalando-Kartons liefert, sorgten wochenlang für Gesprächsstoff. Sie erfüllten damit ihren Werbezweck. Wem die Schuhe aus dem Internet doch nicht gefallen oder passen, der schickt sie kostenlos wieder zurück ins Lager nach Berlin. Immer wieder taucht in Berichten die Rücksendequote von 70 Prozent auf.

Die Zahl will die Pressestelle - und das überrascht nun kaum mehr - nicht kommentieren, nur so viel: "Wir arbeiten hart daran, diese weiterhin zu reduzieren." Ausführliche Produktinformationen und eine Telefonberatung sollen es richten. Der riesige Bedarf an Lagerfläche und die Werbekampagnen stellen den größten Kostenfaktor für das Unternehmen dar. Finanziell im Rücken stehen der Firma die Samwer-Brüder aus Köln, ihr Internetunternehmen European Founders gehört zu den wichtigsten der Welt. Laut dem US-Magazin "Business Week" sind sie mittlerweile eine Milliarde schwer. Ihr Konzept ist eine Art "Copy and Paste". Die drei Brüder kopieren und finanzieren Internetunternehmen, bauen sie rasend schnell auf und verkaufen sie dann für viel Geld weiter, nicht selten an das Original. Im Internet sind sie als "copycats" bekannt, klauen und wiederverwerten heißt das Prinzip. Eigene Ideen? Fehlanzeige. 1999 gingen die Unternehmer mit dem Internetkaufhaus Alando an den Markt. Nach nur 100 Tagen verkauften die Brüder ihre Firma an das amerikanische Original Ebay - für 43 Millionen Dollar. Später entwickelten sie den größten Europäischen Klingeltonanbieter Jamba, bauten YouTube nach und verkauften es als MyVideo. Dann kopierten sie den Gutscheinhändler Groupon, um ihn schließlich als Citydeal wieder abzustoßen. Auch Zalando ist ein Ableger. Seinem amerikanischen Vorbild, dem Schuhhändler Zappos, gleicht der Onlineauftritt bis ins Detail. Zalando läuft für die Investoren hervorragend. Und am Ende wird es sein wie immer: Die Brüder werden das Unternehmen für Milliarden verkaufen. Oder vielleicht sogar an die Börse hieven.