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Fahnder besuchen Anton Schlecker

Justiz ermittelt gegen Firmengründer der Drogeriekette wegen Untreue und Bankrott. Bundesweite Razzia

- Razzia bei Schlecker: Die Staatsanwaltschaft nimmt den Gründer der zusammengebrochenen Drogeriemarktkette, Anton Schlecker, und seine Kinder ins Visier. Gegen Firmengründer Anton Schlecker hat die Staatsanwaltschaft Stuttgart ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts auf Untreue, Insolvenzverschleppung und "Bankrott" eingeleitet. Das Verfahren bezieht sich nach Angaben der Behörden auch auf 13 weitere Personen. Namen nannte sie nicht. Um Beweise zu sichern, startete die Staatsanwaltschaft Stuttgart am Mittwochmorgen eine Razzia gleich in mehreren Bundesländern. 160 Ermittler und neun Staatsanwälte durchsuchten vier Geschäftsräume und 18 Wohnungen, darunter die Privatvilla Schleckers.

Durchsucht wurden in Ehingen in Baden-Württemberg die ehemalige Firmenzentrale von Schlecker und zwei weitere Büros sowie ein Geschäftsraum in der Region Osnabrück. In Osnabrück ist die Schlecker-Tochter Ihr Platz angesiedelt. In Ehingen besitzt die Familie Schlecker Immobilien.

Ein Sprecher von Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz bestätigte, dass er im Vorfeld über die Aktivitäten der Staatsanwaltschaft informiert gewesen sei. Der Verwalter werde die Ermittlungen "nach Kräften unterstützen". Kein Wunder - könnten die Untersuchungen der Staatsanwaltschaft doch dazu führen, dass Geld in die von Geiwitz verwaltete Masse-Kasse für die Gläubiger kommt. Auch bei der Gewerkschaft Ver.di wurde das Ermittlungsverfahren positiv aufgenommen: "Das ist auch ein wichtiges Signal an die Ex-Beschäftigten von Schlecker, die ja die Hauptleidtragenden der Insolvenz sind", sagte Ver.di-Sprecher Christoph Schmitz.

Die Ermittler in Stuttgart, die die Schwerpunktstaatsanwaltschaft für Wirtschaftsstrafsachen bilden, hatten schon Mitte Juni Vorprüfungen aufgenommen, ob die Schlecker-Pleite mit Straftatbeständen in Verbindung steht. Das ist bei Insolvenzen durchaus üblich. Derart große Razzien wie bei Schlecker und Ermittlungsverfahren gegen so viele Verdächtige sind jedoch ungewöhnlich.

Die gesetzlichen Vorschriften gegen Insolvenzverschleppung sind streng: Bemerkt eine Unternehmensführung, dass der Tatbestand der Insolvenz erfüllt ist, muss sie umgehend den Antrag beim Amtsgericht stellen. Passiert das nicht oder zu spät, können sich die Verantwortlichen strafbar machen. Offenbar gibt es ernsthafte Hinweise darauf, dass das in Teilen des Schlecker-Falls passiert sein könnte. In Bezug auf die Insolvenz seines Kernunternehmens in Deutschland kann Anton Schlecker allerdings wenig passieren, denn das führte er als "eingetragener Kaufmann" ("e. K."). Hier greifen die Regelungen zur Insolvenzverschleppung nicht, weil sie sich nur auf juristische Personen beziehen - und eine solche ist der "eingetragene Kaufmann" Anton Schlecker nicht. Bei dieser Rechtsform, die für große Unternehmen sehr ungewöhnlich ist, steuert der Eigentümer sein Unternehmen in eigener Verantwortung. Dafür aber muss er mit seinem Vermögen haften. Bei einer Verurteilung drohen dem Unternehmer bis zu fünf Jahre Haft.

Ver.di hatte nach der Insolvenz immer wieder kritisiert, dass Anton Schlecker sein Unternehmen als eingetragener Kaufmann hat führen können. "Es ist nicht akzeptabel, dass das Handelsgesetz es zulässt, dass ein Unternehmen mit dieser Beschäftigtenzahl und der Bilanzsumme von Schlecker in dieser Form geführt werden darf. So wird mangelnder Transparenz und Verschleierung Vorschub geleistet", heißt es bei Ver.di. Die Gewerkschaft geht davon aus, dass in einer anderen Rechtsform die Schieflage des Unternehmens früher erkannt worden wäre.

Doch die Staatsanwälte ermitteln gegen Schlecker auch wegen Untreue: Seit Längerem schon ist die Rede davon, dass Anton Schlecker vor der Insolvenz Teile des Firmenvermögens wie Immobilien und teure Autos auf Familienmitglieder übertragen haben könnte, um sie in Sicherheit zu bringen. Andeutungen des Insolvenzverwalters lassen darauf schließen, dass sein Team Hinweise auf eine solche Vorgehensweise hat. Auch bei der Staatsanwaltschaft ist von Vermögensverschiebungen die Rede. Sollte eine solche Übertragung von Werten innerhalb von vier Jahren vor der Insolvenz durchgeführt worden sein, kann sie relativ einfach rückgängig gemacht werden. Das so zurückgeholte Vermögen käme dann den Gläubigern zugute. Unklar ist, ob auch weitere Familienmitglieder der Schleckers, die von solchen Übertragungen profitiert haben könnten, unter den Beschuldigten sind, mit denen sich die Staatsanwaltschaft jetzt intensiv beschäftigt. Im Falle einer Verurteilung drohen bis zu fünf Jahre Haft.

Schlecker, die einstmals größte Drogeriemarktkette Europas, hatte Ende Januar Insolvenz angemeldet. Ende Juni schlossen die letzten der einstmals über 5000 Filialen in Deutschland, rund 25.000 Mitarbeiter verloren ihre Jobs. Die Summe der unbezahlten Rechnungen liegt bei über 600 Millionen Euro.