Interview

"90 Prozent der Berliner Unternehmer engagieren sich"

Eric Schweitzer und Stefan Schwarz über die Bedeutung der Mendelssohn-Medaille

- Richtige Unternehmer machen mehr als einfach nur ihr Geschäft. Diese Idee liegt dem Wettbewerb um die Mendelssohn-Medaille zugrunde. Mit ihr werden Firmen geehrt, die sich für Berlin einsetzen, soziale und kulturelle Aktivitäten fördern. Gestiftet wird der Preis von den Präsidenten von Handwerkskammer und Industrie und Handelskammer (IHK). Mit Stephan Schwarz und Eric Schweitzer sprach Hans Evert.

Berliner Morgenpost:

Wo in Berlin ist der Einsatz engagierter Unternehmer gefragt?

Eric Schweitzer:

Ich glaube nicht, dass man Engagement gegeneinander aufwiegen kann. Es gibt so viele verschiedene Wege, sich als Unternehmer einzubringen. Ich bin jedes Jahr aufs Neue überrascht, auf was für Ideen die Bewerber kommen. Das ist nicht nur spannend zu sehen, sondern zeigt auch die Kreativität der Berliner.

Stephan Schwarz:

Es gibt in unserer Stadt eine ganze Reihe von Möglichkeiten, sich zu engagieren und die werden zum Glück auch genutzt. Wir haben in den vergangenen Jahren immer wieder gesehen, dass sich die Berliner Unternehmerschaft eine Menge einfallen lässt, um benachteiligten Menschen zu helfen. Das ist ja das Interessante an der Mendelssohn-Medaille: Wir sind jedes Jahr verblüfft über die Vielfalt des ehrenamtlichen Engagements. Wenn wir die Bewerbungen betrachten und bewerten, ist es immer wieder erstaunlich zu sehen, auf welche Ideen die Betriebe kommen. Das geht von der Unterstützung eines Boxclubs über die Hilfe für chronisch kranke Kinder und Initiativen im Kampf gegen AIDS bis hin zum kostenlosen Essen für Obdachlose. Was aber mindestens ebenso interessant ist, ist die Tatsache, dass sich sowohl sehr große Unternehmen als auch kleine Einzelunternehmer unter den Siegern der vergangenen Jahre finden. Ich glaube, das ist ein Indiz, dass es nicht auf die Betriebsgröße ankommt, wenn es darum geht, in Berlin etwas zu bewegen.

Vor zwei Jahren sagten Sie, Herr Schwarz, es sei noch "Luft nach oben" beim Engagement. Hat sich was getan?

Schwarz:

Ja, glücklicherweise. Seit es den Preis gibt, beobachten wir nicht nur, dass die Beteiligung von Jahr zu Jahr größer wird, sondern auch, dass sich die Bandbreite des Engagements verändert. Die Unternehmen sind sehr kreativ, wenn es darum geht zu helfen. Das muss aber auch so sein, denn in einer Stadt wie Berlin wird es immer Bedarf an engagierten Unternehmen und Unternehmern geben.

Schweitzer:

Da kann ich Stephan Schwarz nur zustimmen. Zum Unternehmerbild gehört nicht nur der wirtschaftliche Erfolg. Neben der Schaffung von Arbeitsplätzen und dem Zahlen von Steuern hilft ein Unternehmer dem Gemeinwesen am meisten, wenn er etwas für die Gesellschaft tut. Seit der Preis etabliert ist, wird die Fülle an Möglichkeiten in jedem Jahr offensichtlicher.

Hat sich das Bewusstsein verändert?

Schweitzer:

Ich denke, viele Berliner Unternehmer verfügen seit eh und je über ein soziales Bewusstsein. Allerdings äußert sich dies - anders als beispielsweise in den USA - eher abseits der Öffentlichkeit. In Berlin engagieren sich 90 Prozent der mittelständischen Unternehmen - aber sie reden kaum darüber. Das ist ein zentraler Grund, warum Stephan Schwarz und ich die Mendelssohn-Medaille ins Leben gerufen haben. Wir möchten eine Anerkennungskultur etablieren, damit andere Unternehmer motiviert werden.

Schwarz:

Ich denke nicht, dass sich das Bewusstsein der Unternehmer verändert hat, die Idee vom "ehrbaren Kaufmann", der schwächeren Menschen hilft, ist bei den meisten Berliner Unternehmen tief verwurzelt. Aber ich glaube, dass wir mit der Mendelssohn-Medaille dazu beigetragen haben, deutlich zu machen, dass es zahlreiche Möglichkeiten gibt zu helfen. Das war ja auch unsere Absicht: Zu zeigen, dass es viel soziales Engagement in Berlin gibt und zur Nachahmung anzuregen.

Die Unternehmerlandschaft Berlins verändert sich. Müssen die neuen Firmen "aufgefordert" werden sich zu engagieren?

Schwarz:

Natürlich gibt es neu angesiedelte Unternehmen aus Ländern, in denen unternehmerisches Engagement eine gewisse Tradition hat und die unternehmerisches Engagement als Selbstverständlichkeit betrachten. Aber auch deutsche Start-ups sind sehr daran interessiert, sich einzubringen. Viele Firmen wollen helfen, wissen aber nicht so richtig, wie sie das anstellen sollen. Hier setzen wir mit der Mendelssohn-Medaille an. Wir wollen zeigen, was in Berlin nötig und möglich ist.

Schweitzer:

Ich sehe keinen Unterschied zu "etablierten" Unternehmern. Engagement ist keine Frage der Größe eines Unternehmens. Ich glaube auch nicht, dass Unternehmen aufgefordert werden müssen. Aber mit der Verleihung eines Preises für gesellschaftliches Engagement rückt das Thema in den Blickwinkel der Öffentlichkeit. Das erinnert die Menschen immer wieder aufs Neue, dass das Bild des ehrbaren Kaufmanns keine Worthülse ist.

Zur Zeit des Namensgebers des Preis, Franz von Mendelssohn (1865-1935) gab es ein reges Stifter- und Mäzenatentum in Berlin. Wird Berlin wieder dorthin kommen?

Schwarz:

Sagen wir mal so: Zu Zeiten Mendelssohns war Berlin ein herausragendes wirtschaftliches Kraftzentrum in Deutschland mit entsprechend potenten Industriellen und Bankiers, die sich als herausragende Mäzene erwiesen. Trotz der Fortschritte der vergangenen Jahre sind wir davon leider noch meilenweit entfernt. Mäzenatentum und wirtschaftlicher Erfolg sind untrennbar miteinander verbunden. Die gute Entwicklung der Berliner Wirtschaft wird das soziale Engagement aber weiter beflügeln.

Schweitzer:

Es wäre schön, wenn wir wieder dahin kämen. Doch darf man auch nicht übersehen, dass sich die gesellschaftlichen Umstände verändert haben. Bis 1933 taten sich vor allem jüdische Förderer wie James Simon, der beispielsweise die Nofretete nach Berlin holte, als Stifter und Mäzene hervor.

Nach 1945 war das ganze Stadtbild leider ein anderes. Darunter litten auch sehr stark die Wissenschaften und das Mäzenatentum. Der Mauerbau 1961 tat sein übriges. Seit der Wiedervereinigung setzen sich aber auch wieder verstärkt westdeutsche Förderer in Berlin ein. Ich hoffe sehr, dass das noch nicht das Ende des Liedes ist. Berlin hat auch in diesem Gebiet ein enormes Potenzial.