Steinschlag-Schäden

Versicherer sparen Geld für Glasbruch

Steinschlag-Schäden machen bislang drei Viertel aller Kasko-Fälle aus. Das soll sich ändern

- Die großen deutschen Autoversicherer versuchen, ihre Reparaturkosten für Glasschäden an Fahrzeugen einzudämmen. Mehrere der zehn größten Versicherungen signalisierten auf Anfrage der Berliner Morgenpost, dass sie ihre derzeitige Praxis überprüfen, Ausbesserungen mit Spezialharz bei Kaskoversicherten komplett zu zahlen. Glasschäden machen nach Angaben des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) zahlenmäßig drei Viertel aller gemeldeten Kasko-Fälle aus und damit weit mehr als jede andere Schadensart. Die Versicherungsbranche kostete das Harzen und das Austauschen zuletzt 1,3 Milliarden Euro pro Jahr, das sind 45 Prozent aller Kosten der Kaskoversicherung. Zum Vergleich: Diebstähle waren gerade mal für knapp zwölf Prozent aller gemeldeten Kaskoschäden verantwortlich.

Die Allianz teilte mit, sie beobachte die Entwicklungen am Autoglasmarkt und werde "daraus gegebenenfalls Handlungsoptionen ableiten". Konkurrent Zurich schreibt, man mache sich "selbstverständlich Gedanken" über künftige Produktgestaltungen. Hintergrund ist offenbar, dass die Hoffnung der Versicherer, durch die Spezialharzbehandlungen die Ausgaben insgesamt zu senken, enttäuscht wurden. Die Zurich-Gruppe etwa berichtet von einer in den vergangenen Jahren spürbar gestiegenen durchschnittlichen Schadenssumme für Glasschäden. Zwei unter den Top Ten der deutschen Autoversicherer haben ihre Freigiebigkeit gegenüber Carglass und Co. bereits spürbar eingeschränkt: Kunden der Hannoveraner VHV müssen sich seit 2010 erst die Genehmigung von der Versicherung einholen, bevor sie in die Werkstatt fahren, ebenso die Kunden der Wiesbadener R+V-Gruppe. Bei der VHV ist seither die Zahl der in Anspruch genommenen Glasausbesserungen um fast ein Drittel gesunken.

Branche mit Auftragseinbruch

Sollte tatsächlich ein Teil der großen Kraftfahrzeuge-Versicherer künftig eine Selbstbeteilung der Versicherten für Ausbesserungen verlangen, hätte dies spürbare Folgen für das Geschäft der Autoglaser. Carglass behandelt nach eigenen Angaben ein Drittel aller Glasschäden in Deutschland, das waren im vergangenen Jahr rund 800.000 Schäden an Autoscheiben. Die Branche verzeichnete in den vergangenen Monaten einen Auftragseinbruch von rund einem Fünftel, was jedoch laut Carglass Marketing- und Vertriebschef Matthias Rolinski nicht auf eine neue Skepsis der Versicherer, sondern eher auf einen milden Winter zurückzuführen sei. Das Unternehmen steht jedoch in der Kritik. Carglass, so ein häufiger Vorwurf von Versicherungs- und KfZ-Sachverständigen, schaffe sich seine eigene Nachfrage, indem es auf die Angst der Kunden setze - nämlich davor, dass schon kleinste Risse für den Fahrer gefährlich sein könnten. Eine unangemessene Übertreibung, findet der Bundesverband der Autoglaser, in dem Carglass nicht Mitglied ist. Deren Vorstandsvorsitzender Thomas Klein sagte in einem Interview: "Die Werbung fördert beim Autofahrer die Angst. Carglass hat den Menschen eingeredet, dass jeder kleine Steinschlag sofort repariert werden muss." Dem Urteil des Verbandssprechers stimmen viele Versicherer zu. "Auch wenn die Werbung anderes suggeriert, ist eine Scheibenreparatur gerade bei kleinen Steinschlagschäden in den meisten Fällen nicht erforderlich", sagt Karsten Eichner von der R+V-Gruppe. Carglass-Marketingmanager Rolinski hält dagegen, das firmeneigene Forschungszentrum habe ermittelt, dass nachweislich aus jedem Steinschlag irgendwann einmal ein Riss werde.