Nahverkehr

Berliner U-Bahn, gebaut in Berlin

Erstmals erhält der Pankower Hersteller Stadler einen Auftrag für Untergrundzüge der BVG

- Sie sind eines der wohl bekanntesten Markenzeichen Berlins, die gelben U-Bahnen der BVG. Doch was da zur Freude mancher Touristen täglich so über die Gleise rumpelt und quietscht, ist nicht selten museumsreif. Ersatz ist dringend nötig, und der wird - nach längerer Abstinenz - nun auch wieder in Berlin gebaut.

Wie die Stadler Pankow GmbH bekannt gab, hat sich das Unternehmen in einer europaweiten Ausschreibung einen Auftrag der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) gesichert. Das zum Schweizer Schienenfahrzeughersteller Stadler Rail AG gehörende Unternehmen wird für die BVG die nächste Generation von U-Bahn-Wagen für das sogenannte Kleinprofil entwickeln und auch produzieren.

Zum Kleinprofil gehören die ältesten U-Bahn-Linien in Berlin, die bereits Anfang des 20. Jahrhunderts zum Teil noch auf Hochbahn-Viadukten angelegt wurden. Weil der Bau von Gleisverbindungen im Untergrund anfangs noch technologisch aufwendig und schwierig war, fielen die Tunnel damals noch recht klein aus. Die Folge: Die Züge, die auf diesen Linien fahren - beispielsweise auf der U2 -, müssen bis heute schmaler gebaut sein als die Wagen, die auf den später errichteten Linien des sogenannten Großprofils (U5 bis U9) eingesetzt werden.

Testzüge werden bis 2015 gebaut

Der jetzt an Stadler Pankow vergebene Auftrag beinhaltet zunächst den Bau von zwei sogenannten Vorserienfahrzeugen, die die BVG ab 2015 ausgiebig testen will. Bewähren diese sich im Alltag, kann Stadler ab 2017 noch bis zu 34 weitere Züge liefern. Sie sollen die dann 45 Jahre alten Wagen der Baureihe A3L71 ablösen. Der Auftrag hat nach BVG-Angaben ein Gesamtvolumen von 158 Millionen Euro.

Für die Stadler Pankow GmbH ist dies bereits der zweite Großauftrag für den Nahverkehr in der Region, entsprechend wird gefeiert. Aktuell werden in den Berliner Werken in Pankow, Reinickendorf, Hohenschönhausen und im brandenburgischen Velten bereits für 146 Millionen Euro neue Züge für die Ostdeutsche Eisenbahn GmbH (Odeg) gebaut. Die Odeg wird ab Dezember 2012 von der Deutschen Bahn den Betrieb der Regionalexpress-Linien RE2 (Wismar-Berlin-Cottbus) und RE4 (Rathenow-Berlin-Jüterbog) übernehmen. Stadler liefert dafür 16 neue Doppelstocktriebwagenzüge vom Typ Kiss, wie sie bislang nur in der Schweiz und in Österreich fahren.

Mit dem neuerlichen Erfolg bei einer Ausschreibung kann Stadler dem bisherigen Marktführer in der Region, dem kanadischen Schienenfahrzeughersteller Bombardier, zunehmend das Geschäft streitig machen. Bombardier mit seinen Werken im brandenburgischen Hennigsdorf und im sächsischen Bautzen war zumindest bei den Schienenfahrzeugen zuletzt Hauptlieferant der BVG. Dem Berliner Nahverkehrsunternehmen hat Bombardier sowohl die jüngsten Generationen für die U-Bahn als auch für die Straßenbahn geliefert. Doch speziell bei den zwischen 1996 und 2007 gebauten U-Bahn-Wagen der Baureihen H und HK gab es verschiedene technische und konstruktive Mängel, die zu juristischem Streit und teuren Rückrufaktionen führten.

Eine der Erfahrungen der BVG aus diesen Problemen war, dass sie Aufträge nicht mehr komplett für eine gesamte Serie an Neufahrzeugen vergibt, sondern zunächst nur für sogenannte Vorserienfahrzeuge. Denn anders als etwa bei der Herstellung von Omnibussen gibt es im Schienenfahrzeugbau keine Massenfertigung. Es werden Kleinserien auf Kundenwunsch gebaut. Die ersten Züge haben daher alle möglichen Kinderkrankheiten, die schnell zum Ausfall des Fahrzeugs führen können. Für ein Unternehmen wie die BVG, das allein mit der U-Bahn täglich rund 1,3 Millionen Fahrgäste befördert, alles andere als wünschenswert.

Erstmals praktiziert hat die BVG das neue Vergabeverfahren bei der Bestellung der Flexity-Straßenbahnen. Sie schloss mit Bombardier einen Rahmenvertrag, der zunächst die Lieferung von vier Vorserien-Bahnen beinhaltete. Die wurden ab 2008 erprobt. Seit 2011 liefert Bombardier nun die insgesamt bestellten 138 Serienfahrzeuge aus. Diese weisen nun im Vergleich zur Vorserie mehr als 60 konstruktive Verbesserungen auf.

Zehn Zentimeter breiter

Bei den neuen U-Bahn-Wagen geht die BVG nun denselben Weg. Zunächst liefert Stadler bis 2015 zwei Musterzüge mit jeweils vier Wagen aus. Erst danach will die BVG entscheiden, ob sie von der Option zur Bestellung weiterer 34 Züge Gebrauch machen wird. "Wir sind aber sehr optimistisch, dass wir mit unserem Angebot überzeugen werden", sagte Stadler-Sprecherin Katrin Block. Gebaut werden die neuen Züge auf jeden Fall in den Produktionsstätten in Pankow, Reinickendorf und Hohenschönhausen. Der BVG-Auftrag sei ein wichtiger Garant für die derzeit mehr als 1000 Stadler-Arbeitsplätze in Berlin, heißt es. Wie die neuen U-Bahn-Züge für Berlin genau aussehen werden, ist noch unklar. Allerdings hat die BVG bereits klare Vorgaben gemacht.

So werden die neuen Wagen zehn Zentimeter breiter sein als die aktuell 2,30 Meter breiten Fahrzeuge. Möglich wird dies durch eine sogenannte "Bombierung". Die U-Bahn-Wagen wölben sich dabei in der Mitte leicht nach außen, wodurch mehr Platz im Fahrgastraum entsteht. Der soll auch dafür genutzt werden, größere Mehrzweckbereiche für Menschen mit Behinderungen oder viel Gepäck zu schaffen. Die aus vier durchgehend begehbaren Wagen bestehenden Züge der Baureihe IK sollen 330 Fahrgästen Platz bieten, 80 davon bekommen einen Sitzplatz. Damit verringert sich die Zahl der Sitzplätze gegenüber den auszumusternden Zügen der Baureihe A3L71 um 44. Zu den technischen Neuerungen gehört eine Anlage, die dafür sorgt, dass der Triebwagen beim Bremsen Energie zurück ins Stromnetz speist.