EU

Geld wird in Europa billiger - zumindest für die Banken

Leitzins sinkt erstmals in EZB-Geschichte unter ein Prozent. Aber wer profitiert davon?

- Im Kampf gegen Schuldenkrise und Konjunkturflaute hat sich die EZB zu einer historischen Zinssenkung durchgerungen. Der Rat der Europäischen Zentralbank kappte am Donnerstag den Leitzins für die Währungsunion erstmals auf 0,75 Prozent und unterschritt damit die bis dato - zumindest in Deutschland - als Tabu geltende Grenze von einem Prozent. Die Entscheidung fiel einstimmig - damit erteilte auch Bundesbankchef Jens Weidmann der Null vor dem Komma seinen Segen.

Wie die Notenbank in Frankfurt weiter mitteilte, sinkt darüber hinaus der Zinssatz, den Banken von der EZB gutgeschrieben bekommen, wenn sie bei ihr Liquidität parken, zum ersten Mal auf 0,0 von zuvor 0,25 Prozent. Es lohnt sich damit für die Banker nicht mehr, überschüssige Liquidität bei der EZB zu parken. Für kurzfristigen Kredit von der Notenbank müssen die Geldhäuser künftig nur noch 1,5 Prozent berappen. Bislang waren es 1,75 Prozent.

EZB-Präsident Mario Draghi begründete die erwartete Zinssenkung mit der schwachen konjunkturellen Verfassung zahlreicher Länder in der Euro-Zone. Zugleich sei die Teuerung in den Mitgliedsländern in jüngster Zeit auf dem Rückmarsch und dürfte spätestens 2013 die von der EZB angepeilte Marke von knapp zwei Prozent unterschreiten. "Das Wirtschaftswachstum bleibt weiterhin schwach, und die erhöhte Unsicherheit belastet das Vertrauen." Entsprechend sei die Entscheidung im EZB-Rat "einstimmig in jeder Hinsicht" gefallen, sagte der Italiener, der seit seinem Amtsantritt im vergangenen November die Zinsen damit bereits dreimal gesenkt und gut eine Billion Euro in den Finanzsektor gepumpt hat.

An den Finanzmärkten reagierten die Anleger enttäuscht: Der Euro fiel um gut einen halben Cent unter die Marke von 1,25 Dollar. Noch während der Pressekonferenz mit Draghi im Frankfurter Euro-Tower gab der Kurs der Gemeinschaftswährung dann nochmals um rund einen Cent auf Werte um 1,24 Dollar nach. Am Frankfurter Aktienmarkt drehte der Dax ins Minus.

Doch was bedeutet die Zinssenkung? Wer profitiert davon? Und was können Sparer tun? Die Berliner Morgenpost beantwortet die wichtigsten Fragen:

Was ist eine Leitzinssenkung?

Es gibt mehrere Leitzinsen, im Mittelpunkt steht meist der Hauptrefinanzierungssatz. Das ist der Zins, zu dem sich Banken in der Regel Geld von der EZB leihen. Künftig müssen die Institute dafür nur noch 0,75 Prozent Zinsen zahlen statt bisher 1,0 Prozent. Die Banken können sich also günstiger Geld von der Notenbank leihen.

Welche Folgen hat das?

Die Banken haben zwei Möglichkeiten: Sie können entweder die günstigeren Zinsen an ihre Kunden weitergeben und die Kreditkonditionen verbessern. Oder sie vergeben Kredite zu den gleichen Zinsen wie bisher und streichen die Differenz für sich ein, erhöhen also ihre Marge. Im Zweifel entscheiden sie sich für einen Mittelweg. Die niedrigeren Zinsen könnten die Wirtschaft ankurbeln, indem sie zu mehr Ausgaben für Häuser, Maschinen, Autos oder Restaurantbesuche führen. Das gilt aber wegen der Euro-Krise nicht unbedingt.

Was ist diesmal anders?

"Die Geldpolitik funktioniert in der Krise nicht nach den gleichen Mustern wie in normalen Zeiten", erklärt Henning Vöpel, Experte für Geldpolitik am Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut. Die Unsicherheit und unklare Zukunftsaussichten verhinderten viele Investitionen, besonders in Krisenländern wie Griechenland, Spanien oder Italien. Mit einem Impuls für die Realwirtschaft rechnet er deshalb nicht, sondern mit einer Stabilisierung der Banken und der Vermögenspreise. Die Banken dürften über die höhere Zinsmarge höhere Gewinne erwirtschaften und damit ihr Eigenkapital stärken. Je mehr Eigenkapital sie haben, desto mehr Verluste können sie verkraften.

Welche Gefahren bergen die niedrigen Zinsen?

Je billiger Kredite sind, desto eher schlagen Unternehmen oder Häuslebauer zu. Wer nur drei Prozent Zinsen für seinen Hauskredit zahlt, kann sich auch einen höheren Kaufpreis leisten als bei sechs oder sieben Prozent. Der derzeitige Bauboom und die stark steigenden Immobilienpreise sind also auch eine Folge der niedrigen Zinsen. Dabei kann eine Blase entstehen.

Wenn sich Unternehmen Geld zu niedrigen Zinsen leihen können, steigt zudem die Gefahr von Fehlinvestitionen. Die Firmen stecken dann Mittel in Projekte, die sie bei höheren Zinsen nie angepackt hätten, weil das Risiko zu hoch oder der erwartete Ertrag zu niedrig ist.

Wie können Verbraucher auf niedrigere Zinsen reagieren?

"Das ist eine lukrative Situation für Häuslebauer" sagt Thomas Mai, Finanzexperte der Verbraucherzentrale Bremen. Die Kehrseite der Medaille: Wer Geld anlegen will, muss sich auf (noch) niedrigere Renditen einstellen. "Der Sparer sollte allgemein darauf achten, dass eine Zwei vor dem Komma steht, damit zumindest die Inflation ausgeglichen wird", sagte Mai. Wenn die Realzinsen, also die Rendite nach Abzug der Inflation, negativ werden, dann sind auch Riester- und andere Renten weniger wert. "Dann müssten einige noch mal ne Schippe drauflegen."

Einen Grund, die Geldanlage grundsätzlich umzustellen, gebe es aber nicht: "Wer kein Kursrisiko in Kauf nehmen will, der sollte deshalb nicht in Aktien investieren", rät Mai. Besser sei es da noch, falls vorhanden, einen alten Bausparvertrag zu nutzen, der drei oder vier Prozent Zinsen biete.