Autohandel

Heidi Hetzer verkauft ihr Lebenswerk

Weil der Sohn nicht weitermachen will, geht das Opel-Haus nach 93 Jahren in der Familie an die Dinnebier-Gruppe

- Heidi Hetzer ist eine sehr direkte Chefin. "Ich wollte Sie loben", sagt die Autohändlerin zu einem Mitarbeiter. Der Mann habe so schön Fahnen aufgehängt zur Fußball-EM. "Aber die EM ist vorbei", fügt sie hinzu. Da müssen die Fahnen wieder runter. Aber das habe sie selbst schon erledigt. Die Szene illustriert, warum die Unternehmerin und Rallyelegende Berlins bekannteste und beliebteste Autohändlerin ist. Sie trägt das Opel-Logo in Gold um den Hals. Sie ist direkt. Sie ist gütig und streng. Und sie kümmert sich auch um kleinste Details.

Doch damit ist es jetzt vorbei. Mit 75 Jahren hat sich Heidi Hetzer von ihrem Unternehmen getrennt. Sie verkauft die Firma mit zwei Autohäusern an der Charlottenburger Stadtautobahn und in Steglitz mit 20 Millionen Jahresumsatz und 95 Mitarbeitern an die Unternehmensgruppe von Uwe Dinnebier. Nach 93 Jahren im Familienbesitz. "Das tut wahnsinnig weh", gesteht die Frau, die 1969 mit 31 Jahren das Unternehmen mit dem Flaggschiff an der Knobelsdorffstraße übernommen hat. "Mein Vati hatte die Firma 50 Jahre", sagt sie unter Tränen. 1919 habe er mit Motorrädern begonnen, vor fast 80 Jahren begann er, Opels zu verkaufen und zu reparieren. "Ich hatte die Firma 43 Jahre lang. Ich hatte ein fantastisches Leben mit Opel." Insgesamt, so schätzt sie, habe Hetzer 75.000 Opel in Berlin verkauft. Viele an treue Stammkunden.

Es sei auf und ab gegangen, sagt Heidi Hetzer. Dann sei die große Krise gekommen, mit dem wirtschaftlichen Einbruch 2008. Das Unternehmen stand kurz vor dem Aus. 800.000 Euro Minus habe sie in diesem Jahr gemacht. "Autohändler und dann noch Opel, das war die Pest", erinnert sie sich an die schwere Zeit. Banken wollten ihr nicht helfen. Aber Mitarbeiter wollte sie nicht entlassen. "So was macht man nicht", bekundet sie ihr Unternehmerinnen-Ethos.

Hetzer behält einen roten Salon

Ihr Sohn Dylan Mackay sprang ihr zur Seite. Der Ingenieur gab seinen Job als Entwickler von Windkraftanlagen auf und stieg als Geschäftsführer mit ein. Gemeinsam verkleinerten sie den Laden, brachten ihn wieder auf Kurs. Dann aber geschah das, was in vielen Familienunternehmen vorkommt. Der Junior wollte nicht mehr. "Er ist kein Automann", sagt Heidi Hetzer und seufzt. Er wolle zurück zu seinen erneuerbaren Energien. Die Tochter lebt in Eckernförde, erwartet das dritte Kind. Da musste Heidi Hetzer über ihren Schatten springen und unter ihren Konkurrenten nach einem Übernehmer suchen. "Ich habe 95 Mitarbeiter, wenn ich so weiterwurschtele, dann ist das Problem, wo die bleiben", sagt die Frau, die bei Rallyes unter anderem mit Oldtimern 150 Preise gewonnen hat. Für die Beschäftigten sei es gut, wenn sie künftig Teil eines größere Unternehmens seien, das vieles wirtschaftlicher könne als sie, wie sie selbstkritisch einräumt. "Er muss auch Opel machen", nennt sie ein wesentliches Kriterium. "Denn ich bin Opel und gehe mit dieser Marke ins Grab."

Und darum sitzt Heidi Hetzer am Montag bei der ersten Pressekonferenz ihres Lebens neben Uwe Dinnebier. Der macht zwar nicht nur Opel, sondern auch Ford, Kia, Land Rover und andere Marken in seinen inzwischen mehr als 25 Autohäusern in Ostdeutschland. Aber er ist auch ein Familienunternehmer. Und ein Unternehmen brauche eine Seele, ist Hetzer überzeugt. "Wo ein Chef da ist, der sieht die Dinge anders."

Der Selfmade-Unternehmer, der nach eigenen Angaben mit nun fast 1000 Mitarbeitern 240 Millionen Euro umsetzt, hat ihre Firma gekauft. "Für einen Spottpreis", wie Hetzer später raunen wird, als Dinnebier flachst, er habe mehr bezahlt, als er eigentlich beabsichtigt hatte. Doch er habe zugesagt, alle ihre Leute zu übernehmen. Dinnebier betont seinen Respekt für die "richtige Entscheidung zum richtigen Zeitpunkt: Ich hoffe, dass ich in ihre großen Fußstapfen treten kann." Er wolle das Transporter-Geschäft und das Großkundengeschäft an der Knobelsdorffstraße ansiedeln, einige Strukturen verändern, ansonsten aber mit der Hetzer-Mannschaft weitermachen.

Heidi Hetzer wird weiter einen Platz im Haus haben, im Obergeschoss hat sie sich einen roten Salon eingerichtet. Die Immobilie gehört der Familie Hetzer. Opel hat den Vice President Government Relations Volker Hoff aus Rüsselsheim zum Abschied der bekanntesten Händlerin entsandt. Hoff lobt Hetzer als "Markenbotschafterin" und betont, wie wichtig der Markt Berlin für die krisengeschüttelte Tochter des US-Giganten General Motors sei. Elf Milliarden Euro würden investiert in eine Modell- und Markenoffensive, alle zwei Monate werde ein neues Fahrzeug auf den Markt geworfen. Der Kleinwagen Adam, ein Cabriolet, der elektrogetriebene Ampera.

"Opel hat tolle Autos", sagt auch die scheidende Händlerin Hetzer. Aber sie ärgere sich über die Krise, für die Opel nichts könne. "Das ist GM", schimpft Hetzer. Sie könne ja mal nach Detroit fahren und den Managern das mal sagen. Die letzten Signale seien aber positiv. Immerhin werde nicht in Korea, sondern weiter in Bochum produziert. Auch die Möglichkeit, Opel-Fahrzeuge außerhalb Europas zu exportieren, sei in Aussicht gestellt worden. "Dann werde ich mich ärgern, dass ich nicht mehr mittendrin im Geschäft bin", so Hetzer.

Aber sie hat noch viel vor. Familie, soziales Engagement. Kampf für Gleichberechtigung. Und eine Weltreise wolle sie machen, jedoch erst in zwei Jahren. Mit dem Auto, begleitet von einem jungen Mechaniker. Ein Mikrofon müsse der halten können, damit sie auf der Fahrt auf den langen Kilometern der Route 66 durch die USA ihre Lebensgeschichte aufs Band sprechen könne. Wenn sie wieder da sei, freue sie sich, ihre Berliner am Brandenburger Tor wieder zu treffen. Bis zum Eigentümerwechsel zum 1. August wollen Heidi Hetzer und ihr Sohn noch alle Autos verkaufen. 93 Stück, einen Wagen für jedes Jahr Firmengeschichte, sollen als "Heidi Hetzer Special Edition" an die Kunden gehen.