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Sei selbstständig, sei Dienstleister

Die Zahl der Arbeitslosen ist in Berlin wie auch bundesweit leicht gesunken. Doch die Lage wird schlechter

- Wenn in Berlin in den vergangenen Jahren die Arbeitslosigkeit gesunken ist, dann liegt das unter anderem am Mut der Arbeitnehmer selbst. Dies lässt sich aus den Zahlen ablesen, die das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg gestern zeitgleich zu den Arbeitsmarktdaten der Bundesagentur für Arbeit herausgab. Danach waren in Berlin 2011 im Vergleich zu 2000 insgesamt 102.000 Personen mehr erwerbstätig. Eine Steigerung von immerhin 3,8 Prozent auf 2.778.200 Beschäftigte. "Dieser Anstieg basiert fast ausschließlich auf dem überdurchschnittlichen Anstieg der Selbstständigkeit", so das Amt. Auch ein anderes Feld wuchs in den vergangenen Jahren stark: das der Dienstleistungen.

Insgesamt sanken die Arbeitslosenzahlen im Monat Juni in Berlin deutlicher als im Bundesvergleich: laut Agentur für Arbeit erneut um 0,2 Punkte auf 12 Prozent, das sind 1,3 Prozentpunkte weniger als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Trotzdem aber liegt Berlin damit an letzter Stelle der Bundesländer. Zugleich ließ die Dynamik am Arbeitsmarkt trotz der eher guten Stimmung in der deutschen Wirtschaft leicht nach, so der Chef der Regionaldirektion Berlin/Brandenburg, Dieter Wagon.

Erwerbslos gemeldet waren 211.914 Frauen und Männer. Das waren 3942 Menschen weniger als im Vormonat und 18.446 weniger als vor einem Jahr. Während die Zahl der Erwerbslosen ab 50 Jahre auf 54.232 sank, stieg sie bei den 15- bis unter 25-Jährigen im Juni - im Vergleich zum Mai um 179 und zum Juni 2011 um 525 auf insgesamt 20.845. In sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnissen arbeiteten den jüngsten Zahlen zufolge im April rund 1,19 Millionen Frauen und Männer, das waren 41.300 mehr als im Vorjahreszeitraum. Diese Steigerung von 3,6 Prozent lag um 1,2 Prozentpunkte über dem bundesweiten Schnitt.

Noch fast 6000 Ausbildungsplätze

Wagon verwies darauf, dass zum Schuljahresende noch 8544 junge Berliner einen Ausbildungsplatz suchten - zugleich seien 5818 offene Lehrstellen registriert. Die Betriebe hätten knapp 1000 Stellen mehr als im Vorjahr gemeldet. "Deshalb appelliere ich an junge Menschen, die noch ohne Ausbildungsplatz sind, auch die Ferien für ihre Lehrstellensuche zu nutzen." Wagon kündigte zudem an, dass wegen der Ferienzeit mit einem saisonüblichen Anstieg der Arbeitslosenzahlen insgesamt im Juli zu rechnen sei.

Deutschlandweit zeichnet sich allmählich ab, dass sich die Konjunktur abschwächt. Eine Delle, die sich bereits auf dem Arbeitsmarkt niederschlägt. Die Zahl der Menschen ohne Job sank im Juni im Vergleich zum Vormonat zwar noch einmal um 46.000 auf 2,809 Millionen, so die Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg. Der Rückgang fiel damit aber weniger als halb so hoch aus als im Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre. Die Arbeitslosenquote verringerte sich um 0,1 Punkte auf 6,6 Prozent. Im Vergleich zum Vorjahr nahm die Zahl der Arbeitslosen um 84.000 ab.

"Auf dem Arbeitsmarkt gibt es Anzeichen für eine schwächere Entwicklung", sagte der BA-Vorstandsvorsitzende Frank-Jürgen Weise. "Wir beobachten eine nachlassende Dynamik". So stieg die Arbeitslosigkeit bereinigt um saisonale Effekte im Vergleich zum Vormonat um 7000, die Zahl der Bezieher von Arbeitslosengeld I erhöhte sich im Jahresvergleich um 26.000 auf 768.000. "Die Risiken im Euroraum drücken auf den deutschen Arbeitsmarkt", kommentierte Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) die aktuellen Arbeitsmarktdaten. Dies belegten auch Frühindikatoren wie der Ifo-Geschäftsklimaindex oder die Auftragseingänge der Unternehmen. "All das zeigt, dass das Umfeld in sehr unruhigem Fahrwasser ist, und das natürlich auch seine Auswirkungen hat", sagte von der Leyen.

Während die Arbeitskräftenachfrage laut Weise ihren Höhepunkt sichtbar überschritten hat, setzt die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung ihren Aufwärtstrend fort. Nach Hochrechnungen lag die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im April bei 28,88 Millionen und damit um 666.000 über dem Vorjahr. Außerdem nahm die Erwerbstätigkeit im Mai im Vergleich zum Vorjahr um 561.000 auf 41,58 Millionen zu.

Zeitarbeit geht zurück

Neue Jobs wurden in allen Branchen und allen Bundesländern geschaffen, vor allem in den wirtschaftlichen Dienstleistungen wie Unternehmensberatungen und Anwaltskanzleien, im verarbeitenden Gewerbe sowie im Gesundheits- und Sozialwesen. In der Zeitarbeit und im öffentlichen Dienst lag die Zahl der Beschäftigten indes unter dem Vorjahreswert. Vor allem die Zeitarbeit gilt als Frühindikator für die allgemeine Konjunktur, dass Aufträge zurückgehen. In Berlin waren im ersten Quartal 2012 vor allem in den Bereichen Handel, Verkehr, Gastgewerbe, Information und Kommunikation sowie bei Finanz- und Versicherungsdienstleistern und im Grundstücks- und Wohnungswesen mehr Menschen beschäftigt, so das Amt für Statistik.

Die widersprüchliche Entwicklung zwischen geringerem Rückgang der Arbeitslosigkeit und deutlich gestiegener sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung erklärte der BA-Chef zum einen mit dem Zustrom aus der sogenannten Stillen Reserve. Dazu gehören Frauen, die nach der Babypause zurück ins Arbeitsleben kommen. Zum anderen spiegele sich darin auch die Zuwanderung im Rahmen der Arbeitnehmerfreizügigkeit und aus den krisengebeutelten EU-Ländern wider.

Obwohl der Abbau der Arbeitslosigkeit im Juni nicht mehr so kräftig wie in den Vorjahren ausfiel, will der BA-Chef noch nicht von einer Trendwende sprechen. "Wir erwarten aus heutiger Erkenntnis nicht, dass sich das Blatt wendet in 2012", sagte er. Gegen eine Verschlechterung sprächen derzeit der Auftragseingang, die gute Bauwirtschaft und der gute Binnenkonsum. Gefahren sieht Weise wegen der hohen Staatsverschuldung im Euroraum im kommenden Jahr auf den Arbeitsmarkt zukommen. "Da ist die Frage, wie können wir darauf reagieren, und welche Risiken realisieren sich", sagte er. Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) sagte: "Eine Kehrtwende am Arbeitsmarkt ist trotz des derzeitig ruhigeren Verlaufs bislang nicht in Sicht", so Rösler.

Der schwächere Rückgang der Arbeitslosigkeit wirkte sich im Juni auch auf die Finanzen der Behörde aus: Die Einnahmen lagen knapp 200 Millionen Euro unter den Planzahlen, die Ausgaben fielen allerdings ebenfalls um etwa 1,1 Milliarden Euro geringer aus als vorgesehen. Unter dem Strich blieb ein Überschuss von 1,7 Milliarden Euro.