Arbeitsmarkt

Zu wenige Südeuropäer finden den Weg in den Norden

Bisher kommen kaum Arbeitslose aus Krisenländern nach Deutschland

- Sie besitzt nicht viel, aber Mut hat sie. Vor Kurzem lebte Zahnarzthelferin Isabel Maria do Espírito Santo noch von 600 Euro im Monat in Lissabon. Zu viel zum Sterben, zu wenig zum Leben. Deshalb zögerte die 47-jährige Mutter zweier erwachsener Söhne nicht lange, als sie im Internet von der deutschen Stadt Schwäbisch Hall las. Dort seien Südeuropäer hochwillkommen, hieß es in dem Artikel, es gebe jede Menge Jobs und Geld.

Isabel buchte einen One-Way-Flug. Einen Monat später stand sie in Schwäbisch Hall auf dem Marktplatz, einen Tag später im Personalbüro einer Spedition. 1000 Euro im Monat bot man ihr dort, als Lagerarbeiterin. Die 47-Jährige fing sofort an.

"Ich mache jeden Job", sagt die Portugiesin, die nun seit drei Monaten in Schwäbisch Hall lebt und arbeitet. Sie nimmt Deutschstunden, um eines Tages auch hier in ihrem erlernten Beruf arbeiten zu können. Und um endlich so viel zu verdienen, dass sie etwas Geld nach Hause schicken kann. Ihr Jüngster ist 22 und arbeitslos. Er soll einmal nachkommen - aber noch nicht: "Es ist nicht so leicht, wie die Leute glauben."

In der EU sind mehr als fünfeinhalb Millionen junge Menschen zwischen 14 und 25 Jahren ohne Arbeit. Besonders Südeuropa trifft es hart: In den Krisenländern Portugal und Italien sind mehr als ein Drittel der Jungen ohne Arbeit, und in Spanien und Griechenland sucht jeder zweite Absolvent eine Stelle.

Derweil wächst in Deutschland die Wirtschaft, die Firmen suchen händeringend nach Fachkräften. Damit eine Währungsunion, in der nationalen Regierungen nur eingeschränkter Einfluss auf Geld- und Finanzpolitik bleibt, funktioniert, muss genau das passieren: Arbeitskräfte wandern grenzüberschreitend dorthin, wo es Jobs gibt.

Doch Arbeitgeber, die schon auf eine Masseneinwanderung gut ausgebildeter junger Leute gehofft hatten, wurden enttäuscht. In den zwölf Monaten bis zum März 2012 haben deutsche Unternehmen rund 25.000 Personen aus Spanien, Portugal, Italien und Griechenland eingestellt - immerhin ein Plus von sechs Prozent. Von einem Ansturm auf den deutschen Arbeitsmarkt kann keine Rede sein.

Das ist aber schwieriger, als man zunächst glauben mag. Deutschland konkurriert mit anderen Ländern, etwa den skandinavischen, die ebenfalls um ausgebildete Ingenieure, Ärzte und Krankenpfleger werben. Sonderzüge für Gastarbeiter, die gen Deutschland brausen, wird es deshalb heute nicht mehr geben, genauso wenig wie eine Wiederholung der Szene vom 10. September 1964, als der einmillionste Gastarbeiter, der Portugiese Armando Rodrigues, in Köln ein Moped als Gastgeschenk entgegennahm. 2012 ist eben nicht 1964.

Die Industrie sucht heute gezielt nach Spezialisten, die besondere Fähigkeiten mitbringen. So wie Jürgen Ober. Der Personalleiter von Weidmüller, einem Hersteller für elektrische Schaltungen, machte sich 2011 begeistert auf die Suche nach Bewerbern in Spanien. "Als wir im vergangenen Sommer zusammensaßen, war ich sehr optimistisch und habe geglaubt, dass wir zehn Ingenieure nach Deutschland holen", erzählt Ober. "Meine anfängliche Zuversicht wurde allerdings schnell gedämpft." Das Problem: Ober suchte erfahrene Ingenieure, auf eine Stellenanzeige in der Zeitung "El País" meldeten sich aber vor allem junge Absolventen. Auch die Aussicht, ins ostwestfälische Detmold zu ziehen, wirkte offenbar abschreckend. Nur einen einzigen Kandidaten hat Ober bisher eingestellt, aber er sucht weiter.

Auch die Bundesagentur für Arbeit versucht seit 2011, in Südeuropa Arbeitskräfte für deutsche Unternehmen zu gewinnen. "Viele Bewerber interessieren sich aufgrund der Finanzkrise zunehmend für eine Arbeitsstelle in Deutschland", sagt Vorstand Raimund Becker, seine Behörde stoße bei den Vermittlungsversuchen aber auf Hindernisse: "Oft scheitert eine direkte Arbeitsaufnahme in Deutschland an Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache." Selbst am Englischen hapere es oft.

Die Arbeitsvermittler bemerken allerdings Veränderungen: Hatten deutsche Firmen bisher vorausgesetzt, dass die Bewerber gut Deutsch sprechen, schrauben sie inzwischen Anforderungen nach unten und sind inzwischen sogar bereit, Bewerbern Sprachkurse zu finanzieren.