Biokraftstoff

Die Angst der Deutschen vor E10

Nur ein Drittel der Autofahrer tankt den Biosprit und das aus Kostengründen. Die anderen fürchten Schäden am Wagen

- Es sollte nichts geringeres als die Ökowende im Verkehr bringen. Doch auch fast anderthalb Jahre nach der Einführung des Öko-Benzins Super E10 hat erst ein Drittel der Autofahrer in Deutschland den umweltfreundlichen neuen Sprit ausprobiert, wie eine repräsentative Umfrage von TNS Infratest ergab. Das Institut untersuchte im Auftrag des Bundesverbandes der deutschen Bioethanolwirtschaft die Lage an Deutschlands Zapfsäulen. Und E10 ist nicht gerade der Renner.

Zwei Drittel der Autofahrer machen einen großen Bogen um den neuen Sprit mit einem Anteil von zehn Prozent Bioethanol. In herkömmlichen Euro-Super sind es fünf Prozent. Die Zurückhaltung der Autofahrer wird in sieben von zehn Fällen mit Bedenken begründet, der Öko-Sprit könnte dem Motor schaden. Dieses Ergebnis der Meinungsumfrage widerspricht jüngsten Verlautbarungen des ADAC: Deutschlands größter Automobilklub hatte gemeldet, es stünden inzwischen keine technischen Bedenken der Motorenverträglichkeit mehr im Vordergrund, sondern Zweifel am Nutzen des Biosprits für die Umwelt. Übrigens: nur jedes zehnte Auto in Deutschland verträgt den Sprit nach Angaben der Hersteller nicht.

Lieber Geld sparen

Die Akzeptanz für den Biosprit ist in den vergangenen zwölf Monaten kaum besser geworden. Bei der gleichen Umfrage im Mai 2011 waren die Werte noch schlechter: Damals hatten nur ein Viertel (24 Prozent) der Befragten angegeben, E10 bereits ausprobiert zu haben. Allerdings war damals der Biosprit in weiten Teilen Deutschlands noch gar nicht an allen Tankstellen verfügbar. Wenn der Anteil der E10-Tanker nun 33 Prozent beträgt, dann ist das zum großen Teil nur darauf zurückzuführen, dass der Kraftstoff inzwischen flächendeckend angeboten wird. Infratest-Experten Thorsten Spengler zieht ein aus Sicht der Umweltschützer ernüchterndes Fazit: "Die Bedenken scheinen sich festgesetzt zu haben."

Wie die Umfrage außerdem ergab, tankt die Mehrheit der Autofahrer E10 nicht aus Gründen des Umweltschutzes getankt. 78 Prozent der befragten Biosprit-Nutzer gaben an, den Kraftstoff aus Kostengründen gewählt zu haben. Im Durchschnitt ist Super E10 um vier Cent günstiger als das klassische Super-Benzin. Nur 13 Prozent der Befragten gaben an, den Biosprit aus Klimaschutzgründen getankt zu haben.

Deutlich offener für Super E10 sind Autofahrer im Süden Deutschlands mit einem Nutzeranteil von 38 Prozent. In Nord- und Ostdeutschland, wo E10 zum Teil erst seit Oktober vergangenen Jahres überall verfügbar ist, haben nur rund 25 Prozent den Biosprit ausprobiert - vielleicht ein Hinweis darauf, dass sich der Sprit doch langsam durchsetzen könnte.

Dietrich Klein, Geschäftsführer des Bundesverbandes der Bioethanolwirtschaft sagte, die Umfrage zeige, dass die Autofahrer noch deutlich besser informiert werden müssten. "Wenn mindestens 90 Prozent der Pkw mit Benzinmotor in Deutschland für Super E10 geeignet sind und trotzdem zwei Drittel der Autofahrer daran zweifeln, ist die Aufgabe klar: Kommunikation über das Internet reicht nicht." Die Autofahrer müssten direkt an der Tankstelle und in den Autowerkstätten informiert werden. Dies zu organisieren sei Aufgabe der Autohersteller, sagte Klein.

Dem Verbandsgeschäftsführer zufolge läuft die E10-Einführung immerhin besser als die Marktdurchdringung mit bleifreiem Benzin ab 1985. Bei E10 sei nach weniger als einem Jahr ein Marktanteil von gut 13 Prozent erreicht. Bleifreies Benzin habe nach zwei Jahren nur einen Marktanteil von zehn Prozent gehabt und zehn Jahre gebraucht, um sich als Standardsorte zu etablieren.

Klein hofft denn auch, dass der E10-Absatz im Tempo noch anzieht. Der Verbandschef verweist darauf, dass die Biosprit-Quote von 2015 an durch eine gesetzliche Pflicht zur Senkung von Treibhausgasemissionen von Kraftstoffen abgelöst wird. Dann müssten zunächst drei Prozent der Emissionen von Benzin und Diesel eingespart werden, insgesamt 5,5 Millionen Tonnen Kohlenstoffdioxid (CO2). Bis zum Jahr 2020 steigt die Reduktionsverpflichtung schrittweise auf zwölf Millionen Tonnen CO2. Um diese Vorgabe zu erreichen, sei die Autoindustrie auf den Einsatz von Bioethanol angewiesen. Denn schon im vergangenen Jahr stießen Autos wegen des Biosprits 2,2 Millionen Tonnen des Treibhausgases weniger aus als ein Jahr zuvor.

Sprit mit 85 Prozent Bioethanol

Große Hoffnung setzen die Biosprit-Hersteller dabei auch auf den sogenannten Reinkraftstoff E85, der in speziellen Benzin-Motoren für Hybridfahrzeuge zum Einsatz kommen soll. Durch die Kombination mit dem alternativen Antrieb könnten die ohnehin niedrigen Emissionen noch einmal halbiert werden. E85 besteht zu 85 Prozent aus Bioethanol und nur noch zu 15 Prozent aus klassischem Benzin.

Die sieben deutschen Bioethanol-Hersteller produzieren knapp die Hälfte der Mengen, die in Deutschland verbraucht werden. Der Rest wird ausschließlich aus EU-Staaten und den Vereinigten Staaten importiert. Verbandschef Klein sagte, dass Bioethanol keine Steuerbefreiung genießt und damit ein "subventionsfreier" Teil der Energiewende sei. Die Preise für Bioethanol lägen in Rotterdam derzeit unter den Benzinpreisen. Biosprit sei damit eine kostenlose Form des Klimaschutzes, der sich preisdämpfend auf den Benzinpreis auswirke.