Europa

Carlos, der Eroberer

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Thomas Heuzeroth

Dem reichsten Menschen der Welt ist Lateinamerika zu klein geworden. Der Mexikaner Slim greift jetzt in Europa zu - in Österreich. Das ist nur der Anfang

- Carlos Slim Helú hat viele Spitznamen. "El Ingeniero" gehört dazu, weil er einmal Bauwesen an der Universidad Nacional Autónoma de México studierte. Nun darf der Mexikaner einen neuen Namen hinzufügen: "El Conquistador", der Eroberer. Jetzt gab der 72-Jährige bekannt, dass er bei Telekom Austria zum größten Anteilseigner neben dem österreichischen Staat aufsteigt. Slim kann sich das leisten. Die Zeitschrift "Forbes" führt ihn als reichsten Menschen der Welt. Mit einem geschätzten Vermögen von 69 Milliarden Dollar hat er sogar Microsoft-Gründer Bill Gates und Investorenlegende Warren Buffett überholt.

Österreich ist nur ein Baustein seines Eroberungszugs durch Europa. Auch in den Niederlanden will Slim zugreifen und mehr als ein Viertel des ehemaligen Telekom-Monopolisten KPN schlucken, dem in Deutschland E-Plus gehört. Dem mexikanischen Unternehmer, so viel wird deutlich, ist die Neue Welt zu klein geworden - und die Alte Welt zu unwiderstehlich.

Slim ist dafür bekannt, schwächelnde Unternehmen zum Schnäppchenpreis zu kaufen, um daraus florierende Firmen zu machen. Deswegen steigen schon die Aktienkurse, wenn er an die Tür klopft. Europas Telekomkonzerne sind für ihn leichte Ziele, weil sie alle unter Druck stehen, ihre hohen Schulden zu tilgen. Viele Möglichkeiten haben sie dafür nicht. Einige teilen sich die Kosten für die Infrastruktur, andere fusionieren oder verkaufen Unternehmensteile.

Österreich empfängt die Mexikaner deswegen auch mit offenen Armen. Die Staatsholding ÖIAG, die mit 28,4 Prozent größter Aktionär bei Telekom Austria bleibt, begrüßte den Einstieg von Slims Mobilfunkkonzern América Móvil "ausdrücklich". América Móvil habe sich zur Beibehaltung des Standorts, der Notierung an der Wiener Börse und einer "nachhaltigen Wachstumsstrategie" für die Telekom Austria bekannt.

Keine Angaben zum Kaufpreis

América Móvil war bereits mit wenigen Prozent an Telekom Austria beteiligt, über eine Aufstockung spekulierten die Märkte. Jetzt kauft América Móvil 21 Prozent der Telekom-Austria-Aktien vom österreichischen Großinvestor Ronny Pecik in zwei Schritten. Man sehe sich als langfristiger strategischer Partner. Angaben über den Preis wurden nicht gemacht. Nach dem Schlusskurs vom Donnerstag waren 21 Prozent von Telekom Austria knapp 750 Millionen Euro wert. Das Unternehmen ist in Österreich, Weißrussland, Bulgarien, Kroatien, Liechtenstein, Mazedonien, Serbien und Slowenien tätig.

Nun wird sich Slim auf die niederländische KPN konzentrieren. Dort ist der Mexikaner jedoch weniger willkommen, obwohl er bereits 7,3 Prozent hält. Nun will er auf knapp 28 Prozent aufstocken und hat dafür ein Angebot von acht Euro je Aktie vorgelegt. KPN ist das zu wenig. Tatsächlich bewertet diese Offerte den Konzern mit 11,5 Milliarden Euro. Analysten sehen den Wert der deutschen KPN-Mobilfunktochter E-Plus allein schon bei acht bis zehn Milliarden Euro.

Die Niederländer mühen sich, den Preis hochzutreiben. Zur Abwehr verkündete KPN, "alle strategischen Optionen" für E-Plus zu prüfen. Ohne E-Plus aber wäre KPN nicht interessant für Slim. Und so bekommen Spekulationen über ein Zusammengehen der beiden kleineren deutschen Mobilfunker E-Plus und Telefónica O2 in Deutschland neue Nahrung. Wie das aussehen soll, ist fraglich. Die spanische Telefónica sitzt derzeit auf einem Schuldenberg von 55 Milliarden Euro und muss dieses Jahr 4,5 Milliarden Euro für die Tilgung zusammenbekommen, um die eigenen Ziele zu erreichen. Nach dem derzeitigen Plan soll ein Teil der O2-Tochter an die Börse gehen. Geld für eine E-Plus-Übernahme ist nicht vorhanden.

Slim ist nicht dafür bekannt lockerzulassen. "Wer nicht investiert, bleibt zurück", ist einer seiner Lieblingssprüche. Der Sohn eines libanesischen Einwanderers, der sein Geld während der mexikanischen Revolution mit Immobilien gemacht hatte, baute in den vergangenen 20 Jahren ein riesiges Firmennetz auf, zu dem etwa eine Bergbaufirma, Versicherungen, Autozulieferer, Banken und Kaufhäuser gehören. Slim ist in Mexiko allgegenwärtig. Kein Mexikaner schaffe es, auch nur einen Tag zu überstehen, ohne einen Peso in Slims Tasche zu stecken, heißt es.

Slims Aufstieg begann 1990 in Mexiko, als er die Telefongesellschaft Telmex kaufte - dank guter Beziehungen zur Regierung. Später gründete Slim den mexikanischen Mobilfunkanbieter América Móvil, der schnell von einst 25 Millionen Kunden auf heute 246 Millionen Kunden hauptsächlich in Lateinamerika zulegte.

In Mexiko ist Slim jedoch unter Druck geraten, sowohl von den Wettbewerbsbehörden als auch von einem schwachen Peso. Mexikos Telefontarife gehören zu den höchsten innerhalb der OECD. Slims Festnetzgesellschaft Telmex hat mehr als 80 Prozent Marktanteil, sein Mobilfunker Telcel 70 Prozent. Wegen "monopolistischer Praktiken" hat die mexikanische Kartellbehörde 2011 eine Strafe von einer Milliarden Dollar ausgesprochen.

Der Milliardär hat sein Firmengeflecht fest in der Hand. Seine sechs Kinder helfen ihm dabei. Die drei Söhne Carlos, Marco Antonio und Patricio haben Schlüsselpositionen bei Telmex, América Móvil und Grupo Carso inne. Obwohl Slim für die hohen Telefontarife in Mexiko mit verantwortlich ist, ist er beliebt. Im Unterschied zu anderen Geschäftsleuten trägt er seinen Reichtum nicht zu Schau und betätigt sich als Wohltäter. Slim ist Kunstliebhaber, er besitzt die größte Sammlung von Skulpturen des Bildhauers Auguste Rodin außerhalb Frankreichs. Sein Kunstmuseum in Mexiko-Stadt trägt den Namen seiner verstorbenen Frau Soumaya.