Krise

Die Rückkehr der Drachme und andere Probleme: Was kostet ein Euro-Ausstieg der Griechen die Deutschen?

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Abschied von der Gemeinschaftswährung: Was passiert, wenn Griechenland nach zehn Jahren aussteigt?

- Ob Griechenland zu seiner alten Währung Drachme zurückkehrt oder doch beim Euro bleibt, entscheidet sich voraussichtlich bei der Parlamentswahl am kommenden Sonntag. Fest steht bisher nur eines: Führt das Land die Drachme wieder ein, drohen jede Menge Probleme - nicht nur in Griechenland. Das beginnt mit dem Banknotendruck und geht über die Gültigkeit der griechischen Euro-Münzen und -Scheine bis zu den Kosten für die anderen Länder der Euro-Zone. Die Berliner Morgenpost beantwortet die wichtigsten Fragen zum Thema:

Wie schnell kann die neue Drachme gedruckt werden?

Das kann dauern. Experten rechnen damit, dass die Regierung zunächst Coupons statt Geldscheinen und Münzen verteilen muss. "Es gibt nur eine Gelddruckmaschine in Griechenland", sagt der Präsident der Denkfabrik Global Strategy in Thessaloniki, Mario Efthymiopoulos. "Und die steht in Athen im Museum und funktioniert nicht mehr." Der weltgrößte private Gelddrucker De La Rue stellt sich auf die Rückkehr der Drachme ein. Angesichts eines möglichen Euro-Austritts Griechenlands müsse man sich auf alle Eventualitäten vorbereiten, sagte ein Insider, der anonym bleiben wollte.

Was kommt auf die Griechen bei einer Währungsumstellung zu?

"Es gäbe ein Chaos", sagt Efthymiopoulos. Die neue Währung würde dramatisch abwerten. Das würde den Import von Lebensmitteln, Öl und vielen anderen Waren drastisch verteuern, wenn nicht unmöglich machen. Die Pharmaindustrie etwa bereitet schon eine Notversorgung der Griechen mit Medikamenten vor, sollte das Land nach einem Euro-Austritt in Zahlungsnot geraten. Die Hersteller nehmen sich das Vorgehen nach der Pleite Argentiniens 2002 zum Vorbild, als die Industrie eine Zeit lang ohne Bezahlung weiter Medikamente lieferte.

Brechen die Banken zusammen?

Experten halten das für unvermeidlich. Bisher werden die Geldhäuser von der Europäischen Zentralbank am Leben gehalten. Die aber darf die griechischen Banken gemäß ihren Statuten nicht mehr als Geschäftspartner akzeptieren und mit Krediten bei Kasse halten, wenn sie der Währungsunion nicht mehr angehören. "Die Wirtschaft würde dann ohne Zahlungs- und Kreditsystem dastehen", warnt der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Thomas Mayer. "Es könnten kaum noch Rechnungen beglichen werden, die wirtschaftliche Aktivität würde gestoppt. Die politischen und sozialen Folgen eines wirtschaftlichen Zusammenbruchs wären verheerend."

Kann der Staat Löhne, Renten und Rechnungen zahlen?

Das gilt als unmöglich. Schon jetzt nimmt der Staat trotz aller Sparmaßnahmen weniger ein, als er ausgibt. Kommt es im Gefolge der Drachme-Einführung zum erwarteten Zusammenbruch der Wirtschaft, vergrößert sich das Haushaltsloch durch Steuerausfälle und steigende Arbeitslosigkeit. Internationale Geldgeber dürften sich schwer finden lassen. Die Euro-Länder, die Griechenland derzeit mit Milliardenbeträgen stützen, dürften ihr Geld zurückhalten und vorrangig dazu verwenden, eine Verschärfung der Krise in angeschlagenen Euro-Staaten wie Spanien zu verhindern - etwa durch eine Finanzspritze für die Banken.

Wird es Parallelwährungen geben?

Die Bertelsmann-Stiftung geht davon aus. "Es könnte enden wie in Kuba, wo mehrere Währungen genutzt werden", sagt ihr Experte Tyson Barker. Er rechnet auch damit, dass der Tauschhandel wieder in Mode kommen würde. Vermutlich gäbe es auch Schwarzmarktgeschäfte. Wie in anderen Staaten auch - etwa Montenegro - dürfte der Euro für viele Geschäfte das wichtigste Zahlungsmittel bleiben, obwohl er offiziell nicht mehr gilt.

Was wird aus den griechischen Euro-Scheinen und -Münzen?

Die Euro-Scheine sehen in der ganzen Euro-Zone gleich aus. Gleichwohl hat jedes Land eine Länderkennung, die sich auf dem Schein findet: Für Griechenland steht das Y am Anfang der Seriennummer auf jedem Schein. Der Buchstabe dient nur der Zuordnung. Gedruckt werden die Scheine für Griechenland unter anderen bei der Bundesdruckerei in Berlin und bei Giesecke und Devrient in München und Leipzig. Alle Euro-Noten haben überall in der Währungsunion die gleiche Gültigkeit - mit und ohne Griechen. Gleiches gilt auch für die Münzen, auch wenn die griechische Eule oder ein Segelschiff sie zieren. Auch der griechische Schriftzug ändert nichts daran, dass ein Euro ein Euro ist - und der gilt von Lissabon bis Helsinki.

Anderswo ist eine Währungsumstellung gelungen - warum nicht auch in Griechenland?

In der Tat hat es seit 1945 zahlreiche Währungsreformen gegeben. In Deutschland beispielsweise, aber auch in vielen ehemaligen Kolonialstaaten nach dem Sprung in die Unabhängigkeit. Allerdings steht Griechenland unter so großem Druck, dass eine geräuschlose Umstellung auf die Drachme unmöglich erscheint. Schon das Bekanntwerden von Vorbereitungen der Regierung auf ein Comeback der Drachme würde einen Bankenansturm auslösen. "Ein Euro-Austritt ist technisch machbar", sagte Analyst Davi Lea von Control Risk. "Aber das gut durchzuführen ist extrem schwierig. Dazu bedarf es einer Menge Planung und Zustimmung. Und angesichts der aktuellen Umstände gibt es dafür keine Chance."

Was kostete der Euro-Abschied Griechenlands die Euro-Zone?

Seriös lässt sich die Frage nicht beantworten, weil es kein Drehbuch für Pleite und Euro-Austritt gibt. Allenfalls eine Annäherung an eine Antwort ist möglich. Dazu müssen - wie in einer Analyse der Berenberg Bank - die Verbindlichkeiten des Landes gegenüber dem Ausland untersucht werden. In Umrissen:

- Die Euro-Länder vergaben an Griechenland aus dem ersten Hilfspaket Kredite über 53 Milliarden Euro, aus dem zweiten 35,4 Milliarden Euro.

- Der Euro-Rettungsschirm EFSF stellte 25 Milliarden Euro bereit, damit das Land seinen angeschlagenen Banken Geld geben kann. Die Kredite sind aber offenbar noch nicht ausgezahlt.

- Das Verlustrisiko bei der Europäischen Zentralbank, die griechische Anleihen in den Büchern stehen hat, beziffert die Berenberg Bank auf etwa 20 Milliarden Euro.

Daraus ergibt sich ein maximales Verlustrisiko der Euro-Zone gegenüber Griechenland von etwa 135 Milliarden Euro - dieser Betrag müsste also abgeschrieben werden, wenn das Land nach einer Pleite und einem Euro-Austritt keine der Forderungen mehr bedienen würde.

Wie stark wäre Deutschland bei einem Griechen-Austritt belastet?

Wenn die Analyse der Berenberg Bank stimmt - andere Wirtschaftsforschungsinstitute sowie Banken kommen auf ähnliche Ergebnisse -, beträgt der deutsche Anteil an den Verlusten von 135 Milliarden Euro etwa 27 Prozent. Das entspricht rund 36 Milliarden Euro.

( rtr/fhs/art )