Krise

Griechen bunkern Ersparnisse zu Hause oder im Ausland

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Boris Kálnoky

Bis zu 800 Millionen Euro täglich werden bei Banken abgehoben

- Vor der Schicksalswahl an diesem Sonntag wächst in Griechenland die Angst. "Mein Vater ist gerade zur Bank gegangen, um sein ganzes Geld abzuheben - 150.000 Euro", sagt Alexandros, ein junger Grieche in Athen. Er habe den Vater noch gefragt, wo er das Geld denn verstecken wolle. "In meiner Unterhose", habe der Vater gesagt. Nur dort sei es noch sicher. Viele Griechen bringen ihr Geld mittlerweile in Deutschland oder England in Sicherheit, die Länder gelten ihnen als stabil. Allerdings hatte die Familie in den Tagen zuvor sogar darüber diskutiert, dass vielleicht auch Deutschland und England irgendwann zusammenbrechen werden.

Seit der Parlamentswahl am 6. Mai, bei der das linksradikale Parteienbündnis Syriza als neuer Machtfaktor ins Rampenlicht gestürmt ist, heben die Griechen jeden Tag Summen im dreistelligen Millionenbereich von ihren Konten ab. Vor allem freitags - denn alle fürchten eine Umstellung auf die Drachme, die alte griechische Währung, und vor allem, dass dies über ein Wochenende passieren wird - unangekündigt natürlich.

In den Tagen nach der Wahl war es so dramatisch, dass Staatspräsident Karolos Papoulias die vertraulichen Daten zu den abgehobenen Geldmengen an die Parteichefs weitergab, um sie dazu zu bewegen, doch bitte eine Regierung der nationalen Einheit zu bilden. Ergebnis: Die eigentlich geheimen Zahlen wurden sofort öffentlich. 1,2 Milliarden Euro hatten die Griechen in der Woche nach der Wahl von den Banken geholt. Und in den Wochen danach jeden Werktag zwischen 100 und 500 Millionen Euro zusätzlich.

Aber jetzt, in der Woche vor der Neuwahl am 17. Juni, scheint aus Sorge Panik zu werden. Offizielle Angaben gibt es nicht, aber die Medien zitieren Banker, die von horrenden Summen sprechen: Zwischen 500 und 800 Millionen Euro seien es seit Montag, täglich. Dabei heben nicht nur Privatleute am Schalter Geld ab oder überweisen es ins Ausland, sondern auch Unternehmen und Geschäftsleute bringen ihr Kapital in großem Ausmaß in Sicherheit. Sie investieren zum Beispiel in deutsche Staatsanleihen oder Geldmarktfonds.

Lebensmittel gehortet

Während die Griechen Geld abheben, um es "in der Unterhose" zu verstecken, verzeichnet der Einzelhandel seltsame Umsatzsteigerungen. Offenbar decken sich die Bürger mit Lebensmittelvorräten ein. Denn wenn die Drachme kommt, so denken viele von ihnen offenbar, wird es eine Zeit lang vielleicht nichts zu kaufen geben. Unter anderem, weil die neue alte Währung wahrscheinlich rapide an Wert verlieren würde. Wer bietet da schon gern Waren an?

Vorerst werden die Banken nicht zusammenbrechen. Griechenland versorgt sie über die sogenannte Emergency Liquidity Assistance (ELA) mit frischem Bargeld. Im Klartext bedeutet das, dass die griechische Zentralbank Geld druckt, so viel eben gebraucht wird - mit Billigung der Europäischen Zentralbank.

Sollte am Sonntag die linksradikale Syriza gewinnen, so fürchten viele Griechen, dass das Land aus dem Euro aussteigen muss: Die Partei will die Sparmaßnahmen, die Griechenland mit der EU als Gegenleistung für Notkredite und einen gigantischen Schuldenverzicht von 130 Milliarden Euro vereinbart hat, kippen und ins Gegenteil verkehren - mehr Beamte einstellen, statt den ohnehin aufgeblähten Staatsapparat zu schrumpfen, Unternehmen verstaatlichen, statt zu privatisieren. Dann, so fürchten viele, werde auch Europa seinen Teil der Abmachungen kündigen und die Notkredite einstellen. Um Gehälter und Renten noch auszahlen zu können, müsste die Regierung dann notgedrungen ein eigenes Zahlungsmittel einführen - und in irgendeiner Form zur Drachme zurückkehren. Die aber würde schnell an Wert verlieren - und damit die Menschen ihre Ersparnisse.

Ob es so kommen wird, entscheidet sich wohl am Sonntag. In den vergangenen Umfragen sah alles nach einem Kopf-an-Kopf-Rennen aus zwischen Syriza, unter ihrem charismatischen jungen Führer Alexis Tsipras, und der konservativen Nea Dimokratia (ND) von Antonis Samaras. Die ND liegt derzeit in Umfragen leicht vorn. Sie stützt eigentlich die Reformen, die mit der EU ausgehandelt sind.

Unklare Vorhersagen

Es kann aber sein, dass die Angst, die die Griechen am Bankschalter zeigen, zu einem diesmal deutlicheren Wahlergebnis führt. "Die letzte Wahl war eine Protestwahl, die nächste Wahl wird eine Wahl der Angst", sagte Dimitris Mavros vom Meinungsforschungsunternehmen MRB. Zahlen darf er nicht nennen. Im griechischen Gesetz ist festgeschrieben, dass in den zwei Wochen vor einer Wahl keine Umfrageergebnisse veröffentlicht werden dürfen.

Mavros aber sieht "einen klaren Gewinner, wenngleich der Abstand nicht riesig ist". Das klingt nach Vorteil für die ND. Es hieße nicht zwangsläufig, dass es auch zu einer Parlamentsmehrheit reicht. Denn die sozialistische Pasok, die mit ND koalieren würde, scheint ganz zu kollabieren, vielleicht sogar auf den vierten Platz in der Wählergunst abzurutschen. Und das kann dann wie bei den Wahlen vom 6. Mai vor allem bedeuten, dass es erneut Neuwahlen geben wird.

Das Gerücht, die ND gewinne die Wahl deutlich, freute zumindest die Anleger: Die Börse in Athen legte um mehr als zehn Prozent zu. Die größten Gewinne erzielten die Banken mit einem Plus von mehr als 20 Prozent.