Technikunternehmen

Nokia streicht Stellen und setzt auf Berlin

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Benedikt Fuest und Thomas Heuzeroth

Der Konzern streicht 10.000 Stellen. Die 600 Beschäftigten in der Hauptstadt sollen die Zukunft sichern

- Nokia schafft es nicht aus den roten Zahlen - trotz der neuen Lumia-Smartphones und einer neuen Schwellenländerstrategie. Nokia-Chef Stephen Elop greift deshalb noch einmal hart durch: Der Mobiltelefonkonzern streicht bis Ende 2013 weltweit 10.000 seiner noch verbleibenden gut 53.000 Stellen. Zugleich gab der Konzern die zweite Gewinnwarnung binnen neun Wochen heraus, die Aktie brach ein - und war damit auf dem tiefsten Stand seit 1996.

Die neue Kündigungswelle betrifft auch einen kompletten deutschen Nokia-Standort: 730 Mitarbeiter von Nokias Entwicklungszentrum in Ulm verlieren schon bis Ende September ihre Stellen, womit knapp die Hälfte der deutschen Arbeitsplätze bei Nokia wegfallen. Wie der Abbau umgesetzt werden soll, blieb zunächst offen. 2008 hatte Nokia bereits aus Kostengründen sein Werk in Bochum geschlossen und gegen die Proteste aus Politik und Gewerkschaften nach Rumänien verlegt. Das dortige Werk hat Nokia inzwischen längst wieder verkauft.

Neben dem Vertrieb in Ratingen bleibt als nennenswerter Standort nur noch Berlin. Hier entwickelt das Unternehmen bei Nokia Gate5 mit rund 600 Beschäftigten neue Technologien für internetfähige Handys - in einer alten Gewerbeimmobilie in der Invalidenstraße in Mitte und in der Schönhauser Allee, Prenzlauer Berg. Nokia betonte, der finnische Konzern bleibe weiter in Deutschland aktiv, vor allem stehe er zu seinem Entwicklungsstandort Berlin.

Nokia rutscht immer weiter in Schwierigkeiten. Der finnische Konzern hat sich schlichtweg von Apple und Google an die Seite drücken lassen und die Gefahr erst spät bemerkt. Erst im September 2010 wechselte Nokia seinen Chef aus und betraute den ehemaligen Microsoft-Manager Elop mit der Führung. Kurz nach seinem Start an der Spitze fand Elop deutliche Worte und verglich Nokia in einer E-Mail an seine Mitarbeiter mit einer brennenden Ölplattform. Und Elop löscht radikal: Einschließlich des jetzt geplanten Stellenabbaus entfallen seit seinem Amtsantritt rund 40.000 Arbeitsplätze.

Wegen der nun anstehenden Restrukturierung muss der Nokia-Chef seinen Ausblick für das zweite Quartal um eine Milliarde Euro nach unten korrigieren, der Ertrag der Handy-Sparte wird voraussichtlich noch schneller schrumpfen als im ohnehin schon desaströsen ersten Quartal des Jahres. 30 Prozent Umsatzeinbußen verzeichnete der ehemalige Mobilfunkmarktführer allein im Vergleich zum Vorjahresquartal 2011. Jetzt will Elop jährlich drei statt der bisher vorgesehenen einen Milliarde bei den operativen Ausgaben sparen. Zunächst wird der Stellenabbau aber rund eine Milliarde Euro an zusätzlichen Kosten verschlingen. Schon zu Beginn des Jahres hatten die Ratingagenturen Nokias Firmenanleihen auf Junk-Status zurückgestuft, nun drohen weitere Herabstufungen.

Rauswurf in der Chefetage

Der Bannstrahl von Chef Elop trifft nicht nur die Basis: Unter den 10.000 Nokianern, die gehen müssen, finden sich gleich drei Top-Manager aus Elops Führungsteam: Mobiltelefon-Spartenchefin Mary McDowell wurde ebenso gefeuert wie Marketingchefin Jerri DeVard, auch der Marktentwicklungs-Verantwortliche Niklas Savander nimmt seinen Hut. Besonders die Handy-Chefin McDowell hatte sich in ihrer Strategie völlig verschätzt: Viel zu lange hat Nokia das Potenzial von großen berührungsempfindlichen Bildschirmen und den nur damit möglichen kleinen Anwendungsprogrammen, Apps genannt, unterschätzt. Noch Anfang des Monats hatte McDowell in einem Interview gesagt, dass Nokia speziell in den traditionell Nokia-affinen Märkten der Schwellenländer weiterhin auf sogenannte Feature-Phones mit traditionellen Tastaturen hoffe - also Mobiltelefone, die nicht die vollen Fähigkeiten der Highend-Smartphones haben, dafür aber erheblich billiger sind. Der Haken: Auch in Schwellenländern setzen sich inzwischen die Einsteiger-Smartphones der asiatischen Billigkonkurrenz durch.

Und ein weiteres Problem: Die Konkurrenz von HTC und Samsung bringt neue Geräte mit dem Google-Betriebssystem Android auf den Markt - mit Zugang zu etwa 400.000 Apps. Nokia nutzt Microsofts Windows Phone 7, für das es kaum Apps gibt.