Investitionen

Die Abenteuerkapitalisten

Berliner Gründer brauchen in der Frühphase viel Geld. Dieses Wagniskapital kommt auch von der landeseigenen IBB

- Lutz Melchior wollte es vorsichtig mit dem Wachstum seiner Firma angehen lassen. Zusammen mit seinem Partner entwickeln und bauen sie Analysegeräte für Mediziner. Optricon heißt Melchiors Firma draußen am Stadtrand im Technologiepark Adlershof. "Ursprünglich wollten wir Schritt für Schritt neue Investitionen finanzieren", sagt Melchior. Doch Medizintechnik ist ein teures Metier und Neulinge in der Branche werden von Banken skeptisch beäugt. Melchior musste einen anderen Weg gehen.

So wie auch Conrad Fritzsche, der Musikfernsehen im Internet zum Geschäftsmodell machen. Oder Pieter Bots, der Häuser in Innenstadtlage mit Erdwärme beheizen möchte. Dann gibt es noch Ruediger Baumann, der mit Software die Datenwolke stabil halten will. Alles Unternehmer mit jungen Firmen, die viel Geld brauchen. Geld, das die Kreditabteilung einer Bank nicht rausrücken würde. Deswegen brauchen sie Geldgeber, die mit einem gesunden Maß an Risikobereitschaft. Sie brauchen Abenteuerkapitalisten.

Die Übersetzung ist nicht ganz korrekt, trifft aber den Kern ganz gut. Venture-Capital-Investoren (VC) haben den Mut, aufstrebende Firmen mit guten Ideen, aber oft noch tiefroten Zahlen auf die Sprünge zu helfen. Sie sind die frühen Geldgeber. Wird ein Unternehmen groß und erfolgreich, dann verkaufen sie ihre Anteile, über die Börse beispielsweise oder an neue Investoren. Es ist ein Geschäftsmodell, wie es im größten Hightech-Labor der Welt, dem Silicon Valley, üblich ist. Konzerne wie Google oder Facebook wurden von solchen VC-Investoren durch die frühen Tage ihrer Unternehmensexistenz geführt. Diese Art Wagniskapital gewinnt in Berlin mit seiner Gründerszene mehr und mehr an Bedeutung.

Beteiligung am Unternehmen

Zum traditionellen Bankgeschäft ist das ein großer Unterschied. Normalerweise nehmen Gründer einen Kredit auf und zahlen diesen nebst Zinsen zurück. Doch wenn jemand kaum mehr als eine Geschäftidee hat und dafür Millionen Euro will, winkt jede Bank ab. Dann sind Geldgeber gefragt, sich direkt an dem Unternehmen beteiligen. Seit fünfzehn Jahren mischt die landeseigene Förderbank IBB bei der VC-Finanzierung junger Unternehmen mit. Die IBB hat dafür eine eigenen Tochtergesellschaft. Diese hat zwei Fonds, in denen Beteiligungen von Unternehmen gemanagt werden. Grundsatz der Förderbanker: Nur zusammen mit privaten Investmentgesellschaften werden in Berliner Unternehmen investiert.

So kam Conrad Fritzsch, der Gründer von tape.tv, an frisches Geld. "Wir haben das Unternehmen 2008 aus dem Frust heraus gegründet, dass MTV nicht mehr funktioniert hat", sagt Fritzsch. Mittlerweile, sagt er, schauen 3,6 Millionen Nutzer Musikvideos über die Seite. Er kooperiert mit den großen Plattenfirmen sowie Fernsehsendern, Radiostationen und anderen Internetplattformen. Nutzer können das Musikvideoprogramm nach ihren Vorlieben personalisieren. Da immer mehr Fernseher internetfähig sind will er die Verschmelzung von klassischem Fernsehen und weltweitem Netz vorantreiben. Geld kommt über Werbung rein, die als Rahmen um das Bild herum drapiert wird. Fritzsch braucht Programmierer und Leute, die sich mit Musik auskennen. Zudem will er europaweit expandieren und mobile Lösungen für Smartphones anbieten. Neben der IBB geben weitere Investoren Geld. "Berliner Unternehmen ziehen großes Interesse auf sich", sagt er.

Die rege Gründerszene zieht Geldgeber aus aller Welt an. Für sie, die sich mit Marktgegebenheiten in Deutschland oft nicht gut auskennen, ist ein Engagement der IBB mit ihren Beteiligungsfonds durchaus ein Merkmal dafür, dass sich eine Investition lohnen kann. IBB-Vorstandschef Ulrich Kissing hat registriert, dass es im Vergleich zu früheren Jahren erheblich einfacher geworden sei, Investoren zu finden. "In diesem Umfeld kann das Geschäftsmodell unserer Beteiligungsgesellschaft seine Vorteile voll ausspielen", sagt Kissing.

Davon hat auch Pieter Bots profitiert. Der Holländer hat schon einige Unternehmen in Deutschland gegründet. Aktuell will er seinem neuesten Baby, der Geo-En Energy GmbH zum Durchbruch verhelfen. Das Unternehmen hat ein System entwickelt, um auch in dicht bebauten Innenstadtbereichen Erdwärme zum Heizen zu nutzen. Bislang werde Geothermie vor allem dort genutzt, wo viel Freifläche und wenig Häuser stehen.

Geo-En hat ein Verfahren entwickelt, wo die Zirkulation des Grundwasser genutzt wird. Das System ist platzsparend und kann in Mehrfamilienhäusern oder Gewerbebauten zum Einsatz kommen. "Durch die Pleiten in der Solarindustrie ist es als Energieunternehmen gerade schwer an Geld zu kommen", sagt Bots. Da habe die IBB mit ihrer Beteiligungsgesellschaft geholfen, weitere Investoren zu überzeugen.

Verkauf nach sieben Jahren

Insgesamt 12 Millionen Euro steckte die IBB Beteiligungsgesellschaft im vergangenen Jahr in junge Firmen. Dazu kamen 45 Millionen Euro von privaten VC-Investoren. Spätestens nach sieben Jahren will die IBB ihre Beteiligung mit sattem Gewinn verkaufen. Das gelang schon einige Male. So wurde 2011 die Softwarefirma Inubit an den Autozulieferer Bosch veräußert. Das Beteiligungsgeschäft sei profitabel, sagt Marco Zeller, Geschäftsführer der IBB-Tochter.

IBB-Chef Kissing kann sich vorstellen, in den nächsten Jahren durchaus noch mehr in aufstrebende Firmen zu investieren. Denn nach der Startphase wachse der Kapitalbedarf der Unternehmen, wie Ruediger Baumann, Chef des Softwarehauses Zimory, sagt. "Oft steht dann die internationale Expansion an. Da geht es schnell um Beträge von 15 bis 50 Millionen Euro." Solche Investoren müsse man noch häufiger für Berliner Gründer gewinnen. Denn viele junge Firmen stünden jetzt genau vor dieser zweiten Phase.

Darauf will sich auch die IBB einstellen. Denn wenn es nicht gelingt, solche Investoren nach Berlin zu locken, droht Abwanderung. "Im schlimmsten Fall für die Stadt kommt ein großer Investor aus den USA, legt das Geld auf den Tisch und verlangt dann aber den Umzug in Silicon Valley", sagt Baumann.