Marktbericht

Trügerische Hoffnung

Olaf Gersemann über Gesundbeter in der Eurokrise

Unverbesserliche Euro-Euphoriker konnten noch vor ein, zwei Wochen mit plausiblen Szenarien aufwarten. Der neue französische Präsident werde seine vielen Wahlversprechen wieder kassieren, wenn erst auch die Parlamentswahl gelaufen sei. Die Griechen würden vor lauter Angst im zweiten Anlauf eine Koalition ins Amt wählen, die sich an die mit den Kreditgebern vereinbarten Konditionen halten würde. Spaniens Bankenproblem würde mit einer milliardenschweren Finanzspritze gelöst werden. Und eine bessere laufende Konjunktur in Übersee werde stützend auf die Euro-Zonen-Wirtschaft wirken. In der Kombination, so durfte man hoffen, würden diese Faktoren eine weitere Eskalation der Euro-Krise verhindern. Inzwischen sind die Optimisten in Erklärungsnot. François Hollande hat gerade die partielle Rückkehr zur Rente mit 60 umgesetzt; eindrucksvoller hätte er Einsichtslosigkeit kaum demonstrieren können. Die avisierte Milliardenhilfe für spanische Banken droht selbst Deutschlands Finanzkraft zu überfordern. Die Konjunktur schließlich hat in China und den USA zu schwächeln begonnen, deutliche Impulse sind von dieser Seite erst einmal nicht zu erwarten. Noch nicht zerstoben ist allein die Hoffnung, dass die griechischen Wähler in letzter Minute Vernunft annehmen. Wenn unter diesen Umständen nun IWF-Chefin Christine Lagarde sagt, es blieben weniger als drei Monate, um den Euro zu retten, dann zeugt das bei genauerem Hinsehen von bemerkenswerter Nonchalance.