Apple

Der Tag des Geheimniskrämers

Vor der Präsentation des neuen Apple-Chefs Tim Cook überschlagen sich die Spekulationen über neue Geräte und Dienste

- Das Versprechen, das Apple-Chef Tim Cook vor dem Start der hauseigenen Entwicklerkonferenz WWDC am Montag gab, ließ die Beobachter schmunzeln. Apple wolle künftig seine Geheimhaltung verdoppeln, sagte Cook - und kündigte schon einmal "unglaubliche" neue Produkte an. So weit, so wie immer. Von Apple ist nichts zu erfahren, wenn es um neue Geräte, Software oder Dienste geht, es sei denn, ein Mitarbeiter lässt zufällig einmal einen iPhone-Prototyp in einer Kneipe liegen.

Die Informationen vor der wichtigsten Apple-Veranstaltung des Jahres kommen aus anderen Quellen. Zur größten Schwachstelle der Wir-sagen-gar-nichts-Philosophie gehören die Zulieferbetriebe in Asien. Aber auch versehentlich zu früh online geschaltete Webseiten der Vertriebspartner oder versteckte Hinweise im Quellcode der für Entwickler bestimmte Vorabversionen der Apple-Software sind nicht selten. Und so gibt es trotz verdoppelter Geheimhaltung jede Menge Spekulationen über die Neuigkeiten, die Cook in seiner Keynote den mehr als 5000 Teilnehmern des WWDC vorstellen wird.

Kartendienst Tim Cook - so viel gilt als sicher - wird die nächste Version der Software ankündigen, die das iPhone und iPad steuert und iOS6 heißen wird. Intern trägt die neue Version den Codenamen Sundance. Apple hat auch frühere Software-Versionen nach Ski-Ressorts benannt. Das Sundance-Ressort liegt im US-Bundesstaat Utah. Apple wird sich mit iOS6 ein Stück mehr von Google scheiden. Denn seit Einführung des ersten iPhones im Jahr 2007 gehört das Kartenprogramm GoogleMaps zu den beliebtesten Anwendungen auf Apples Smartphone. Berichten zufolge will Apple nun auf eine eigene Lösung setzen.

Ganz überraschend kommt das nicht. Apples Leidensgeschichte mit GoogleMaps ist lang. Vor allem stieß sich der iPhone-Hersteller daran, dass Funktionen auf dem Apple-Gerät nur mit Verzögerung verfügbar waren, während sie bereits früh auf Geräten liefen, die von Googles hauseigenem Handy-Betriebssystem Android gespeist werden. So ist beispielsweise die auf Android-Geräten kostenlose Straßennavigation noch immer nicht auf Apples iPhone verfügbar.

Facebook Einen ähnlichen Konflikt könnte es mit Facebook geben. Denn auch das soziale Netzwerk entwickelt sich immer mehr zum Apple-Konkurrenten. Zuletzt meldete die "New York Times", dass Facebook an einem eigenen Smartphone arbeite und dafür mehr als ein halbes Dutzend ehemalige Soft- und Hardware-Ingenieure verpflichtet habe, die zuvor bei Apple an der Entwicklung des iPhones und iPads halfen. Auch Facebooks Messenger App ist eine direkte Konkurrenz für Apples iMessage. Vor dem Hintergrund der Verbreitung von Facebook, das soziale Netzwerk zählt 900 Millionen Nutzer, könnte Apple möglicherweise trotzdem Facebook stärker in das iOS6 einbinden, so dass beispielsweise ein Foto direkt aus der Bildergalerie zu Facebook geladen werden kann. Wer sich derzeit in einer iPhone-App mit seinem Facebook-Nutzernamen anmeldet, wird erst einmal zur Facebook-Anwendung umgeleitet, um dann wieder auf die ursprüngliche App zu wechseln. Dieser Umweg würde dann wegfallen.

Siri Seit der Einführung des digitalen Sprachassistenten Siri auf dem iPhone 4S hat sich nicht sonderlich viel getan an dieser Funktion. Insbesondere in Deutschland fehlt die Verbindung zu Datenbanken, die Siri dabei helfen könnten, beispielsweise das nächste Restaurant zu finden. Auch Applikationen wie Facebook oder Ebay kann Siri derzeit noch nicht öffnen. Apple-Chef Cook versprach Ende Mai Besserung: "Es gibt mehr Dinge, die es tun kann. Ich denke, ihr werdet sehr zufrieden sein mit den Neuerungen, die ihr in den nächsten Monaten zu sehen bekommt." Möglicherweise gibt es einige dieser Neuerungen schon an diesem Montag. Denkbar wäre beispielsweise, das Apple die Schnittstellen zu Siri offenlegt, so dass Entwickler Anwendungen für Siri programmieren könnten. Möglicherweise bringt Apple mit iOS6 Siri auch auf das iPad.

Berglöwe Die neue Version des Betriebssystems für iMacs und MacBooks heißt Mountain Lion und trägt die Versionsnummer 10.8. Einige Neuerungen hat Apple bereits angekündigt, darunter eine Mitteilungszentrale, Messages, Erinnerungen und eine stärkere Twitter-Integration. Vieles kennen Nutzer bereits vom iPhone und iPad. Außerdem erlaubt Mountain Lion die Ausgabe des Bildschirminhaltes über eine Apple-TV-Box auf dem Fernseher. Apples Browser Safari unterstützt in Mountain Lion endlich auch die geräteübergreifende Synchronisation von geöffneten Tabs, so dass Nutzer ihre Webseiten beispielsweise auf dem iPhone wieder finden und weiterlesen können. Da es eine Entwicklerversion von Mountain Lion bereits seit Februar gibt, könnte Apple auf der WWDC die endgültige Version präsentieren.

Hardware Apple wird aller Voraussicht nach die meisten seiner Computer-Modelle aktualisieren, ein Update ist überfällig. Das gilt für die iMacs aber auch für die tragbaren MacBooks. Zu den Neuerungen gehören mit großer Wahrscheinlichkeit schnellere Prozessoren und USB-Schnittstellen (3.0). Die tragbaren Rechner könnten zunehmend mit SSD-Speicher anstelle von Festplatten ausgestattet werden. Bei einer SSD (Solid State Disk) handelt es sich um einen Speicher, der ohne bewegliche Teile auskommt und deutlich schneller und Strom sparender ist als eine Festplatte. Möglicherweise werden einige Displays die Retina-Auflösung bekommen und damit deutlich schärfer darstellen können als bisher. Erste Mac-Programme mit Retina-Unterstützung sind im AppStore bereits aufgetaucht.

One more thing? Kaum jemand erwartet auf der Entwicklerkonferenz das iPhone 5 zu sehen. Apple hebt sich die neueste Version seines Kult-Handys gern für eine eigene Präsentation auf, die im Spätsommer oder Herbst kommt. Mit Spannung erwartet wird, ob Apple etwas zu seinen TV-Plänen sagt, das über eine neue Software für seine Apple-TV-Box hinausgeht. Der Veranstaltungsplan für die Entwickler auf dem WWDC ist in diesem Jahr an überraschend vielen Stellen geschwärzt, was wiederum auf die Einführung einer neuen Plattform deuten könnte. Das könnte möglicherweise Apples TV-Zukunft betreffen. Einen Hinweis, dass Apple an einem eigenen Fernseher entwickelt, hatte noch Steve Jobs seinem Biografen Walter Isaacson in den Schreibblock diktiert. Seitdem spekuliert alle Welt über die Pläne. "Ich würde sagen, dass das für die meisten Leute ein Bereich ihres Lebens ist, mit dem sie nicht zufrieden sind", sagte Cook vor zwei Wochen etwas nebulös. Möglicherweise sein nächstes "One more thing", mit dem sein Vorgänger Steve Jobs das Publikum immer wieder überraschte?