Unternehmertafel

"Die Aussichten für junge Menschen sind besser denn je"

Bei der 37. Unternehmertafel der Berliner Morgenpost diskutierten die Teilnehmer, wie Berlins Arbeitslosenquote unter zehn Prozent fallen kann

- Die Wirtschaft in Berlin wächst, Unternehmen schaffen neue Stellen und suchen qualifiziertes Personal. Die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Jobs hat im Laufe eines Jahres um 38.000 zugenommen. Trotzdem geht die Arbeitslosigkeit nur langsam zurück, die Quote von 12,9 Prozent ist die höchste aller Bundesländer. "Beschäftigungszuwachs heißt nicht automatisch Abbau der Arbeitslosigkeit", sagte Arbeitssenatorin Dilek Kolat (SPD) und lieferte damit die Diskussionsgrundlage bei der 37. Unternehmertafel, zu der die Berliner Morgenpost und die Unternehmensberatung Kienbaum in den Journalistenclub im Axel-Springer-Haus geladen hatten.

Die Runde war sich einig, dass eine weitere positive wirtschaftliche Entwicklung die Grundlage sei, um den 223.000 arbeitslosen Berlinern Chancen zu bieten. "Möglichst viele Arbeitslose sollen vom Beschäftigungszuwachs profitieren", beschrieb die Senatorin ihr Ziel. Deswegen ist sie mit der Arbeitsagentur dabei, die Arbeitsmarktpolitik umzustellen - weg von Beschäftigungsmaßnahmen hin zur Vermittlung in echte Jobs: "Wir brauchen eine Neuausrichtung, weil sich die Marktsituation in Berlin verändert."

Nach Ansicht von Christian Amsinck, Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg (UVB), ist das "Tal der Tränen" am Berliner Arbeitsmarkt durchschritten. Das von Wirtschaftssenatorin Sybille von Obernitz (parteilos, für CDU) ausgegebene Ziel, die Arbeitslosenquote bis zum Ende der Legislaturperiode auf unter zehn Prozent zu drücken, sei realistisch. Angesichts der Berliner Wirtschaftsentwicklung hält Amsinck 125.000 zusätzliche sozialversicherungspflichtige Jobs für erreichbar: "Die Aussichten für junge Menschen sind besser denn je. Wir brauchen mehr qualifizierte Leute", beschrieb er die Lage in vielen Unternehmen.

Sorgen mache den Betrieben jedoch die hohe Zahl der Jugendlichen, die eine Ausbildung abbrechen. Amsinck beklagte die mangelnde Berufsorientierung in den Schulen. Es müsse auch für weniger bekannte Berufsbilder geworben werden. Selbst bei einem martialisch klingenden Beruf wie dem Zerspaner gehe es "um Computerkenntnisse und nicht um Muckis". Allerdings könnten Lehrer solche Kenntnisse oft nicht vermitteln, weil sie die Wirtschaft nicht kennen, gab Michael Tippmann von Kienbaum zu bedenken.

Karsten Mühlenfeld, Director Engineering bei Rolls-Royce-Deutschland, bestätigte den Eindruck, dass Berliner Schulen ihre Abgänger "nicht ausreichend ausgebildet" entlassen. In der Triebwerks-Fabrik in Dahlewitz komme die Mehrzahl der Mitarbeiter "nicht aus Berlin und Brandenburg", sondern aus anderen Bundesländern. Dort werde den Schülern "mehr Leistungsbereitschaft eingeimpft".

Aber auch Wirtschaftsvertreter gaben sich selbstkritisch. Hans Eilers, Direktor des Savoy Hotels und Vorstandschef der Vereinigung der VisitBerlin Partnerhotels, sagte, die Probleme der Hotellerie und Gastronomie bei der Nachwuchssuche rührten auch daher, dass die Branche die Berufe "nicht attraktiv gemacht" habe. Das reiche von den IHK-Prüfungen bis zu den Ausbildungsvergütungen.

Jugendliche besser fördern

Auch die Landesvorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes, Doro Zinke, bestätigte, dass es in anderen Ländern eine bessere Förderung für Jugendliche gebe als in Berlin. Schon in Brandenburg müssten sich Schulen in Zielvereinbarungen verpflichten, den Anteil ihrer Abbrecher zu reduzieren. Sie wünsche sich zudem mehr Seiteneinsteiger in den Schulen, die Erfahrungen in der Wirtschaft gesammelt hätten. "Das schafft eine ganz andere Atmosphäre", sagte die Gewerkschafterin. Sie beklagte aber auch, dass sich viele Familien in der Arbeitslosigkeit eingerichtet hätten. Sie kenne Fälle, in denen Eltern Berufsschulverträge gekündigt hätten, weil sie sich morgens von ihren aufstehenden Kindern gestört fühlten. Doch wie könnten die zum Teil seit vielen Jahren arbeitslosen Berliner von der positiven wirtschaftlichen Entwicklung profitieren?, fragte Jochim Stoltenberg von der Chefredaktion der Berliner Morgenpost.

Robert Burghardt von der Anzeigenleitung dieser Zeitung berichtete von der Erfahrung aus Hunderten Bewerbungsgesprächen, dass sich die Stimmung verändert habe. Die Leute erkundigten sich selbstbewusst nach Umfeld und Arbeitsbedingungen und verlangten, dass ihnen Perspektiven aufgezeigt würden. "Die Leute wollen nicht in den unteren Lohngruppen stranden", betonte Burghardt.

Kurswechsel der Jobcenter

Antje Hajda, beim Personaldienstleister Randstad als Prozessmanagerin für Ostdeutschland zuständig, wies darauf hin, dass ihre Branche eine gute Chance biete, wieder ins Arbeitsleben einzusteigen und sich erneut an einen geregelten Rhythmus zu gewöhnen. Auch Zeitarbeitsunternehmen könnten es sich, "wie alle Unternehmen in Deutschland angesichts des Fachkräftemangels, gar nicht leisten", schlechte Konditionen anzubieten. Sie wünschten sich aber "viel mehr Miteinander", etwa mit den Jobcentern und Arbeitsagenturen, wenn es um berufsbegleitende Qualifikationen gehe. Rolls-Royce-Manager Mühlenfeld bestätigte, dass Zeitarbeit ein Einstieg sein könne: "Wir nehmen gerne Leute aus der Zeitarbeit in feste Stellen."

Die Arbeitsagenturen und Jobcenter seien dabei, den Kurswechsel hin zum ersten Arbeitsmarkt zu vollziehen, erklärte Jens Regg, Geschäftsführer Grundsicherung in der Regionaldirektion Berlin-Brandenburg der Bundesagentur für Arbeit. Das sei auch im Interesse der Arbeitslosen, die "müde" seien, an diversen Maßnahmen teilzunehmen. "Die betriebliche Seite war lange ausgeblendet", übte Regg Selbstkritik. Früher seien in Berlin 60 Prozent des Geldes der Bundesagentur in den zweiten oder dritten Arbeitsmarkt geflossen, doch inzwischen sei dieser Anteil deutlich geringer, was manchmal schmerze. Allerdings biete die steigende Zahl von Jobs und offenen Stellen in den nächsten zwei Jahren eine große Chance, auch die Arbeitslosenquote zu drücken.

Ein Beitrag sei die Berliner Joboffensive, bei der Vermittler Betriebe aufsuchten und nach deren Bedürfnissen Bewerber anböten. Arbeitssenatorin Kolat will Berlin durch engere Kooperation von Schulen und Betrieben, passgenauere Vermittlung von Arbeitslosen sowie bedarfsgerechte Qualifikation zum Modell machen und durfte sich der Unterstützung der Runde sicher sein: "Wenn wir in Berlin die Langzeitarbeitslosigkeit bekämpfen, können wir bundesweit zeigen, dass es geht."