Unsicherheit

Deutsche Chefs auf dem Schleudersitz

Einer Studie zufolge gab 2011 jeder sechste Vorstandsvorsitzende seinen Job ab - weltweit ein Rekord

- Chefposten in börsennotierten Unternehmen sind mit viel Renommee und Macht verbunden, aber auch mit reichlich Unsicherheit: Im vergangenen Jahr verließ - freiwillig oder gezwungen - jeder sechste den Chefsessel in einem Konzern im deutschsprachigen Raum, wie eine Studie der Strategieberatung Booz & Company ergab. 2010 war es nur jeder elfte. Die 16,7 Prozent Wechselquote 2011 sind ein Spitzenwert, in Westeuropa oder in den USA gingen nur 12,9 Prozent der Topmanager. Sitzen Deutschlands Spitzenkräfte auf besonders wackeligen Chefsesseln?

Klaus-Peter Gushurst zufolge, Deutschlandchef bei Booz & Company, spiegelt sich darin die vor allem hierzulande deutlich anziehende Konjunktur: "In Krisenzeiten setzen Aufsichtsräte erfahrungsgemäß auf Kontinuität an der Unternehmensspitze", sagt er. Nach einem meist gut geplanten und geordneten Übergang an der Konzernspitze stelle nunmehr eine neue Generation die strategischen Hebel auf weiteres Wachstum.

Mit einer neuen, auf kurzfristigen Erfolg gemünzten "Hire-and-Fire"-Politik, wie sie in US-Unternehmen nicht selten praktiziert wird, hat die gestiegene Fluktuation in hiesigen Führungsetagen jedoch offenkundig nichts zu tun - im Gegenteil: Die Personalverantwortlichen scheinen bei der Besetzung von Führungsposten neuerdings sogar mehr Ruhe und Weitsicht walten zu lassen als es in den Krisenjahren zuvor, als mancher Chefwechsel aus der Not geboren wurde, der Fall war. Hatte der Anteil gefeuerter Chefs im Vorjahr noch bei 20 Prozent gelegen, mussten 2011 nur noch 12 Prozent erzwungenermaßen ihren Posten räumen. Zum Vergleich: Im Rest Europas lag der Anteil der geschassten Vorstandsvorsitzenden bei 17 Prozent.

"Die Aufsichtsräte haben dazu gelernt und planen Personalwechsel an höchster Stelle von deutlich längerer Hand als früher", bestätigt Gushurst und verweist auf Unternehmen wie BASF, Puma oder Bilfinger Berger, in denen die Chefwechsel nicht etwa überstürzt, sondern gut geplant vonstatten gingen.

Für gründliche Vorbereitung spricht zudem, dass hiesige Vorstandsvorsitzende inzwischen länger in ihren Topämtern verweilen als anderswo. Der Studie zufolge können sich die deutschsprachigen Chefs mit einer durchschnittlichen Amtszeit von 7,6 Jahren derweil etwas länger im Amt halten als ihre Kollegen im Rest Europas, die sich mit einer durchschnittlichen Verweildauer von 6,9 Jahren zufrieden geben müssen.

Die größere Sorgfalt bei der Besetzung von Spitzenämtern sei dabei nicht zuletzt auch eine Folge veränderter Rahmenbedingungen, meint Gushurst. Im Zuge der Digitalisierung sei die Geschwindigkeit der Kommunikation gestiegen - und damit die Erwartungen der Öffentlichkeit. "100 Tage Schonfrist waren früher", sagt der Strategieberater. "Als CEO muss man heute in den ersten 20 Tagen zeigen, was man drauf hat." Auch um imageschädigende Fehltritte zu vermeiden, bereiteten die Firmen Chefwechsel besser vor denn je.

Nichtsdestotrotz taten sich auch hierzulande einzelne Branchen durch besonders viel Bewegung an den Führungsspitzen hervor: In der durch Reformen geprägten Gesundheit etwa standen die Vorstandsvorsitzenden verstärkt unter Druck - hier stieg die Wechselquote von 26.9 Prozent im Vorjahr auf 33,3 Prozent 2011. In der Industrie legte die Fluktuationsrate sprunghaft von 4,5 Prozent auf 26,1 Prozent zu. "In der Regel sehen wir überproportional viele Chefwechsel in den Branchen, in denen viele Umwälzungen stattfinden", sagt Gushurst.