Gründerzentrum in Berlin

Ein Laptop und eine Idee

Internetpionier Simon Schaefer hat in Berlin ein Gründerzentrum aufgebaut - ohne Staatshilfe. Die Szene ist einfach zu schnell für die Verwaltung

- Bei Simon Schaefer stehen Worte und Hände in permanentem Wettstreit. Mal gewinnt der Sprachfluss, und seine Hände gestikulieren hinterher. Mal beginnen die Hände das Spiel, und die Sätze folgen. Ist wohl eine Typfrage zum einen, zum anderen aber dem geschuldet, was Schaefer derzeit macht. Er kümmert sich um ein Gründerzentrum, privat auf die Beine gestellt, privat finanziert. Bald soll es losgehen und Firmen beim Start helfen. Die Factory, so der Name des Zentrums, eine neue Heimat für Internet-Start-ups an der Rheinsberger Straße in Mitte für bis zu 600 Leute, hat ganz schön Wellen geschlagen. Schon im Sommer sollen dort die ersten Mieter rein. "BBC und Wallstreet Journal haben angefragt", sagt Schaefer. Er ist ein junger schlanker Mann, dessen Augenringe von Schlafmangel zeugen und dessen ganzer Gestus, trotz freundlich-verbindlichen Tons, auch eines verrät: wenig Zeit.

Die neue Unternehmergeneration

Schaefers Geschichte ist die eines Berliner Unternehmers, die in einer Parallelwelt spielt, weit weg von der Förderpolitik des Senats und von Akteuren wie der Industrie- und Handelskammer. Schaefer ist in gewisser Weise typischer Vertreter einer neuen Unternehmergeneration in Berlin. Geschult in den Kindertagen des Internets, geprägt vom Tempo, das das weltumspannende Netz vorgibt. Im Auftritt und Umgang orientiert an den krawatten- und anzugslosen Unternehmern des Silicon Valley an der US-Westküste, jener Herzkammer der Computer- und Internetindustrie nahe San Francisco. Typen wie Schaefer verdankt Berlin seinen Ruf als Europas heißester Standort für Leute, die ein Unternehmen im Internet groß machen wollen.

"Seit unser Projekt öffentlich wurde, rennen sie uns die Tür ein. Anfragen kommen aus aller Welt", sagt Schaefer. Das "Projekt" ist ein altes Brauereigelände an der Rheinsberger Straße 76. Schaefer und seine Mitstreiter haben dort ein Gelände erworben, das nun umgebaut wird für die Bedürfnisse. Die Rede ist von einem zweistelligen Millionenbetrag. Ende des Jahres soll es fertig sein. 10.000 Quadratmeter wird es haben. Die ersten Mieter, das Internet-Musikunternehmen Soundcloud und die Programmierer und Designer der App-Schmiede 6Wunderkinder sind als Mieter schon fest gebucht. "Jetzt suchen wir weitere Mieter und wählen die aus, die zum Konzept passen", sagt Schaefer. Folgt man seinen Worten, wird es ein sehr harter Ausleseprozess angesichts vieler Interessenten.

Es soll ein Ort werden, an dem bereits etablierte Unternehmen wie Soundcloud neben Neulingen arbeiten, die nicht viel mehr als eine Geschäftsidee und Laptops haben. Ein Gründerzentrum in Privatregie, weitgehend losgelöst von den Wirtschaftsförderstrukturen der Stadt. Rund 14 Euro je Quadratmeter werde der Mietpreis betragen. In der Mitte der Stadt ist das eher günstig. Es rechnet sich trotzdem für die Investoren, glaubt Schaefer. "Denn das Objekt in der Lage gewinnt ja auch an Wert", sagt er. Aber darum gehe es bei dem Projekt nicht in erster Linie.

Reine Immobilienspekulation wäre wohl ein Imagegau, den Schaefer und seine Mitstreiter kaum hinnehmen wollen. Die Investoren sind vor allem bereits etablierte Unternehmer des Internetzeitalters. Neben Schaefer beispielsweise Marc Brucherseifer, der einst den Mobilfunkdienstleister Drillisch gründete. Oder Dario Suter, der am Aufbau des Netzwerkes StudiVZ mitverdiente. Dazu kommt der Immobilienunternehmer Udo Schlömer, der in Berlin durch das Wohnprojekt "Monroe Park" in Steglitz bekannt geworden ist.

Seit 1997, erzählt Schaefer, hat er mit dem Internet zu tun. Damals begann er mit Mitstreitern in einer Berliner Agentur, für Unternehmen Webseiten zu gestalten. Ein Studium hat er nicht abgeschlossen, und eine abgeschlossene Berufsausbildung fehlt ebenfalls. Nach Logik der Bundesagentur für Arbeit wäre er wohl schwer vermittelbar. Schaefer nennt sich Designer, aber für das, was er früher designt hat, gab es damals keinerlei Ausbildungswege. "Wir waren ja mit die ersten, die in Deutschland Internetseiten gestaltet haben", sagt er. Danach hat er bei einem Investmentunternehmen in der Schweiz gearbeitet, sich beim Internet-Bezahlspezialisten Wirecard um das Marketing gekümmert und ist jetzt mit seinen Mitstreitern Partner des Investmentunternehmens JMES. Das hält Beteiligungen an Start-ups und kümmert sich um die Factory an der Rheinsberger Straße.

Szene mit schnellem Takt

"Die Aufmerksamkeit, die die Berliner Gründerszene mittlerweile hat, ist weit weg von der Reaktionsgeschwindigkeit der Berliner Politik", glaubt Schaefer. Obwohl er für die Unterstützung des Bezirks Mitte und für die Wirtschaftsförderer Berlin Partner durchaus lobende Worte findet. Aber die Berliner Gründerszene ist international vernetzt und in Auftritt und Habitus bislang schwer kompatibel zum Takt der Hauptstadt-Verwaltung. Der Ruf als coole Partymeile, als Ort mit billigem Wohnraum und vielen internationalen Leuten - das ist Berlins wichtigster Lockstoff und Basis des Internetbooms. Befeuert wird der Ruf durch Erfolgsgeschichten wie die des Internet-Designmarktplatzes Cascanda, der für viel Geld vom US-Konkurrenten Fab übernommen wurde. Oder die Storys der Berliner Gutscheinportale Dailydeal und Citydeal, die sich Google und Groupon einverleibten.

Auf solche Erfolgsgeschichten hofft auch Simon Schaefer für seine Factory. Auch wenn das natürlich bedeutet, dass ein reges Umzugstreiben in den Büroetagen herrschen wird. Doch genau solche Träume von Börsengängen und Übernahmen sind Antrieb für viele in der neuen Berliner Unternehmergeneration.