Ausreise

Zwei Wochen bis zur Freiheit

China stellt dem blinden Dissidenten Chen einen Reisepass aus

- Der blinde chinesische Bürgerrechtler Chen Guangcheng rechnet mit seiner baldigen Ausreise in die USA. Die Reisepässe für ihn, seine Frau und die beiden Kinder sollten innerhalb von zwei Wochen ausgestellt werden, sagte der 40-Jährige am Donnerstag. "Ich glaube, dass die Zentralregierung ihre Versprechen einhält", sagte der Aktivist.

Wegen der Formalitäten seien Behördenvertreter aus seiner Heimatprovinz Shandong, wo der Pass eigentlich beantragt werden müsste, am Mittwoch in das Krankenhaus in Peking gekommen, in dem er sich aufhalte, sagte Chen Guangcheng. Die ganze Familie habe die Papiere ausgefüllt und Passfotos gemacht. "Sie haben gesagt, dass wir die Pässe innerhalb von 15 Tagen bekommen können."

Die USA haben bereits signalisiert, sofort Visa ausstellen zu wollen. "Wir sind so weit, wenn er so weit ist", sagte eine Sprecherin des US-Außenministeriums in Washington. Der blinde Aktivist, der sich seit Ende der 90er-Jahre mit seiner Rechtsberatung für Opfer von Willkür und auch Zwangsabtreibungen einen Namen gemacht hatte, will an der Universität von New York (NYU) ein Studium aufnehmen.

Die US-Botschaft in Peking steht in regelmäßigem Kontakt mit dem Bürgerrechtler, der im Chaoyang-Hospital wegen einer Fußverletzung behandelt wird. Am 22. April war Chen Guangcheng aus 19 Monaten Hausarrest in seinem Heimatdorf Dongshigu in Shandong mithilfe von Freunden in die US-Vertretung in der Hauptstadt geflüchtet - auf der Flucht zog er sich die Fußverletzung zu.

Damit hatte er eine diplomatische Krise ausgelöst, die auch einen Besuch von US-Außenministerin Hillary Clinton in Peking überschattet hatte. Die Botschaft verließ Chen am 2. Mai unter Zusagen, wieder mit seiner Familie zusammenkommen zu können. Aus Angst um seine Sicherheit entschied er sich dann doch für die Ausreise, die ihm nach Verhandlungen zwischen den USA und China in Aussicht gestellt wurde. Chen Guangcheng äußerte sich besorgt über mögliche Racheakte lokaler Funktionäre gegen Angehörige in seinem Heimatdorf. "Ich bin weiter sehr besorgt um ihre Sicherheit", sagte der Aktivist. Die Menschenrechtsorganisation Chinese Human Rights Defenders berichtete, der Bruder sei nach der Flucht des Bürgerrechtlers in einer Polizeistation "mehrere Stunden lang gefoltert" worden. Dessen Sohn Chen Kegui wurde unter dem Vorwurf des versuchten Mordes festgenommen. Er hatte sich nach eigenen Angaben mit einem Messer gegen Schläger zur Wehr gesetzt, die mit Funktionären in sein Haus eingedrungen waren.