EU-Wirtschaft

"Risiko, dass Spanien kein Geld mehr bekommt"

Rückfall in die Rezession, Furcht vor Bankenpleiten

- Mit dem Mut der Verzweiflung rudert die spanische Regierungsmannschaft um Premier Mariano Rajoy gegen den Abwärtssog, dem das Mittelmeerland allen Sparbemühungen zum Trotz dieser Tage nicht zu entrinnen vermag. "Das haben wir Griechenland zu verdanken", schimpften Mitarbeiter im Wirtschaftsministerium, während sich ihr Chef Luis de Guindos nach London begab, um für Spaniens jüngste Finanzreform und das Vertrauen der Anleger zu werben.

Im Abgeordnetenhaus beschwor Rajoy erstmals das Gespenst der Insolvenz: "Es besteht ein ernsthaftes Risiko, dass Spanien kein Geld mehr bekommen wird oder wenn, dann nur zu astronomischen Zinsen." Seine Angst war begründet: In den letzten Tagen hat sich die Situation im Mittelmeerland dramatisch zugespitzt. Erstmals seit der Einführung des Euro kletterten die Risikoaufschläge für Staatsanleihen auf über 500 Basispunkte, und auch am Donnerstag hielten sie sich im kritischen Bereich bei 486 Basispunkten. Und am Donnerstagabend hat die Ratingagentur Moody's die Kreditwürdigkeit von 16 spanischen Banken gesenkt, darunter von Banco Santander und BBVA. Die Banken hätten sich um eine bis drei Stufen verschlechtert, so die Ratingagentur.

"Wie lange kann unser Land das alles überhaupt noch aushalten", fragte sich die angesehene spanische Wirtschaftszeitung "El Economista". "Die spanischen Renditen nähern sich gefährlich nahe dem Level an, bei dem Portugal, Griechenland und Irland unter den EU-Schutzschirm flüchten mussten", bilanziert denn auch "El Economista". Zwar konnte das Land mit der Platzierung von drei- und vierjährigen Bonds 2,5 Milliarden Euro erlösen, doch dies gelang nur, weil das Schatzamt die Zinsen kräftig erhöhte. Um Spanien bis 2015 Geld auszuleihen, verlangten Investoren Renditen zwischen 4,37 und 4,87 Prozent. In den letzten vergleichbaren Auktionen im April und Mai hatten die Werte noch bei 2,9 beziehungsweise vier Prozent gelegen.

An der Madrider Börse fielen die Aktien auf neue Tiefststände, angetrieben von dem Kurseinbruch der spanischen Sparkasse Bankia, die erst vergangene Woche unter staatliche Obhut genommen worden war. Die Kunden sollen in der letzten Woche Einlagen in Höhe von rund einer Mrd. Euro abgezogen haben, meldete die spanische Zeitung "El Mundo". Die Angst vor einer Bankenpleite geht in Spanien um, nachdem die Regierung erst letzte Woche ihre Reform des spanischen Finanzsektors nachbessern musste, um die Immobilienrisiken der spanischen Kreditinstitute besser einzudämmen. Doch sie hat ihr Ziel nicht erreicht.

Zu allem Überfluss teilte das Statistikamt jetzt auch noch mit, dass Spanien zu Jahresbeginn in eine Rezession zurückgefallen sei. Und der Verband der Inspektoren des Finanzamts will wohl den einzigen Wohltäter des Landes vergraulen, die EZB, die Einzige, die den angeschlagenen Banken überhaupt noch Geld leiht. Die Beamten werfen der Zentralbank vor, ihrer zögerlichen Haltung beim Kauf von spanischen Bonds sei es zuzuschreiben, dass sich die Finanzierungskosten für die Spanier so drastisch erhöht hätten. Dieses Jahr muss Spanien nur für den Schuldendienst zehn Mrd. Euro aufbringen.