Angst

Passionsspiele in Athen

Aus Angst vor dem Euro-Ausstieg räumen Griechen ihre Konten leer. Der Geldgeber IWF friert die Zusammenarbeit ein

- Angesichts der düsteren Zukunftsaussichten wächst in Griechenland die Angst vor einem Ansturm auf die Banken. An einem einzigen Tag sollen die Griechen in dieser Woche fast eine Milliarde Euro abgehoben haben. Staatspräsident Karolos Papoulias warnte vor einer bedrohlichen Entwicklung. Von einem klassischen "Bank run" mit langen Schlangen vor den Kassenschaltern der Finanzinstitute ist zwar noch nichts zu spüren, doch bringt die Entwicklung die Banken des Landes in große Schwierigkeiten.

In Griechenland herrscht ein gefährliches Machtvakuum, das das Land in den Abgrund stürzen könnte. In Athen sind am Donnerstag eine Übergangsregierung und das am 6. Mai gewählte Parlament vereidigt worden. Spätestens an diesem Samstag soll das Parlament wieder aufgelöst werden. Hauptaufgabe der Interimsregierung unter Ministerpräsident Panagiotis Pikrammenos ist die Vorbereitung von Neuwahlen am 17. Juni.

Falls radikale Parteien, die das Sparpaket der bisherigen Regierung ablehnen, in der neuen Abstimmung weiter zulegen, droht dem Land ein Stopp der internationalen Hilfen und damit auch der Staatsbankrott. Die bevorstehende Wahl wird von Beobachtern als eine Art Volksabstimmung über Verbleib oder Austritt aus der Währungsunion gesehen.

Angesichts des Erstarkens der radikalen Spargegner hat die Ratingagentur Fitch die Kreditwürdigkeit Griechenlands herabgestuft. Die Langfrist-Bewertung werde auf CCC von zuvor B-gesenkt. Damit sieht die Ratingagentur ein substanzielles Ausfall-Risiko. Ein möglicher Austritt aus der Eurozone würde demnach wahrscheinlich einen Kreditausfall nach sich ziehen.

Zuvor hatte bereits der Internationale Währungsfonds seine offiziellen Kontakte zu dem Krisenland bis zu den Neuwahlen auf Eis gelegt. Die Experten des Währungsfonds würden nicht mit der Übergangsregierung zusammenarbeiten, sagte ein IWF-Sprecher in Washington. "Wir freuen uns darauf, mit der neuen Regierung in Kontakt zu treten, wenn sie gebildet wurde." Ein genaues Datum, wann die IWF-Mission nach Griechenland zurückkehren werde, gebe es nicht.

Gefährliche Sparerflucht

Der IWF ist neben der EU wichtigster Geldgeber des hochverschuldeten Landes. Er hatte sich im Mai 2010 mit Krediten von 30 Milliarden Euro am ersten Hilfspaket für Griechenland beteiligt. Im März sagte der Währungsfonds Athen dann erneut Hilfskredite in Höhe von 28 Milliarden Euro zu. Im Gegenzug fordern IWF und EU strikte Sparmaßnahmen.

Europas oberster Währungshüter Mario Draghi sprach sich am Mittwoch in Frankfurt klar für einen Verbleib Griechenlands in der Eurozone aus. Das sei die "starke Präferenz" der Europäischen Zentralbank EZB. Die Entscheidung über die Zukunft des Landes werde jedoch nicht von der EZB getroffen.

Unterdessen wurden während der dramatischen Verhandlungen über eine neue Regierung in Griechenland am Montag knapp 900 Millionen Euro abgehoben. Papoulias hatte am Wochenende die Parteichefs darauf hingewiesen, dass die Griechen wieder hohe Summen von Geldautomaten oder übers Online-Banking abgehoben hätten.

Seit Ausbruch der Schuldenkrise nehmen die Griechen hohe Summen an Bargeld mit nach Hause oder überweisen Erspartes auf ausländische Konten. Sie befürchten, dass die heimischen Banken zusammenbrechen könnten oder das Geld bei einer Umwandlung in die alte Währung Drachme stark an Wert verlieren würde. Die Einlagen der griechischen Privathaushalte bei den Banken verringerten sich nach Angaben der staatlichen Notenbank seit Anfang 2010 von 195 Milliarden Euro auf 140 Milliarden Euro im März 2012. Dies entspricht einem durchschnittlichen Abfluss von zwei Milliarden Euro im Monat. Ein Betrag von 900 Millionen Euro an einem Tag wäre eine sehr hohe Summe. Bis zum Sonntagnachmittag seien am Wochenende rund 700 Millionen Euro abgehoben worden, soll Papoulias unter Berufung auf Notenbank-Chef Georg Provopoulos mitgeteilt haben.

Für eine Bank ist eine Flucht der Sparer höchst gefährlich: Muss sie viele Einlagen auf einmal auszahlen, läuft sie Gefahr, schnell ohne flüssige Mittel dazustehen - und damit zahlungsunfähig zu sein. Das gilt umso mehr für die griechischen Kreditinstitute, die längst keine frischen Mittel von privaten Geldgebern bekommen. Stattdessen finanzieren sie sich praktisch komplett über die Zentralbank. Doch auch an die klassischen EZB-Kredite kommen viele griechische Häuser kaum noch heran. Denn dafür müssen sie Sicherheiten bieten, also etwa Wertpapiere verpfänden. Doch viele Banken haben keine Sicherheiten mehr zu bieten, die die Qualitätsanforderungen der EZB erfüllen, obwohl diese im Laufe der Krise schon weit heruntergeschraubt wurden.

Mancher Notenbanker fordert einen Schlussstrich. Für Banken, die mit negativem Eigenkapital operieren, dürfe es auch keine Kredite mehr geben. Kurzfristig scheint ein Zahlungsstopp aber nicht zu erwarten. Eine klare Mehrheit im EZB-Rat halte weitere Hilfen derzeit für vertretbar, sagten mehrere Zentralbanker der Morgenpost. Zwar hätten einige griechische Banken tatsächlich viel zu wenig Eigenkapital - eine Rekapitalisierung ist jedoch im Rahmen der Hilfsprogramme für Griechenland ausdrücklich vorgesehen.

Warten auf die Neuwahl

Die griechischen Geldhäuser sollen nach früheren Berichten über einen nationalen Bankenrettungsfonds mit bis zu 50 Milliarden Euro rekapitalisiert oder in Einzelfällen fusioniert und abgewickelt werden. Dabei stammen 25 Milliarden Euro aus Mitteln des Euro-Rettungsfonds EFSF. Davon will die Regierung 18 Milliarden Euro laut einem Bericht des staatlichen Fernsehens nun auch an die Banken weiterreichen.

Kommende Woche sollten die ersten Milliarden fließen. Die europäische Politik schiebt das Problem einstweilen weit von sich. Die Geldversorgung griechischer Banken sei keine politische Frage, die Unabhängigkeit der EZB ein hohes Gut, heißt es aus der Euro-Gruppe. Die europäischen Entscheider haben die Parlamentswahl im Blick: Sie wird als Entscheidung für oder gegen die Euro-Mitgliedschaft des Landes gewertet. Die EZB dürfte sich schwertun, schon vorher Fakten zu schaffen, indem sie die griechischen Banken kollabieren lässt.