Autobauer

Opel auf Schrumpfkurs

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Nikolaus Doll

Der Autobauer streicht Kapazitäten: Die Produktion des Astra geht ins Ausland. Dem Werk in Bochum droht die Schließung

- Betriebsversammlungen sind kein Heimspiel für Unternehmensleitungen - bei Opel schon gar nicht. Die Betriebsräte laden ein, legen die Tagesordnung fest, das Management darf ein Statement abgeben und bekommt dafür den Unmut der Belegschaft zu spüren. Als sich Opel-Chef Karl-Friedrich Stracke am Montag im Stammwerk Rüsselsheim den Mitarbeitern stellt, ist es nicht anders. Sein Vortrag wird von Pfiffen unterbrochen. Was Stracke zu verkünden hat, ist ein Schlag für die Belegschaft.

Eines der drei Werke, das derzeit den Astra herstellt, wird die Produktion des Basismodells verlieren. "Angesichts der erwarteten Nachfrage sind wirtschaftlich nur zwei Astra-Werke sinnvoll", erklärt Stracke vor rund 8000 Beschäftigten. Heute wird der Astra in drei Werken im Zwei-Schicht-Betrieb gefertigt - in Rüsselsheim, im britischen Ellesmere Port und im polnischen Gleiwitz (Gliwice).

Nach Informationen der Morgenpost soll die Entscheidung, wer das Modell künftig baut, in den kommenden zwei Wochen fallen - und dass Rüsselsheim weiter den Astra fertigen wird, ist so gut wie ausgeschlossen. Das Gros der Fahrzeuge wird derzeit in Ellesmere Port und in Gleiwitz gebaut. Dort laufen rund 150.000 Astra pro Jahr vom Band. In Rüsselsheim waren es 2011 nur gut 18.000. "Das Stammwerk verkraftet es, wenn der Astra von dort abgezogen wird", sagt ein Opel-Manager.

11 Milliarden Euro für neue Modelle

Ob Rüsselsheim dafür künftig zum Ausgleich den Zafira produziert, wurde weder hinter vorgehaltener Hand noch von Stracke bestätigt. Diese Frage wäre entscheidend für die Belegschaft in Bochum. Dort wird überwiegend der Zafira hergestellt. Verlieren die Bochumer dieses Modell, gilt eine Schließung als unausweichlich.

Der Unternehmensplan solle im Juni dem Aufsichtsrat vorgelegt werden, kündigte Stracke an. Immerhin gibt es nun erstmals ein Zeitfenster. Seit Monaten arbeitet das Unternehmen ohne Businessplan, die Adam Opel AG fährt auf Sicht. Stracke weckt Hoffnungen: "Er ist keineswegs nur ein Sparplan, sondern eine umfassende Strategie, mit der wir schnell wieder in die Gewinnzone fahren werden, ganz egal ob mit oder ohne Rückenwind des Marktes", verspricht er.

Wie Fiat, PSA Peugeot Citroën oder Renault hat auch Opel massive Kapazitätsprobleme. Schon vor sechs Jahren, als die GM-Tochter noch von Carl-Peter Forster geführt wurde, galt die Schließung eines Werkes bei Opel und der Schwestermarke Vauxhall als unvermeidbar. 2011 wurde dann der Standort Antwerpen dicht gemacht. Dass nun ein weiteres Werk zur Disposition steht, liegt vor allem auch an den Folgen der Euro-Krise, die Ländern in Süd- und Westeuropa, die zu den klassischen Absatzmärkten Opels zählen, massiv zusetzt.

Immerhin wiederholte Stracke die Aussage des Mutterkonzerns GM, an der Europatochter festzuhalten und Milliarden zu investieren. Aus seinem Zehn-Punkte-Plan, den Stracke erstmals in Gänze vorstellte, geht unter anderem hervor, dass bis 2014 über elf Milliarden Euro in eine groß angelegte Modelloffensive investiert werden sollen. Allein in diesem Jahr bringt Opel sechs neue Modelle auf den Markt. "Dabei fahren wir eine klare Eroberungsstrategie und dringen in neue Segmente vor, die wir bislang nicht bedienen", sagt Stracke und verweist auf den kompakten Offroader Mokka, eine weitere Astra-Version, ein komplett neues Cabrio und das künftige Einstiegsmodell Adam. Der Adam wird im thüringischen Eisenach gebaut.

Die Auslastung der Werke soll unter anderem durch die Produktion der GM-Schwester-Marke Chevrolet bei Opel verbessert werden. Daneben sollen drei neue Motorengenerationen entwickelt und das Angebot an alternativen Antrieben ausgebaut werden. Um finanziellen Spielraum dafür zu bekommen, soll die Profitmarge pro Fahrzeug erhöht werden - durch Einsparungen bei Materialkosten, Fertigung und Löhnen. "Wir können GM nicht weiter auf der Tasche liegen", sagte Stracke. Im ersten Quartal hat Opel ein Minus von 256 Mio. Dollar eingefahren. Der seit mehreren Jahren angesammelte Verlust beläuft sich Schätzungen zufolge auf einen zweistelligen Milliardenbetrag.

Das Management verhandelt derzeit mit den Arbeitnehmern in den europäischen Werken über Einsparungen, um die GM-Tochter bis 2016 in die Gewinnzone zu führen. Auf dem Katalog des Managements stehen nach Angaben von Arbeitnehmern auch Forderungen nach einem Verzicht auf Lohnbestandteile und längere Arbeitszeiten.