- Ein neuer spektakulärer Handelsskandal erschüttert die Finanzbranche: JP Morgan, größte Bank der USA, hat mit hochriskanten Wetten binnen sechs Wochen zwei Milliarden Dollar (1,54 Milliarden Euro) verzockt. Die Verluste könnten am Ende sogar noch höher ausfallen. In den Skandal verwickelt ist die Investmentabteilung in London. Der Hauptverantwortliche soll ein französischer Händler sein, Spitzname "Londoner Wal". Geschäftspartner nannten ihn allerdings "Voldemort", nach dem dunklen Lord aus der "Harry Potter"-Serie, der die Macht übernehmen will.

JP Morgan galt bisher als Musterknabe unter den amerikanischen Geldhäusern. Entsprechend schockte das Eingeständnis die Anleger: Finanztitel sackten ab. Der für seine Kritik an den staatlichen Regulierungsplänen bekannte Bankchef Jamie Dimon gab sich in einer persönlichen Erklärung ungewohnt schmallippig. Das Desaster sei durch "ungeheuerliche Fehler" selbst verschuldet, gab er in einer eilends anberaumten Telefonkonferenz zu. Er sprach von "Schlampereien" und "falschen Entscheidungen".

Weitere Verluste möglich

Im zweiten Quartal dürfte deshalb ein Konzernverlust von 800 Millionen Euro anfallen, gab Dimon bekannt. Möglicherweise könnten die fehlerhaften Geschäfte eine weitere Milliarde Dollar Verlust nach sich ziehen. Und: "Es könnte noch schlimmer kommen." Der Skandal erschüttert den Ruf der Bank als sicherer Risikomanager, die als eines der wenigen Institute ohne Verluste durch die globale Finanzkrise kam.

Einzelheiten sind bisher nicht bekannt, etwa womit der Händler genau spekulierte. Auch über die Person fehlen weitergehende Informationen. Angeblich heißt "Voldemort" offiziell Bruno Iksil, ist Ende 30 und arbeitet in JP Morgans sogenanntem Chief Investment Office, wo die Verluste auftauchten. Der Nachrichtenagentur Bloomberg zufolge spekulierte "Voldemort" zuletzt vor allem mit sogenannten CDS, Kreditausfallversicherungen, pikanterweise Papiere, mit denen das Risiko eines Kreditausfalls verringert werden soll.

Das "Wall Street Journal" hatte im April bereits über hohe Verluste berichtet. Demnach soll Iksil eine ungewöhnlich große Handelsposition aufgebaut haben, gegen die Hedgefonds Wetten abschlossen. In der Branche fragen sich allerdings einige: Worauf hat JP Morgan, genauer "Voldemort", noch alles gewettet?

Kreditausfallversicherungen standen auch im Mittelpunkt der Finanzkrise 2008. Durch diese war JP Morgan ohne staatliche Hilfe gekommen - und war entsprechend stolz darauf. Dimon gehört zu den schärfsten Kritikern der Pläne der US-Regierung, den Eigenhandel der Banken mit solchen Papieren stark einzuschränken.

Der JP-Morgan-Fall ähnelt denen bei der Société Générale und bei der Schweizer UBS. Der Händler Jérôme Kerviel zockte in großem Stil, der Schaden betrug am Ende 4,9 Milliarden Euro. Er sitzt für fünf Jahre in Haft. Der Händler Kweku Adoboli ist in London angeklagt, weil er der UBS mit Fehlspekulationen einen Verlust von 1,5 Milliarden Euro gebracht haben soll. Experten zufolge spricht allerdings viel dafür, dass es bei JP Morgan keine Einzelperson war.

Der Skandal ist jedoch nicht nur für JP Morgan ein handfestes Problem, sondern könnte Folgen für die gesamte Branche haben. Dass selbst die Nummer eins ihre Risiken nicht im Griff hat, dürfte auch für politische Reaktionen sorgen. Auf eine Lockerung der Regulierung jedenfalls kann die Branche nun wohl kaum mehr hoffen. Gerade Dimon war es, der sich in den vergangenen Wochen und Monaten vehement für eine Abmilderung eingesetzt hat. "Das lässt uns jetzt dumm dastehen", gab der Bankmanager selbst zu. Er sprach sich immer gegen ein geplantes Eigenhandelsverbot für Banken aus - genau dieser Eigenhandel hat der Bank nun eine Menge Geld gekostet.

Schärfere Regeln gefordert

Die Politik in Europa reagiert bereits. "Der spektakuläre Verlust von JP Morgan zeigt, dass manche nichts daraus gelernt haben. Das so etwas passiert, zeigt, dass die Regeln unzureichend sind", sagte Otmar Karas (EVP), Vizepräsident des EU-Parlaments. Er forderte strengere Vorgaben für große Institute: "Wenn eine Großbank in Schieflage gerät, hat dies enorme Auswirkungen auf den Finanzmarkt eines Landes und darüber hinaus. Ich fordere deshalb in den Vorschlägen des Parlaments zu den neuen Bankeneigenkapitalregeln, dass systemisch relevante Banken einen zusätzlichen Eigenkapitalpuffer in der Höhe von 13 Prozent halten müssen."

Der finanzpolitische Sprecher der Grünen im Bundestag, Gerhard Schick, forderte, den Derivatemarkt genauer anzusehen. "Bisher hat die Lobby erfolgreich verhindert, dass der Markt transparent wird. Ich hoffe, dass nun neuer Schwung in die Debatte kommt."