Recht

Ohne Zustimmung des Chefs kein Urlaub

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Sabine Schmitt

Sind freie Tage genehmigt, kann der Arbeitnehmer sein Handy ausschalten und darf nicht zurückgeholt werden

Für viele Arbeitnehmer kommt bald die schönste Zeit des Jahres: der Sommerurlaub. Doch die Ferienplanung birgt ein großes Konfliktpotenzial. Nicht nur im Kollegenkreis, sondern auch mit den Vorgesetzten. Denn während die meisten Angestellten an einer möglichst langfristigen verbindlichen Planung interessiert sind, möchten sich Arbeitgeber oft alle Optionen offenhalten. Die Berliner Morgenpost hat die wichtigsten arbeitsrechtlichen Fragen und Antworten zusammengestellt.

Entscheidet der Chef, wer Urlaub nehmen darf?

Gerade in den Sommermonaten kommt es häufig zu Überschneidungen von Urlaubswünschen. Die Mitarbeiter sollten sich untereinander absprechen und einen Plan entwickeln. Wollen zu viele Angestellte gleichzeitig in die Ferien, hat der Arbeitgeber das letzte Wort. "Bei gleichrangigen Ansprüchen muss der Chef entscheiden", sagt Stefan Schiefer, Fachanwalt für Arbeitsrecht. Dafür muss er diverse Punkte berücksichtigen wie Kinder oder Partner, die auf Ferienzeiten angewiesen sind, oder aber, ob ein Arbeitnehmer schon mehrfach zur selben Zeit Urlaub hatte und nun ein anderer dran wäre. "Eine undankbare Aufgabe", sagt Schiefer.

Darf der Chef den Urlaub streichen?

Ein Chef darf seinem Mitarbeiter den vertraglich vereinbarten Urlaub weder kürzen noch streichen. Jedem steht Erholungsurlaub zu, und das auch möglichst im gewünschten Zeitraum. Es gibt dabei jedoch ein großes Aber: Wenn dringende betriebliche Gründe entgegenstehen, kann der Chef sich weigern, den Mitarbeiter zu einem bestimmten Zeitpunkt in den Urlaub zu entlassen. Das kann ein lange geplantes Projekt sein, das die Anwesenheit des Angestellten erfordert, aber auch eine unvorhergesehene Krankheitswelle, die die Belegschaft so ausgedünnt hat.

Gelten Besonderheiten, wenn eine kurzfristige betriebliche Notlage eintritt?

Nein. Die Grundsätze sind dieselben, ob es sich nun um eine kurzfristig eintretende Arbeitsbelastung oder aber auf lange Sicht geplante Konzepte handelt, die die Anwesenheit des Arbeitnehmers aus Sicht des Chefs erforderlich machen. Gerade wenn es jedoch kurzfristig eintretende Gründe sind, die dem Mitarbeiter den Weg in den Erholungsurlaub versperren sollen, gibt es eine deutliche Einschränkung zugunsten des Arbeitnehmers: Anwesenheit kann ihm vom Chef nämlich nur dann verordnet werden, wenn der Urlaub noch nicht genehmigt ist. Nachdem der Mitarbeiter die Genehmigung erhalten hat, liegt es allein in seinem eigenen Ermessen, den Urlaub auf Anfrage des Chefs doch nicht anzutreten. Genau dies könnte ein Punkt sein, weshalb viele Arbeitgeber so lange mit ihrer offiziellen Zusage warten. "Wenn ein Urlaubsanspruch einmal genehmigt wurde, ist er für den Arbeitgeber verbindlich", sagt Nathalie Oberthür, Fachanwältin für Arbeitsrecht.

Darf ein Arbeitgeber seinen Mitarbeiter aus dem Urlaub zurückholen?

Rechtlich ist das völlig klar: nein. Wer im Urlaub ist, muss für seine Firma nicht erreichbar sein und darf auch nicht zurückbeordert werden. Das Bundesarbeitsgericht hat mehrfach bestätigt, dass selbst spezielle Abreden zwischen Chef und Mitarbeiter dahingehend unwirksam sind. Die Richter halten es auch nicht für notwendig, dass der Arbeitnehmer seiner Firma eine Urlaubsadresse mitteilt (Bundesarbeitsgericht Az.: 9 AZR 405/99 und Az.: 7 AZR 1148/78). "Niemand muss im Urlaub auf Stand-by sein", fasst Arbeitsrechtler Schiefer zusammen. "Wer damit rechnen muss, angerufen zu werden, erholt sich nicht." In der Praxis sieht das mittlerweile jedoch völlig anders aus. "Schon allein aus Angst um den Job lassen sich viele Angestellte auf die Erreichbarkeit ein", hat Schiefer festgestellt. "Mit steigender Verantwortung im Unternehmen steigt auch die Bereitschaft, erreichbar zu sein." Wenn etwas Dringendes passiert, wird auch genehmigter Urlaub entweder verschoben oder ein Arbeitnehmer aus dem Urlaub geholt. "Allerdings geschieht das einvernehmlich", betont Fachanwältin Oberthür.

Darf ein Mitarbeiter ohne ausdrückliche Zustimmung in Urlaub gehen?

Einfach, ohne Genehmigung, verabschieden in den Urlaub darf sich ein Mitarbeiter nicht. Auch wenn der Chef den Wünschen seiner Mitarbeiter nachkommen muss, wenn betrieblich nichts dagegenspricht, muss er die Ferien formell genehmigen. Wer ohne Erlaubnis geht, der fliegt. Möglicherweise sogar fristlos, denn in diesem Falle hat der Arbeitgeber das Recht zu einer recht radikalen Sanktionierung. "Von einer stillschweigenden Urlaubsgenehmigung sollte man lieber nicht ausgehen", rät Fachanwalt Schiefer. "Das Risiko einer Kündigung ist einfach sehr hoch." Die Selbstbeurlaubung, wie dies im Fachjargon heißt, sei "der Klassiker für fristlose Kündigungen", so Schiefer.

Muss die Urlaubsgenehmigung schriftlich vorliegen?

Was als Genehmigung gilt, variiert von Unternehmen zu Unternehmen. Bei einigen ist eine mündliche Zusage üblich, bei anderen muss die Genehmigung schriftlich abgesegnet sein mit dem klassischen Urlaubsschein. "Mündliche Zusagen sind schwer nachweisbar", warnt Arbeitsrechtsanwältin Oberthür. "Man sollte sich das schön unterschreiben lassen." Gerade wenn es um langfristige Zusagen gehe, weil der Mitarbeiter sehr früh gebucht hat und auf der sicheren Seite sein möchte. Eine Urlaubsgenehmigung "unter Vorbehalt" gibt es nicht. Bucht ein Mitarbeiter ohne Zustimmung, trägt er das Risiko und eventuelle Stornokosten selbst, falls der Chef später den Urlaubsantrag ablehnt.