Interview

"Zwei Euro sind unrealistisch"

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Aral-Vorstandschef Stefan Brok hält nicht viel von der Meldung der aktuellen Tankstellen-Preise an das Bundeskartellamt

Der größte deutsche Benzinverkäufer gibt keine Entwarnung bei den Preisen, gewaltige Sprünge hält der Aral-Vorstandschef aber in den nächsten Monaten für unrealistisch. Die Rekordpreise bekommt Aral schon zu spüren, sagte Konzernchef Stefan Brok im Gespräch mit Morgenpost-Redakteur Birger Nicolai.

Berliner Morgenpost:

Die Sommerferien stehen bald vor der Tür: Werden Autofahrer wie jedes Jahr mit Rekordpreisen in den Urlaub starten müssen?

Stefan Brok:

Die Preise haben doch mit den Ferien nichts zu tun. Im Moment haben wir an jedem Tag eine Preiserhöhung und mehrere Preissenkungen. Der Benzinmarkt ist hart umkämpft. Wie er in ein paar Wochen zum Ferienstart aussehen wird, kann ich heute nicht voraussagen.

Wird Benzin in diesem Jahr noch zwei Euro je Liter kosten?

Ausschließen kann ich in dieser Branche gar nichts. Aber rein rechnerisch sind zwei Euro je Liter sehr unwahrscheinlich. Nehmen wir die Fakten: Derzeit kostet Benzin etwa 1,67 Euro, und das bei einem Preis von 1060 Dollar je Tonne in Rotterdam. Eine Verteuerung auf zwei Euro je Liter würde sich ergeben, wenn bei konstantem Wechselkurs vom Euro zum Dollar der Preis um mehr als 50 Prozent auf über als 1600 Dollar steigt. Das halte ich mit Blick auf die aktuelle Weltkonjunktur für sehr unrealistisch.

Kommen Reaktionen der Kunden auf die Rekordpreise eigentlich bei Ihnen an?

Ja, das kommen sie. Kunden tanken nicht mehr voll, und sie fahren weniger mit dem Auto. Unser Benzinabsatz ist im April im einstelligen Prozentbereich rückläufig gewesen. Außerdem steigen einige Autofahrer auf Motoren mit Flüssiggasantrieb oder Erdgas um, selbst wenn das nur geringe Stückzahlen sind.

Wirtschaftsminister Philipp Rösler will eine Markttransparenzstelle einrichten, die die Preise kontrollieren soll. Werden Benzin und Diesel dann billiger?

Das wird an den Preisen nichts ändern, die bilden sich durch Angebot und Nachfrage. Ich sehe in einer Transparenzstelle keinen zusätzlichen Nutzen für den Verbraucher. Das wird nur ein teures Bürokratiemonster werden, das zusätzliche Kosten bei Behörden und Mineralölgesellschaften verursacht. Ich halte das für politischen Aktionismus in einem Jahr mit wichtigen Wahlen.

Aral muss dann zum ersten Mal Preiserhöhungen an den 2500 Stationen sowie Verkaufspreise an den Raffinerien der Behörde melden. Werden Sie das machen?

Wir werden nicht gegen Gesetze verstoßen. Aber ich hoffe, dass es noch Änderungen an der jetzigen Vorlage geben wird. Nehmen wir nur diese drei Punkte: Kleine und mittlere Tankstellenunternehmen können von der Pflicht befreit werden. Aber was sind kleine Unternehmen? Gilt das Gesetz nur für Markenanbieter? Dann würden nur zwei Drittel des Tankstellenmarktes erfasst werden. Und was ist mit großen Mittelständlern, die bis zu 250 Stationen oder mehr haben? Außerdem sollten die gemeldeten Preise auch veröffentlicht werden und im Sinne der Transparenz für Kunden einsehbar sein - was bislang nicht vorgesehen ist.

Und was ist Ihr dritter Punkt?

Wir sollen der Transparenzstelle beim Kartellamt mitteilen, an welchen Großkunden wir welche Mengen zu welchem Preis verkauft haben. Das betrifft unser Großkundengeschäft: Unsere Kunden - darunter sind auch mittelständische freie Tankstellen - erhalten ihre Rechnungen in unterschiedlichen Abständen. Manche haben Monatsverträge, andere Wochenverträge, wieder andere kaufen zu Tagespreisen. Das wird ein Riesenaufwand, und manche Daten sind schlichtweg nicht lieferbar. So wie sich das Wirtschaftsministerium es ausdenkt, so läuft unser Geschäft nun mal nicht ab.

Angesiedelt wird die Transparenzstelle beim Bundeskartellamt. Dann könnte die Behörde endlich wirksam kontrollieren, ob Aral und andere Ölkonzerne an den Raffinerien unter Einstandspreis verkaufen und dadurch freie Tankstellen behindern.

Lassen wir doch einmal die Fakten sprechen: Aktuell wird vom Bundeskartellamt untersucht, ob im Jahr 2011 an vier von 2500 Aral-Tankstellen Benzin günstiger verkauft wurde, als wir es im Großhandel an andere Tankstellenbetreiber abgegeben haben. Nach unseren Untersuchungen haben wir in keinem einzigen Fall gegen das Kartellrecht verstoßen. Aral hat kein Problem mit Transparenz. Alle Tankstellenpreise von Aral sind im Internet für jeden Interessierten einsehbar.

Im Moment werden Preismodelle aus anderen Ländern als Vorbild für Deutschland diskutiert. Ölkonzerne müssen dort Preiserhöhungen vorab melden und dürfen die Preise anschließend für 24 Stunden nicht noch mal anheben.

Wofür sollen solche Modelle geeignet sein? Doch nicht etwa, um für günstigere Preise zu sorgen? Der Chef der Monopolkommission, Justus Haucap, hat diese Modelle untersucht und festgestellt, dass derartig regulierte Märkte zu höheren Preisen führen.

Die Österreicher scheinen damit zufrieden zu sein.

Das kann ich nicht beurteilen. Aber es gäbe in Deutschland einen einfachen Weg, die Benzinpreise zu ändern: Der Staat müsste die Mineralölsteuern senken. Im europäischen Vergleich sind sie neben Großbritannien die höchsten. Das sehen Sie schon daran, dass in Deutschland mehr Kilometer gefahren als Benzin und Diesel getankt werden.