Sparpolitik

Angst vor Europas "kranken Männern"

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D.l Eckert und H. Zschäpitz

Wegen Sparpolitik wackeln Regierungen in vielen Ländern. Euro-Sorgen lassen Börsen erzittern

- Am gleichen Tag erlitt Frankreichs Staatschef Nicolas Sarkozy bei der ersten Runde der Präsidentschaftswahl eine Niederlage: Als erster Amtsinhaber der V. Republik, der sich zur Wiederwahl stellt, bekam er weniger Stimmen als sein stärkster Herausforderer - dem Euro sei Dank.

Einst galt Deutschland als "Europas kranker Mann". Nun, in der Eurokrise, gilt Deutschland als stark, viele andere Länder jedoch als moribund: ein Kontinent voller "kranker Männer". Die europäischen Börsen reagierten äußerst verunsichert auf die Polit-Nachrichten, die noch durch schlechte Konjunkturzahlen verstärkt wurden. So gab die Notenbank von Spanien zu Wochenbeginn bekannt, dass die Wirtschaft des Landes im ersten Quartal in die Rezession gerutscht ist - die zweite innerhalb von drei Jahren. Der Deutsche Aktienindex sackte um mehr als drei Prozent ab und schloss auf dem tiefsten Stand seit zweieinhalb Monaten.

Die Kapitalmarkt-Turbulenzen blieben nicht auf den Aktienmarkt beschränkt: Auch die Anleihen der meisten Euro-Staaten verloren an Boden. Besonders schmerzlich waren die Verluste bei holländischen Titeln. Deren Rendite schoss auf 2,39 Prozent und wies damit einen Risikoaufschlag von 77 Basispunkten (0,77 Prozentpunkten) zu Bundesanleihen auf - höchste Differenz seit dem Höhepunkt der Finanzkrise im Frühjahr 2009.

Profitieren konnten hingegen deutsche Bundesanleihen. Der Grund: Sollte die Euro-Zone zerbrechen, würden deutsche Staatspapiere den besten Werterhalt verbürgen. Spiegelbildlich zu den Notierungen gingen die Renditen nach unten. Die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihen sank auf 1,63 Prozent und damit auf einen historischen Tiefstand. Bei fünfjährigen Papieren gaben sich Investoren mit 0,6 Prozent zufrieden.

Strategen äußerten sich besorgt über die Auswirkungen der politischen Unsicherheit. "Der starke Anstieg von Protestparteien birgt die Gefahr einer Balkanisierung Westeuropas", sagt Marc Ostwald, Stratege bei Monument Securities, mit Blick auf das gute Abschneiden der rechtspopulistischen Front Nation (FN) in Frankreich. Als Ursache diagnostiziert er eine tief sitzende Abneigung gegen die politische Mehrheitsmeinung in der Europäischen Union (EU) und gegen die Richtung, in der sich diese Union entwickelt. Der Euro und die verzweifelten Versuche der Europa-Politiker, ihn zu stabilisieren, wirken wie ein Krisenverstärker.

Unbestritten ist, dass Frankreichs Probleme tief liegen. Ein Symptom ist mangelnde Wettbewerbsfähigkeit. Der Anteil des Landes an den Euroland-Exporten ist seit Gründung der Währungsunion 1999 von 18,5 Prozent auf 13,2 Prozent heute abgesackt. Deutschlands Anteil ist im gleichen Zeitraum von 33,6 auf 35,6 Prozent gestiegen. Die relativ robuste Konjunktur der vergangenen Jahre beruht auf nicht gegenfinanzierten Steuererleichterung und staatlichen Transferleistungen. Kaum ein Land der Währungsunion hat sein Strukturen so wenig an die Bedürfnisse der Globalisierung angepasst: "Frankreich ist der größte potenzielle Problemfall der Eurozone", sagt Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank.