Unternehmen

dm profitiert von der Schlecker-Pleite

Erich Harsch, Chef der Drogeriemarktkette, über die Insolvenz des Konkurrenten und den bewussten Verzicht auf hohe Gewinne

Deutschlands größte Drogeriemarktkette dm wächst seit Jahren stärker als die Konkurrenz. Rund 60 Läden will die Firma in diesem Jahr in Deutschland noch eröffnen, auch in Berlin. Mit dm-Chef Erich Harsch sprach Hagen Seidel.

Berliner Morgenpost:

Herr Harsch, freuen Sie sich, dass Schlecker insolvent ist?

Erich Harsch:

Nein, darüber kann man sich nicht freuen, dafür ist der Prozess zu schmerzhaft. Aber so etwas kommt vor in unserer sozialen Marktwirtschaft.

Aber die Insolvenz bringt Ihnen mehr Umsatz durch ehemalige Schlecker-Kunden.

Grundsätzlich ist das richtig. Aber so viel Volumen wird da auch nicht neu verteilt, wie viele vermuten. Schlecker hat Produkte aus unterschiedlichen Bereichen verkauft und war schon lange kein richtig großer Spieler im Handel mit Drogeriewaren mehr. Dort hatte Schlecker zuletzt einen Marktanteil von gerade noch sechs Prozent. Das lag unter dem von großen Discountern und deutlich unter unserem Marktanteil von 17 Prozent. Aber wir sehen schon Versuche anderer Marktteilnehmer, von der Schwäche des langjährigen Branchenführers durch zum Teil aggressive Werbung zu profitieren.

Sie machen keine Sonderaktionen?

Nein, wir haben keine besonderen Initiativen gestartet, schließlich sind wir keine Verfechter von Lock- und Verführungsangeboten. Wir arbeiten wie immer langfristig und wir haben damit nicht gerade schlecht abgeschnitten bei der Mund-zu-Mund-Propaganda der Kunden.

Sie haben also beim Umsatz sehr wohl von der Schlecker-Pleite profitiert.

Ja, wir konnten 2012 in Deutschland Monat für Monat zulegen. Das führen wir auch auf diese Sonderentwicklung zurück.

Sind Sie an Mitarbeitern oder Filialen von Schlecker interessiert?

Durch unser Wachstum haben wir immer einen großen Bedarf an engagierten, neuen Mitarbeitern. Im Verlauf dieses Jahres rechnen wir noch mit etwa 1500 Neueinstellungen. Und dabei kommt es auf die Qualifikation und nicht auf die Herkunft oder das Alter an. Ich weiß von Fällen in Bayern, wo dm-Mitarbeiter Leute von zu schließenden Schlecker-Filialen empfohlen haben, sich doch bei uns zu bewerben. Warum auch nicht? Unsere Filialen sind bei solchen Fragen ja autonom. Auch interessieren wir uns immer für Standorte. Aber eine Großpaketlösung mit Schlecker-Läden wird es nicht geben. 95 bis 98 Prozent der Standorte kommen schon deshalb nicht für uns in Frage, weil sie zu klein sind. Auch an Auslandsgesellschaften von Schlecker sind wir nicht interessiert. Wir wollen uns weiterhin organisch entwickeln.

dm erzielt eine Umsatzrendite von rund einem Prozent. Damit sind Sie zufrieden?

Ja. Unsere Ertragslage war auch 2011 unverändert gut und lag in diesem Bereich. Mehr brauchen wir nicht. Gewinnmaximierung ist eine Vorenthaltung gegenüber der Zukunft. Wenn wir sehen, dass der Gewinn zu stark steigt, überlegen wir, wie wir das zusätzliche Geld sinnvoll investieren können. Mit dieser Methode sind wir das am stärksten wachsende Branchenunternehmen geworden.

Zahlen Sie Ihren Mitarbeitern mehr. dm ist nicht tarifgebunden.

Wir zahlen gut. Wir sind für tarifliche Regelungen und zahlen immer mindestens nach Tarif, sehr oft auch mehr als im Tarif vorgesehen ist. Und in vielen Fällen auch deutlich darüber. Das durchschnittliche Einkommen unserer Filialleiterinnen und Filialeitern liegt bei 3600 Euro plus Weihnachts- und Urlaubsgeld sowie der Abschlusszahlung. Das ist eine Art Gewinnbeteiligung, die für alle Mitglieder unserer Arbeitsgemeinschaft gleich hoch ist. Es gibt auch die Filialleiterin einer großen und erfolgreichen Filiale, die auf 5800 Euro im Monat kommt. Das liegt erheblich über dem Tarif. Und es zeigt, dass es nicht stimmt, dass man im Einzelhandel kein Geld verdienen kann. Die quälende Diskussion über einen Mindestlohn als Schmerzgrenze lässt den Handel als Arbeitgeber leider sehr viel unattraktiver erscheinen, als er tatsächlich ist.