Geld

Renditegrab Lebensversicherung

Durchschnittliche Verzinsung des einstigen Vorsorgeschlagers hat sich binnen zehn Jahren halbiert

- Wer in diesen Wochen Schlagzeilen aus dem Hause Allianz liest, könnte auf den Gedanken kommen, dass es sich nicht um einen Versicherer, sondern um eine Förderbank handelt. Mal investieren die Münchener in ein norwegisches Gas- und Transportnetz, dann erwerben sie Windparks in Deutschland und Frankreich. Und immer häufiger taucht der Name Allianz auch bei der Gewerbeimmobilien- und Eigenheimfinanzierung auf.

Grund für die ungewöhnlichen Investments der Allianz ist kein geänderter Geschäftszweck. Vielmehr sucht der deutsche Branchenprimus verzweifelt nach attraktiven Anlagealternativen zu den Staatsanleihen, in die er die Gelder seiner Lebensversicherungskunden packen kann. Denn solide Anleihen werfen immer weniger ab. Zu wenig, um die Ansprüche der Kunden dauerhaft zu befriedigen. Riskantere Zinspapiere der Peripherie, die sechs Prozent und mehr bringen, bieten auch keinen Ausweg. Hier haben sich viele Assekuranzen die Finger verbrannt. Die Griechenland-Umschuldung brachte auch für die Portfolien der Versicherungen hohe Abschreibungen.

Historischer Tiefstand

Zu Wochenbeginn markierten die hiesigen Renditen einen historischen Tiefstand. Die Umlaufrendite, also der Durchschnittszins aller am Markt gehandelten deutschen Staatsanleihen, rutschte am Montag auf 1,39 Prozent. Das ist nicht mal halb so viel, wie die durchschnittliche Verzinsung von 3,3 Prozent, die die Versicherer ihren Kunden versprochen haben. Die 1,39 Prozent liegen auch unter dem bereits reduzierten Garantiezins von 1,75 Prozent, der für seit Januar 2012 abgeschlossene Verträge gilt.

Der größte private Vorsorgebaustein der Bundesbürger steht vor der großen Herausforderung, sich an ein komplett neues Umfeld anpassen zu müssen. Die Renditen und damit die Haupteinnahmequelle der Versicherungen reichen nicht mehr aus, um die Versprechen gegenüber ihren Kunden nachhaltig zu bedienen. Nicht alle Anbieter können wie die Allianz innovative Investments ins Auge fassen und damit versuchen, das Produkt in der jetzigen Form zu retten. Andere Gesellschaften bringen neue Geschäftsmodelle ins Spiel. Es gibt Gedankenspiele, das starre System der jährlichen Gutschriften aufzubrechen, das die Versicherungen in ihrer Anlageflexibilität einschränkt und Garantien nur für längere Laufzeiten auszusprechen. "Das Modell Lebensversicherung ist nicht für die Niedrigzinsphase gebaut worden", hatte kürzlich Nikolaus von Bomhard von Munich Re gesagt, in dessen Reich unter anderem die Ergo gehört.

"Den Versicherungen droht Ungemach gleich aus mehreren Richtungen", sagt Bernhard Häfele vom Institut für Finanz- und Aktuarwissenschaften, einer Art Denkfabrik der Versicherungsbranche. Neben den niedrigen Zinsen würden strengere Aufsichtsregeln die Branche belasten. "Viele Lebensversicherer zweifeln inzwischen an der Zukunft des Produktes Lebensversicherung."

Auch viele Sparer beschleichen inzwischen Zweifel an ihrem Altersvorsorgeprodukt. Denn die Policen werfen immer weniger ab, wie eine aktuelle Studie des Brancheninformationsdienstes map-Report belegt. Danach sind die Renditen auf den tiefsten Stand seit Beginn der map-Statistik vor 25 Jahren gefallen. Besonders dramatisch fällt der Zinsrutsch bei Verträgen mit relativ kurzer Laufzeit von zwölf Jahren aus. Hier hat sich die Rendite binnen einer Dekade nahezu halbiert. Konnten sich Lebensversicherte, deren Police zur Jahrtausendwende ausliefen, noch über eine durchschnittliche Rendite von 6,1 Prozent freuen, sieht es heute weit weniger rosig aus. Bei zwölfjährigen Policen, die heute zur Auszahlung anstehen, haben die Versicherer ihren Kunden im Durchschnitt gerade mal 3,12 Prozent auf ihre eingezahlten Beiträge gutgeschrieben. Da ist vor allem eine Folge des Renditeverfalls am Rentenmarkt. Schließlich legen die Gesellschaften zwischen 90 und 95 Prozent der Kundengelder in Festverzinsliche an. Die Umlaufrendite beispielsweise hat sich seit der Jahrtausendwende mehr als gedrittelt.

Weit weniger dramatisch fällt der Verfall bei länger laufenden Verträgen aus. Wegen der hohen Leistungen der Vergangenheit, sank die Verzinsung 30-jähriger Policen von 6,2 Prozent bei Ablauf im Jahr 2001 auf aktuelle fünf Prozent. Das hat Folgen für die Ablaufsummen. Wer bei Abschluss seines Vertrages mit hohen Renditen kalkuliert hat, muss nun mit ansehen, wie die zu erwartenden Summen immer weiter schrumpfen.

Zwischen den Anbietern offenbaren sich große Unterschiede. Wer 30 Jahre lang jährlich 1200 Euro in seine Lebensversicherung eingezahlte, hat beim führenden Anbieter Debeka nun eine Ablaufleistung von 100.572 Euro, was deutlich über dem Marktdurchschnitt von 83.935 Euro liegt.

Versicherungsexperte Häfele erwartet in den kommenden Jahren einen Konzentrationsprozess in der Branche. Manche Anbieter, die heute noch im Markt "mitschwimmen" sollten sich beispielsweise auf ihre Stärke, die Risikoabsicherung besinnen oder innovative Nischen besetzen. Hierin sieht er eine mögliche Zukunft für die Lebensversicherung und preist die relativen Vorzüge des Produktes. "Sparer müssen sich fragen, ob und wenn ja zu welchem Risiko derzeit überhaupt höher verzinste Alternativen existieren."