Entwickler-Szene

Wer App sagt, muss auch Berlin sagen

Handy-Anwendungen sind ein Milliardengeschäft. In der Hauptstadt trifft sich die Entwickler-Elite

- Es wirkt wie einst die Nachricht vom Goldfund am Klondike River: Eine noch junge Firma mit 15 Mitarbeitern - einschließlich Chef - wechselt für eine Milliarde Dollar den Eigentümer. Die irrwitzige Kaufsumme, die Facebook-Gründer Mark Zuckerberg den Instagram-Machern überweist, suggeriert, dass jeder, der auch nur ein wenig Programmiersprache beherrscht, mit wenig Aufwand Millionen verdienen kann.

Tatsächlich sind die Eintrittsbarrieren in den Markt für solche Applikationen extrem niedrig. Wer mitverdienen will, benötigt theoretisch nur einen Computer und Grundwissen in Programmdesign. Wer am Ende wie erfolgreich ist, steht in den Sternen, klar ist aber, dass Berlin in der globalen App-Welt eine entscheidende Rolle spielen wird: "Berlin ist dabei, sich zu einem international bedeutsamen Hub zu entwickeln", sagt Christoph Nagel, Mitgründer von Earlybird, einem unter anderem auf Internet-Start-ups spezialisierten Venture-Capital-Unternehmen.

Wer Apples Liste der erfolgreichsten Apps seit 2008 heraussucht, der findet auf den ersten 20 Plätzen der deutschen Verkaufscharts eine Mischung aus Spielehits wie "Angrybirds", dem SMS-Ersatz Whatsapp und Scherzprogrammen wie iBier. Das erste Programm deutscher Herkunft findet sich immerhin schon auf Platz sechs - und kommt in der Mischung der Erfolgs-Apps geradezu bodenständig daher: Die Navigations-App GPS Naviga-tion 2 des Berliner Start-ups Skobbler. Diese hält sich seit ihrem Erscheinen in den Top Ten, obwohl es im App Store inzwischen Dutzende anderer Navigations-Apps verschiedener Hersteller gibt. Das Erfolgsrezept? "In der App-Wirtschaft gelten eigene Regeln, und nur, wer sich vorab genau Gedanken macht, hat eine Chance", sagt Marcus Thielking, einer der Skobbler-Gründer. "Mit dem wachsenden Erfolg der App Stores steigt auch der Grad der Professionalität - wer jetzt mit einer Idee im Kopf einfach mal im eigenen Keller losprogrammiert, der wird vermutlich feststellen, dass es die Idee schon viermal gibt und er in der Masse untergeht."

Beste Ideen liefert der Alltag

Skobbler kam rechtzeitig und fand eine Lücke zwischen den Platzhirschen: "Wir haben vorab den Markt genau analysiert und die Schwächen der Marktführer - hoher Preis, großer Speicherbedarf - ausgenutzt, um dieselbe Navigationsfunktion günstiger und platzsparender anzubieten." Newcomer warnt Thielking: "Inzwischen sind die Nutzer angesichts der Masse der Apps extrem markenbewusst geworden - es ist schwierig, gegen die großen Marktführer in den jeweiligen Kategorien neue Apps zu positionieren."

Die besten Ideen für neue Apps kommen oft direkt aus dem Alltag - es gilt, neue, mobile Lösungen für alte Probleme zu finden. Ein perfektes Beispiel für diesen Ansatz ist die erstaunliche Erfolgsgeschichte von myTaxi. Die beiden Hamburger Sven Külper und Niclaus Mewes hatten schon bei manchem Bier über Mobilitätskonzepte der Zukunft diskutiert und darüber, wie sie mit einem gemeinsamen Start-up daran teilhaben könnten. In München steckten die beiden Cousins dann plötzlich in einem sehr konkreten Verkehrsdilemma: Kein Taxi weit und breit; keinen Schimmer, wo sie sich befanden; und keine Ahnung, welche Nummer in München die Taxi-Zentrale haben könnte. Eine einfache App, sagten sich die beiden Norddeutschen am Straßenrand, könnte all diese Fragen lösen. Drei Jahre später läuft myTaxi auf Handys in Deutschland, Österreich, der Schweiz und neuerdings auch Spanien. In 30 Großstädten müssen Nutzer nur noch auf ihr Smartphone drücken, und schon wird per GPS-Ortung ihre Position bestimmt und der nächste Wagen herbeigelotst.

Gut 30.000 Programme fanden die iPhone-Nutzer vor drei Jahren im Store, Anfang 2010 waren es knapp 200.000, inzwischen sind es fast 600.000. Konkurrent Google kann immerhin nahezu 400.000 Apps verbuchen. Drei Milliarden Dollar Einnahmen aus dem App Store hatte Apple bis zum Sommer 2011 nach eigenen Angaben an die Entwickler ausbezahlt, inzwischen dürfte noch einmal knapp eine Milliarde Dollar hinzugekommen sein.

In der unübersichtlichen Welt der App Stores bekannt zu werden ist das größte Problem der Neulinge. "Viele gehen das zu blauäugig an: Wenn ich keine Reklame mache, wird das Erstlingswerk vermutlich null Mal verkauft", sagt der Mathematikprofessor und Bestsellerautor Gunter Dueck. "Das Schreiben der App ist relativ unwichtig im Vergleich zu dem Aufwand, den man treiben muss, um die richtigen Leute auf die Neuheit hinzuweisen." Zu denen zählen vor allem gut vernetzte und erfahrene Risikokapitalgeber. Sie ermöglichen nicht nur eine relativ sorgenfreie Startphase, sondern haben auch Verbindungen in die Start-up-Szene und wissen, bei welchen Online-Medien und Szenetreffen eine App vermarktet werden muss.

Regelmäßig Konferenzen in Berlin

Einer dieser Starthelfer ist das noch relativ junge Venture-Capital-Netzwerk HackFwd aus Hamburg, das in Kreisen von Software-Entwicklern einen guten Ruf genießt. Dahinter steckt der ehemalige Start-up-Unternehmer Lars Hinrichs, der mit dem Verkauf seines Karrierenetzwerks Xing an den Burda-Verlag 48 Millionen Euro erlöst hatte. Unter Hinrichs Fittichen brütet ein Sammelsurium von "Hackboxen", wie die Start-ups hier heißen, Ideen aus. Twitter-Applikationen, To-do-Manager, Netzwerk-Spiele. Die "Geeks", wie man heute jene nennt, die früher Nerds, davor Freaks und ganz früher Fachidioten hießen, konzentrieren sich auf das, was sie können: Ideen entwickeln und programmieren.

Alle drei Monate treffen sich die Entwickler zu den sogenannten Build-Konferenzen in Berlin, zu denen mittlerweile achtzig bis hundert Geeks kommen, um sich in einer Sprache zu unterhalten, die 98 Prozent der Bevölkerung nicht verstehen. Gut möglich, dass irgendeiner von ihnen die nächste Facebook-Milliarde abräumt. Manche sehen an der Spree bereits ein europäisches Silicon Valley entstehen, so wie Earlybird-Gründer Christoph Nagel. Sein Unternehmen hat bereits 70 Unternehmen finanziert und ist derzeit allein in der Hauptstadt an acht Start-ups beteiligt. Während London immer noch eine wichtige Adresse zum Geldverdienen sei, ziehe es Entwickler, die auf eine kreative und befruchtende Szene Wert legen, zunehmend an die Spree. Die Hälfte der Teams, mit denen Earlybird dort zusammenarbeite, komme nicht aus Deutschland, berichtet Nagel. Die Szene sei längst international, und der Zielmarkt sei es auch. "Früher mussten Sie in Silicon Valley vertreten sein", sagt Nagel. "Doch App Store und Facebook machen es heute wesentlich leichter, auch von Berlin aus auf internationaler Ebene mitzuspielen."