Lebensmittelpreise

Kampf um das ovale Gold

Ostern ist sicher. Doch die Eierknappheit hält an. Viele Lebensmittel könnten bald teurer werden

- In Tschechien und Polen haben sie es einfach verschlafen. Seit Jahren war klar, dass ein Verbot von Käfigeiern kommt. Nun ist es da, doch kaum jemand hatte sich vorbereitet. Hühnerfarmen müssen hektisch umgebaut werden, um künftig Eier aus Bodenhaltung anbieten zu können. Auf dem Markt fehlen Millionen von Eiern. Doch trotz der beunruhigenden Nachrichten aus dem Osten herrscht Ruhe in Deutschlands Supermärkten, auch jetzt, direkt vor Ostern, wo die Nachfrage nach Eiern traditionell nach oben schnellt. Die Kartons stehen wie gewohnt in den Regalen. Bodenhaltung, Freiland, Bio, natürlich auch gefärbt - es ist genug für alle da.

Alles gut also? Mitnichten, denn der Engpass bedroht Betriebe, die auf Eier angewiesen sind. Und das sind viele. Die Hälfte aller Eier in Deutschland wird nicht als Ei verkauft, sondern wandert in Lebensmittel wie Kuchen, Kekse oder Mayonnaise. Im Supermarkt bleiben die Eierpreise unter anderem deshalb stabil, weil die Ketten mit ihrer Marktmacht sehr langfristige Lieferverträge schließen können. Die Lebensmittel-Produzenten bekommen solche Kontrakte nur selten. Sie sind oft machtlos gegen schwankenden Preise am Markt. So auch jetzt. Klasse M-Eier aus Bodenhaltung, die im Januar noch 8,1 Cent das Stück gekostet haben, kosten inzwischen 12,9 Cent. Mitte März lagen die Großhandelspreise sogar bei 14,5 Cent.

Kuchen und Kekse sind gefährdet

Während Mayonnaise-Hersteller Thomy dank langfristiger Lieferverträge "Entwarnung an alle Mayonnaise-Fans" geben kann, gab es in der Süßwarenindustrie bereits erste Ausfälle. Trotz fester Kontrakte seien Hersteller in der EU nicht mehr beliefert worden, sagt Rohstoffexperte Karsten Daum vom Bundesverband der deutschen Süßwarenindustrie. Die Branche treffen die hohen Eierpreise doppelt hart, weil auch die Weizen-, Kakao- und Zuckerpreise gestiegen sind. Mit Sorge beobachtet man die Entwicklung auch beim Hannoveraner Keks- und Kuchenhersteller Bahlsen, ein Lieferabbruch könne schließlich bis zum Stillstand der Produktion führen. Noch gäbe es bei Bahlsen zwar keinen akuten Engpass und man arbeite intensiv daran, dass dies auch so bleibt.

Bodenhaltung ist die gebräuchlichste Form der Haltung hierzulande. 2011 stammten hieraus 64,2 Prozent der Eier. Nur 14 Prozent der Legehennen lebten in Kleingruppenhaltung, auch diese Form soll jedoch bald auslaufen. Der Anteil an Bio-Eiern ist mit 7,4 Prozent in den letzten Jahren zwar gestiegen, aber immer noch gering. Auch auf Freilandhaltung wird nur bei 14,4 Prozent der Legehennen gesetzt. Die Umstellung und der Verzicht auf Käfighaltung haben damals zwischenzeitlich die Zahl der Hühner sinken lassen. Im Jahr 2009 fiel die Zahl der Legehennen während des Umbaus der Hühnerfarmen auf einen Tiefstand von 26,8 Millionen Tieren. Danach haben sich die Zahlen allerdings wieder erholt. Seit Ende 2011 gibt es wieder 34 Millionen Legehennen in deutschen Hühnerställen.

Doch selbst diese Anzahl Tiere reicht nicht aus, um den Eierhunger der Deutschen zu stillen. 17,338 Milliarden Eier wurden 2011 in Deutschland verbraucht. Im Schnitt hat im vergangenen Jahr jeder Bundesbürger 212 Stück gegessen. Kein Wunder also, dass die Eierknappheit in Osteuropa derzeit alle Lebensmittelhersteller umtreibt, die viele Eier in ihren Produkten verarbeiten. "Wir verbrauchen mehrere Millionen Eier monatlich", sagt Hans-Günter Trockels, Geschäftsführer der Kuchenmeister GmbH, die nach eigenen Angaben Marktführer im Bereich der Folienkuchen, Stollen und Baumkuchen ist. Daher müsse man sich damit auseinandersetzen, die Produktpreise aufgrund der hohen Rohstoffpreise zu verteuern.

Ähnlich ist die Lage auch beim Kekshersteller Borggreve, bei dem 80 Prozent der Produkte, vom Butterkringel bis zum Plätzchen, mit Eiern hergestellt werden. "Die Versorgung haben wir zwar gesichert, aber die hohen Preise sind eine Katastrophe", klagt Geschäftsführer Gerrit Vrielink. Da man die Verträge mit dem Handel einhalte, gehe der Preisanstieg zurzeit komplett zulasten des Unternehmens. Sollte die Situation so bleiben, müsse man bald drastisch die Preise erhöhen. Dazu sei man auch bei Birkel gezwungen, sagt Geschäftsführer Christian Strasoldo. 100.000 Tonnen Teigwaren werden pro Jahr bei dem Nudelhersteller produziert, zwei Drittel davon sind Eierteigwaren. Da man die Produktionsprozesse in den letzten Jahren immer weiter verschlankt habe, gebe es heute kaum noch Spielräume: "Die Einsparungspotenziale sind ausgeschöpft", sagt Christian Strasoldo.

Preisanpassung beim Eierlikör?

Auch in Bonn sorgt der Preisanstieg bei Eiern aus Bodenhaltung für Ärger. Hier stellt das Familienunternehmen Verpoorten seit vielen Jahren den bekannten Eierlikör her. Obwohl man Eier der Güteklasse A von langjährigen Vertragslieferanten beziehe, sei die Knappheit messbar. "Wir müssen derzeit für einen unserer wichtigsten Rohstoffe nahezu den dreifachen Einkaufspreis entrichten", sagt William Verpoorten, der den Eierlikör-Hersteller inzwischen in der fünften Generation leitet. Da man die Zutat nicht einfach aus dem Familienrezept von 1876 tilgen könne, hofft man, dass sich die Lage bis zum Herbst entspannt. Andernfalls komme man "um eine moderate Preisanpassung nicht herum", heißt es bei Verpoorten.

Von einer baldigen Besserung geht auch Armin Juncker, Hauptgeschäftsführer des Verbands deutscher Großbäckereien aus: "Im Laufe des Jahres wird sich die Lage sicherlich entspannen." Die Käfige würden Schritt für Schritt entfernt, die meisten Ställe auf Bodenhaltung umgerüstet. So lange heißt es abwarten, ändern kann man an der Situation aktuell nichts. "Im Hühnerstall kann man die Produktion nicht einfach verändern wie in der Autoindustrie", sagt einer aus der Branche: "Wir können weder Kurzarbeit noch eine vierte Schicht einführen."