Tarifeinigung

Bis an die Schmerzgrenze

Nach der Tarifeinigung im Öffentlichen Dienst überwiegt Erleichterung

- Bis zum Schluss hing alles am seidenen Faden, und um ein Haar wäre die Gewerkschaft Ver.di doch noch aus dem so mühsam erzielten Kompromiss ausgestiegen. Doch Ende gut, alles gut: Die zwei Millionen Beschäftigten bekommen 6,3 Prozent mehr Geld, verteilt in drei Stufen auf zwei Jahre. Mit Zins und Zinseszins sind es am Ende 6,41 Prozent. Ver.di und die dbb-Tarifunion des Beamtenbundes hatten 6,5 Prozent gefordert - allerdings innerhalb eines Jahres.

Seit Mittwoch hatten Gewerkschaften und Arbeitgeber sich in dieser dritten Verhandlungsrunde gegenüber gesessen. Sitzung um Sitzung, Tag und Nacht. Da das Hotel nur bis Freitagmittag gebucht war, musste ein Teil der 250 Verhandlungsdelegierten in neue Quartiere ausweichen. Die Tarifparteien rangen um eine Lösung, und im Hotel nebenan dröhnte die Musik. Ein Sparkassenverband feierte Jubiläum. Und die Zeit drängte: Eine Schlichtung wollten offenbar beide Seiten vermeiden.

Das Ergebnis ist ein Kompromiss, der weder Gewinner noch Verlierer kennt und mit dem beide Seiten leben können. Wenn auch zähneknirschend. Die Arbeitgeber seien "an die Grenze dessen gegangen, was verkraftbar war", sagte Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU), Verhandlungsführer des Bundes. Ähnlich äußerte sich Thomas Böhle, Präsident der Kommunalen Arbeitgeber: "Bis an ihre Schmerzgrenze" reiche für die Gemeinden das Ergebnis. Aber mit dem Kompromiss seien weitere Streiks vermieden worden. Die Kommunen beziffern ihre Mehrausgaben durch den Tarifvertrag mit rund 4,3 Milliarden Euro (ab 2013). Beim Bund schlägt der Abschluss mit 550 Millionen Euro zu Buche. Doch auch die Gewerkschaften mussten eine dicke Kröte schlucken. Eigentlich hatten sie für die unteren Lohngruppen mindestens 200 Euro mehr gefordert. Doch damit konnte sich Ver.di-Chef Frank Bsirske nicht durchsetzen. Fast wäre der Kompromiss bei den Gewerkschaftern deshalb noch durchgefallen - nur mit denkbar knapper Mehrheit ließen sie ihn am Morgen passieren.

Am Ende überwog die Erleichterung. Es sei gelungen, einen deutlichen und spürbaren Reallohnabschluss zu erhalten und den Abstand des öffentlichen Dienstes zur Privatwirtschaft zu verringern, zog Bsirske Bilanz. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) sagte, das Ergebnis geht zwar "an die Grenzen der Belastbarkeit für die Haushalte des Bundes und der Kommunen, aber es ist insgesamt ein vertretbares Ergebnis." Es sei gut, dass dem Land ein wochenlanger Arbeitskampf erspart worden sei. Einzig die Bundesbank warnte davor, den Tarifabschluss im Öffentlichen Dienst zum Vorbild für andere Branchen zu machen.