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Twitter baut Deutschland-Nest in Berlin

Der Online-Kurznachrichtendienst Twitter wird seine Deutschland-Zentrale aller Voraussicht nach in Berlin ansiedeln. Bisher waren für die deutsche Twitter-Niederlassung neben Berlin auch Hamburg und München im Gespräch. Nach Informationen des "Focus" hat aber die Hauptstadt das Rennen gemacht. Eine endgültige Entscheidung gebe es nicht, aber die Chancen für Berlin stünden außerordentlich gut, erfuhr die "Berliner Morgenpost".

Bislang galt Hamburg als Favorit für den neuen Twitter-Standort, das Unternehmen stand in engem Kontakt zur Hamburgischen Gesellschaft für Wirtschaftsförderung (HWF).

Google und Facebook hatten sich zuvor die Hansestadt als Standort ausgesucht, im Großraum München haben unter anderem Apple, Microsoft und Amazon ihren Deutschland-Sitz. Bislang betreut Twitter seine Nutzer in Deutschland von London aus. Berlin hatte sich in den vergangenen Jahren als besonders attraktiven Standort für junge Internet-Unternehmen entwickelt, mit vielen Start-Ups und auch international gefragten Entwicklern. Und in kaum einer anderen deutschen Stadt sind die Einwohner so internetbegeistert: Fast vier von fünf Berliner sind online, nur in Bremen nutzen prozentual noch mehr Einwohner das Net. Zwar ist es normal, dass in Ballungsräumen besonders hohe Nutzungszahlen zustande kommen, da die Verfügbarkeit am besten ist. Doch mit einem Zuwachs 2011 von 4,1 Prozentpunkten im Vergleich zum Vorjahr hat Berlin bemerkenswert deutlich zugelegt. Zum Vergleich: Hamburg kam als zweitgrößte deutsche Stadt nur auf ein Plus von 1,5 Prozentpunkten.

Dass das deutsche Büro für die Werbe- und Anzeigensparte von Twitter nun wohl in Berlin eingerichtet wird, bringt der Hauptstadt zwar kaum neue Arbeitsplätze, wäre aber erneut ein Imagegewinn und eine weitere Aufwertung der Stadt als Social-Media-Standort. Für Berlin als Twitter-Standort spricht vermutlich auch, dass der neue Deutschland-Chef, den das Unternehmen erstmals einsetzen will, dort lebt und arbeitet. Wie eine Twitter-Sprecherin am Sonntag gegenüber der "Morgenpost" bestätigte, soll der Online-Kurznachrichtendienst hierzulande künftig von dem Engländer Rowan Barnett geleitet werden. Barnett ist bislang im Verlag Axel Springer tätig, in dem auch die Morgenpost erscheint. Zuletzt war er dort der Leiter Community & Social Media beim Onlineportal "Bild.de".

Der Absolvent des Oriel College in Oxford hatte zunächst ein Trainee-Programm bei Springer absolviert und unter anderem für "Bild", "Bild.de" oder "Maxim" geschrieben. 2008 startete Barnett "Bild.com" auf Englisch. Seit März 2009 bekleidete er seine derzeitige Position.

Twitter-Gründer Jack Dorsey hatte auf der Burda-Digitalkonferenz DLD im Januar dieses Jahres angekündigt, eine eigene Niederlassung in Deutschland zu gründen, um dort das Geschäft anzukurbeln. Zuletzt war er überraschend für einen Besuch bei Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in Berlin. Dabei hatte er versucht, die Regierungschefin davon zu überzeugen, seinen Dienst zu nutzen - vergeblich. Die Kanzlerin verschickt bislang lieber E-Mails. Bei Twitter kann man bis zu 140 Zeichen lange Nachrichten absetzen, auch mit Links zu Webseiten, Fotos oder anderen Inhalten.

Auch wenn die Kanzlerin sich ziert: Die Twitter-Gemeinde wächst kontinuierlich. Nach jüngsten Angaben hat der Online-Dienst 140 Millionen aktive Nutzer, die pro Tag 340 Millionen Nachrichten versenden. Zahlen für Deutschland nannte das Unternehmen bisher nicht. "Focus" beruft sich auf das Marktforschungsunternehmen Comscore, wonach im Februar knapp vier Millionen Nutzer die Twitter-Seite besucht haben.

Nach langer Stagnation ist diese Zahl erst gegen Ende des vergangenen Jahres wieder leicht gestiegen. Die meisten Besucher sind allerdings passive Leser. Die Zahl der aktiven Twitterer, also jener, die Mitteilungen schreiben, dürfte weit geringer sein. Nach Berechnungen des Blogs Web Evangelisten aus dem vergangenen Jahr haben 550.000 Twitter-Accounts in deutscher Sprache getwittert.