Personalien

Ausbilden, gut bezahlen und Facebook durchsuchen

Deutschlands Mittelständler sehen den Fachkräftemangel am Arbeitsmarkt zunehmend als Wachstumsbremse. "Wir würden etwa acht Prozent stärker wachsen, wenn wir alle offenen Stellen besetzen könnten", sagt Dirk Martin, Chef des IT-Dienstleisters PMCS, doch man finde kaum noch qualifiziertes IT-Personal.

Eine einfache Stellenausschreibung reicht offenbar längst nicht mehr aus, inzwischen müssen sich Unternehmen deutlich mehr ins Zeug legen, um geeignete Mitarbeiter zu finden. 10.000 Euro gibt PMCS daher für die Werbung von Mitarbeitern aus - pro Monat.

Martin ist mit seinen Problemen nicht allein. Über fast alle Branchen hinweg klagen Unternehmer, dass ihnen geeignete Fachkräfte fehlen; weniger die großen Konzerne, dafür umso stärker die Mittelständler. Egal ob IT-Personal, Uhrmacher oder Schweißer - gute Mitarbeiter sind schwer zu finden. Beispiel Alba: Der Berliner Recycling-Konzern spürt nach eigenen Angaben "erste Auswirkungen des Fachkräftemangels, zum Beispiel bei Kraftfahrern und Spezialisten im Technikbereich". Alba steuert gegen, indem auf allen Ebenen ausgebildet wird. So habe man die Anzahl der Auszubilden in den letzten Jahren stetig gesteigert, bilde vermehrt BA-Studenten aus, habe ein hoch qualifiziertes Traineeprogramm und investieren in die Aus- und Weiterbildung der Mitarbeiter, sagt Alba-Mitinhaber Axel Schweitzer.

Beispiel Peri: Der Schalungen- und Gerüsthersteller aus der Nähe von Neu-Ulm musste im vergangenen Jahr auf 15 Schweißer aus Ungarn zurückgreifen, weil auf dem deutschen Markt die Spezialisten fehlten. Dabei investiert das Unternehmen auch in den eigenen Nachwuchs. "Wir bilden aus, was das Zeug hält", sagt Geschäftsführer Alexander Schwörer.

Kooperationen mit Unis und Schulen

Doch selbst das hilft nicht immer, wie Marie-Christine Ostermann, geschäftsführende Gesellschafterin des Lebensmittel-Großhändlers Rullko aus Hamm, feststellen musste. Obwohl das Unternehmen seine fünf Azubis übernehmen wollte, entschieden sich drei von ihnen dazu, zunächst noch ein Studium an die Ausbildung anzuschließen. Drei Stellen sind dadurch aktuell unbesetzt. "Die Bewerbungen, die wir auf den Tisch bekommen, sind nicht besonders gut", bemängelt Ostermann, die daher sogar überlegt, im nächsten Jahr über Bedarf auszubilden.

Beim fränkischen Naturarzneimittelhersteller Bionorica sind zurzeit sogar 50 Stellen offen: Im Lager, in der Forschung und im Vertrieb fehlen Fachkräfte. Auch der Hersteller bekannter Medikamente wie Sinupret bildet daher verstärkt aus und kooperiert mit mehreren Universitäten, um Mitarbeitern auch nach der Ausbildung Perspektiven zu bieten.

Der badische Fensterhersteller Hilzinger geht einen Schritt weiter, indem er mit Schulen kooperiert und betreute Praktika anbietet. Das scheint zu funktionieren: Die Ausbildungsquote liege bei 15 Prozent, sagt Firmenchef Helmut Hilzinger: "Ohne diese Ausbildungsquote hätten wir das starke Wachstum der vergangenen Jahre gar nicht realisieren können." Die betriebliche Ausbildung ist für fast alle Unternehmen der Königsweg, um an geeignetes Personal zu kommen.

Der Callcenter-Betreiber BUW bedient sich derweil wissenschaftlicher Methoden, um herauszufinden, was Arbeitgeber attraktiv macht. "Zusammen mit der Fraunhofer-Gesellschaft forschen wir daran, wann Mitarbeiter stolz auf ihre Arbeit und ihr Unternehmen sind und wie sich dieser Stolz positiv auf die Motivation auswirkt", sagt Geschäftsführer Karsten Wulf, der wie viele andere fürchtet, dass das Wachstum seines Unternehmens unter einem verschärften Fachkräftemangel leiden könnte. Ein Ergebnis der Untersuchungen: Wer stolz auf sein Unternehmen ist, bleibt seltener krank zu Hause. Außerdem sinkt dabei die Fluktuation. "Es gilt also, die Arbeitgebermarke attraktiv zu machen", sagt Wulf. "Etwa indem wir Anzeigen schalten und uns öffentlich und namentlich bei den Mitarbeitern bedanken."

Im Zweifel helfen aber natürlich auch finanzielle Anreize. Bei PMCS sucht man daher nicht nur neues Personal und beschäftigt dafür fünf Personalberater, die pro neu besetzter Stelle 20 Prozent des jeweiligen Jahresgehalts kosten, sondern erhöht auch die Löhne etlicher Mitarbeiter, um sich gegen Abwerbeversuche zu verteidigen.

Noch größer sind die Probleme für die Zeitarbeitsbranche, die zusätzlich zum Personalmangel durch die Ungewissheit um "Equal Pay" belastet wird. "Wir haben seit Wochen und Monaten offene Stellen", sagt Tina Voß, Inhaberin der gleichnamigen GmbH. Im IT-Bereich, bei Ingenieuren und Facharbeitern, wie zum Beispiel Mechatronikern, Kfz-Elektrikern oder Feinmechanikern, sei kaum jemand zu finden. Das belastet auch die Unternehmensbilanz: "Uns fehlt Umsatz, wenn wir diese Stellen nicht besetzen können."

Daher hat sie inzwischen die Unternehmensstrukturen der Bedarfslage angepasst: "Die Abteilung, die zuvor Bewerber weitervermittelt hat, sucht jetzt viel stärker aktiv nach guten Kandidaten." Potenzielle Zeitarbeiter spricht sie verstärkt über die sozialen Netzwerke an. Mit Xing und Facebook hat die Unternehmerin bislang gute Erfahrungen gemacht. Gerade bei Facebook würde es sich oft lohnen, "weil wir dort eine andere Zielgruppe ansprechen". Auch Stefan Weniger von der hww CMS Unternehmensberatung setzt stärker auf das Internet, um geeignete Bewerber zu finden. "Vergangenes Jahr haben wir zum ersten Mal Mitarbeiter über Xing gewonnen", sagt Weniger. Auch über die Anwerbung über Facebook habe er schon nachgedacht, zögert bislang aber: "Ich habe den Eindruck, dass die Leute dort eher privat unterwegs sind."

Trotz der Probleme ist die grundsätzliche Beurteilung der wirtschaftlichen Lage zumeist positiv. So liegen die Umsätze der Juwelierkette Wempe bereits jetzt über dem Niveau des ersten Quartals im Vorjahr. Der Industrieanlagenhersteller Niles-Simmons rechnet sogar mit einem Umsatzrekord von über 300 Millionen Euro. "Von einem Konjunktureinbruch spüren wir nichts", sagt Firmenchef Hans J. Naumann.