Unternehmensverbände

Berliner Wirtschaft fürchtet Stillstand auf dem Tegel-Areal

So wie in Tempelhof soll es in Tegel nicht werden, das haben sich Senat und Wirtschaft in der Stadt geschworen. Deshalb wurde schon drei Jahre vor der Schließung ein Konzept beschlossen, um für die Zeit nach dem Flughafenbetrieb gewappnet zu sein.

Das Areal im Norden Berlins soll für die Ansiedlung von Industrie und Forschung genutzt werden. Doch bislang ist alles in der Schwebe und nur klar, dass der Flughafen am 2. Juni seinen Betrieb einstellt. Die weitere Nutzung ist nur schemenhaft erkennbar, und darüber sind die Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg (UVB) besorgt. "Tegel ist noch schwieriger als gedacht", sagte UVB-Hauptgeschäftsführer Christian Amsinck am Montag. Vor allem die Investorensuche gestalte sich kompliziert.

Riesiges Areal

Bislang fehle es an sogenannten Ankerinvestoren für das riesige Grundstück. Gemeint sind damit größere Unternehmen, die Geld für eine Produktions- oder Forschungseinheit in die Hand nehmen und damit den Standort für weitere Firmen attraktiv machen. Doch die sind bislang nicht in Sicht, wie auch Nicolas Zimmer (CDU), Staatssekretär im Wirtschaftsressort von Senatorin Sybille von Obernitz, einräumt. "Wir brauchen einen großen Ankerinvestor. Doch man darf für Tegel auch keine überzogene Erwartungshaltung haben, was die Zeit betrifft", sagte Zimmer. Es sei illusorisch anzunehmen, dass unmittelbar nach der Schließung sofort ein Industriepark aufgebaut würde. Der Politiker gab indirekt dem früheren Wirtschaftssenator Harald Wolf (Linke) die Schuld dafür, dass es in Tegel stockt. "In der Vergangenheit wurde das Projekt nicht mit letztem Nachdruck verfolgt", sagte Zimmer, ohne den Namen von Wolf zu erwähnen.

Die wirtschaftliche Belebung der riesigen Fläche ist eines der wichtigsten Projekte in der Stadt. Insgesamt 460 Hektar groß ist das Gelände, gut die Hälfte soll für Forschung, Industrie und Gewerbe genutzt werden. Die Beuth-Hochschule zeigte sich interessiert, in das Gebäude des heutigen Terminal zu ziehen. Doch für eine solche Verlagerung ist noch kein einziger Euro im Berliner Haushalt vorgesehen. Zimmer zufolge stehen im Doppelhaushalt für dieses und nächstes Jahr gerade einmal zwei Millionen Euro für Tegel bereit. Dieses Geld dürfte kaum reichen, um das heutige Hauptgebäude entsprechend umzubauen. Dies wiederum soll aber zügig nach der Schließung geschehen.

Am Mittwoch will Senatorin von Obernitz ein Konzept für die unmittelbare Nachnutzung mit dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit und Stadtentwicklungssenator Michael Müller (beide SPD) beraten. Dabei dürfte es um eine eher kleinteilige Gewerbenutzung der Flughafengebäude gehen, die schnell umsetzbar ist. Das alles hat aber noch nichts mit dem großen Wurf zu tun, der allenthalben in Berlin für Tegel erwartet wird. Das Dilemma hat einen wesentlichen Grund: Es fehlt an Geld. Das hoch verschuldete Land hat kaum genug, um etwas zu stemmen, und schafft somit keine Initialzündung. Und private Geldgeber scheuen das Investment, weil sie außer Absichtsbekundungen von der Landesregierung noch nicht so richtig sehen können, in welche Richtung die Entwicklung gehen wird.

UVB-Chef Amsinck sagte, die Diskussion über Tegel sei an einem "schwierigen Punkt". Gleichzeitig betonte Amsinck die Bedeutung von Tegel für die Entwicklung der Berliner Wirtschaft insgesamt. Die Entwicklungschancen für die Hauptstadt sind nach Einschätzung der Unternehmensverbände unverändert gut. Die UVB rechnen für Berlin in diesem Jahr mit einem Wachstum von einem Prozent. "Konjunkturdelle" nennen sie das, denn im vergangenen Jahr hat die Berliner Wirtschaft nach Schätzung der UVB um 2,4 Prozent zugelegt. Die offiziellen Zahlen wurden noch nicht veröffentlicht.

Zudem dürfte die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Stellen in diesem Jahr weiter steigen. Für Berlin erwarten die UVB 23.000 neue Arbeitsplätze, für Brandenburg 10.000. Damit würde sich der Trend der vergangenen Jahre fortsetzen. 2011 beispielsweise wuchs die Zahl der Arbeitsplätze in der Stadt sogar um fast 42.000. Trotzdem hat Berlin neben Mecklenburg-Vorpommern noch immer die höchste Arbeitslosenquote aller Bundesländer. Im Februar lag sie bei 13,2 Prozent. Die UVB halten es für realistisch, dass die Quote bis 2016 auf unter zehn Prozent sinken kann.

Dafür sei aber ein Umsteuern in der Arbeitsmarktpolitik notwendig, wie Klaus-Dieter Teufel, stellvertretender UVB-Hauptgeschäftsführer deutlich machte. "In Berlin gibt es noch zu wenig Erfolge bei der Vermittlung von Arbeitslosen in den ersten Arbeitsmarkt", sagte Teufel, der sich bei den UVB um Arbeit und Bildung kümmert. Der Wirtschaftsverband fordert dafür, alle Anstrengungen auf die Bedürfnisse der Betriebe auszurichten. Als beispielhaft nannte Teufel das Projekt "Berliner Joboffensive". Dabei kümmern sich Berater in den Jobcentern gezielt um Hartz-IV-Empfänger mit Berufsausbildung, um diese schneller in reguläre Beschäftigung zu vermitteln. Das gelang schon bei 28.000 Berlinern.

Besondere Aufmerksamkeit verdienten dabei Jugendliche und junge Erwachsene ohne Job. 70 Prozent dieser Gruppe, insgesamt fast 16.000, hätten keine Berufsausbildung, so Teufel. Sie sollten seiner Ansicht nach mit betrieblichen Umschulungen für den ersten Arbeitsmarkt fit gemacht werden. "Sie sind beispielsweise für Betriebe geeignet, die keine Azubis für ihre offenen Lehrstellen gefunden haben."