Insolvenz

Das Leben nach der Schlecker-Pleite

Für Manuela Fechtner gehört Schlecker zu ihrem Leben. Ganze 20 Jahre arbeitet sie nun schon bei der Drogeriemarktkette im Osten der Hauptstadt, 17 Jahre davon als Filialleiterin. Bald könnte ein neuer Lebensabschnitt für sie beginnen. Womöglich zählt die 56-Jährige zu den fast 12.000 Mitarbeitern, die wegen der Pleite des Unternehmens gehen müssen. Um Schlecker zu retten, streicht der Insolvenzverwalter fast jeden zweiten Arbeitsplatz.

Fechtner ist gelernte Wirtschaftskauffrau und eine erfahrene Filialleiterin. Jahrelang hat sie die Verantwortung für drei Mitarbeiter getragen, die Buchhaltung erledigt, Bestellungen aufgegeben und Waren angenommen. Seit 2010 ist die Betriebsrätin freigestellt, doch zwei bis drei Tage pro Woche geht sie in den Laden, um "nicht aus der Routine rauszukommen". Fechtner ist motiviert. "Mir hat der Job immer gut gefallen", sagt sie. Sollte ihre Filiale geschlossen werden, will sie alles daransetzen, einen neuen Job zu finden.

Frauen wie Fechtner haben tatsächlich Perspektiven, schnell wieder einen Arbeitsplatz zu finden - und zwar nicht nur wegen ihrer Motivation und ihrer Qualifikation. Die Nachfrage nach guten Mitarbeitern im Einzelhandel sei derzeit hoch, sodass die Chancen gut seien, sagte der Chef der Bundesagentur für Arbeit (BA), Frank-Jürgen Weise, vergangene Woche. Auch Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) ist optimistisch: "Die Zeit ist günstig. Zurzeit brummt der Arbeitsmarkt, alleine für Einzelhandelskaufleute gibt es derzeit 20.000 offene Stellen." Da könnten sich die Mitarbeiterinnen berechtigte Hoffnungen machen, bald eine neue Beschäftigung zu finden, heißt es in ihrem Ministerium.

Handel als Jobmotor

Auch Schlecker-Konkurrenten machen den Mitarbeitern Mut: Das Ende Tausender Filialen bedeute für die früheren Beschäftigten nicht automatisch die Dauerarbeitslosigkeit. Wer motiviert ist, den Umgang mit Kunden liebt und sich in neue Sortimente und Systeme einzuarbeiten bereit ist, hat eine Chance, ist in der Branche zu hören. Mehrere große Handelskonzerne stehen einer Beschäftigung von Schlecker-Mitarbeitern zumindest offen gegenüber. Seit Jahren baut der Einzelhandel neue Arbeitsplätze auf. Zwischen Juni 2010 und Juni 2011 haben die Unternehmen laut Handelsverband Deutschland (HDE) rund 62.000 Jobs geschaffen, davon 60.000 sozialversicherungspflichtige Stellen. Allein bei der Drogeriekette DM kamen im vergangenen Jahr rund 2000 Arbeitsplätze hinzu, bei Rossmann etwa 1000 - und die Schlecker-Wettbewerber wollen weiter wachsen. Auch Supermarktketten wie Edeka und Rewe schufen neue Jobs, allein bei Rewe waren es 28.000 innerhalb der vergangenen vier Jahre. Und Discounter wie Kik, Ernsting's Family oder TeDi eröffnen munter neue Läden, die Personal brauchen.

Experten rechnen damit, dass sich dieser Trend fortsetzt. Genau das könnte die Rettung für die Opfer der Schlecker-Pleite bedeuten, auch wenn die Anforderungen der Jobs durchaus unterschiedlich sind. "Die Branche ist immer auf der Suche nach qualifiziertem Personal. Da sehe ich auch Chancen für gute Schlecker-Mitarbeiter abseits der reinen Drogeriemarktsparte, etwa bei Supermärkten und bei Lebensmitteldiscountern", sagt Mark Sievers, Partner und Sektor-Koordinator für den Handel bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG. "Wer bei Schlecker etwa eine Filiale geführt hat, verfügt in der Regel über viele Kenntnisse und Erfahrung etwa bei der Warenannahme, in der Organisation und im Personalhandling, die auch bei anderen Arbeitgebern gefragt sind", glaubt Sievers.

Nach einer Umfrage der Berliner Morgenpost in der Branche ist das Image der Schlecker-Mitarbeiter bei den Chefs der Konkurrenten deutlich besser als das Ansehen des Unternehmens. "Wer sich über Jahre bei Schlecker durchgebissen hat, der ist auch in vielen anderen Unternehmen einsetzbar", sagt ein Manager, der - wie viele andere auch - nicht genannt werden will. Ein anderer bemüht bei der Beurteilung der Schlecker-Mitarbeiter sogar Frank Sinatra: "If I can make it there, I'll make it anywhere". Mit anderen Worten: Schlecker-Mitarbeiter kann nichts mehr schocken. Sie mussten sich vor einem undurchsichtigen und autoritären Management behaupten. Die Firma machte immer wieder Schlagzeilen: Mal wurden die Verkäuferinnen bespitzelt, mal jahrelang unter Tarif bezahlt oder entlassen und als Leiharbeiter zum Billiglohn neu eingestellt. Das Image der Drogeriekette war zuletzt katastrophal, obwohl die Kinder des Firmengründers, Lars und Meike Schlecker, das Ruder übernommen und einen sanfteren Kurs eingeschlagen hatten.

Aus einem Handelsunternehmen, das schon seit Jahren frühere Schlecker-Mitarbeiter beschäftigt, ist vor allem Lob für das mittlere Management zu hören - also für jene, die mehrere Filialen zu betreuen haben: "Die sind gut ausgebildet und hoch motiviert." Bei ihnen wie bei den Verkaufsmitarbeitern in den Läden sei allerdings eine umfangreiche Schulung erforderlich, um sie vom eher schlicht gestrickten Schlecker auf die komplexen Systeme ihrer neuen Arbeitgeber zu qualifizieren. Auch im Arbeitsablauf müssten sich die neuen Beschäftigten gründlich umstellen. "Vor allem die hohe Kundenfrequenz und die hohe Arbeitseffizienz waren für viele gewöhnungsbedürftig. Es macht schon einen Unterschied, ob Sie am Tag 1000 oder nur 100 Kunden bedienen müssen."

Um den Verkäuferinnen den Übergang in einen neuen Job reibungslos zu gestalten, fordern der Betriebsrat und die Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di die Gründung einer Transfergesellschaft für die Mitarbeiter. Dann bekämen sie, noch bevor das Arbeitslosengeld greift, zwölf Monate lang das sogenannte Transferkurzarbeitergeld von der BA in Höhe von bis zu 67 Prozent ihres letzten Gehalts. Sie könnten in Ruhe eine neue Stelle suchen und womöglich umgeschult werden.

Schlecker-Frau Manuela Fechtner ist bereit für eine neue Herausforderung. "Ich bin offen für alles."