Krankenversicherungen

Privat oder gesetzlich?

Viele Deutsche stehen derzeit vor einer wichtigen Entscheidung. Dank positiver Tarifabschlüsse und Gehaltserhöhungen rutschen gesetzlich Versicherte oft über die Grenze von 4237,50 Euro brutto - und könnten damit in die private Krankenversicherung wechseln. Doch der Schritt sollte gründlich überlegt werden.

"Oft ist es dann nicht mehr möglich, in die Gesetzliche zurück zu wechseln", warnt der unabhängige Versicherungsberater Rüdiger Falken. Gesetzlich oder privat - eine Entscheidung fürs Leben.

Gesundheitsprüfung: Grundsätzlich können sich die Privaten ihre Kunden aussuchen (außer im Basistarif). Vor dem Vertrag ist eine Gesundheitsprüfung obligatorisch (auch im Basistarif). Wer mit Vorerkrankungen einsteigt, muss Zuschläge zahlen (nicht im Basistarif). Kinder und nicht erwerbstätige Ehepartner benötigen eigene Policen. Die Gesetzlichen dagegen müssen jeden nehmen, egal wie krank er ist. Der Nachwuchs und nicht berufstätige Ehepartner werden beitragsfrei mitversichert. Die Kosten dafür tragen die anderen Versicherten mit.

Beiträge: Bei den Gesetzlichen zahlt ein Angestellter 8,2 Prozent seines Einkommens, den Rest übernimmt der Arbeitgeber. Wer mehr als 3825 Euro brutto verdient, zahlt als Angestellter den Höchstbeitrag von gut 310 Euro pro Monat, als Selbstständiger von rund 600 Euro im Monat. Bei den Privaten ist der Preis dagegen unabhängig vom Einkommen. "Für jede Person wird ein eigener Vertrag mit spezifischen Leistungen und einem individuellen Beitrag abgeschlossen", heißt es dazu beim Verband der Privaten Krankenversicherungen (PKV). Junge und gesunde Versicherte zahlen deshalb bei den privaten Anbietern anfangs oft deutlich weniger als bei den gesetzlichen Kassen.

Im Laufe der Jahre ändert sich das allerdings. "Erfahrungsgemäß steigen die Beiträge der privaten Krankenversicherungen nach und nach an", sagt Versicherungsberater Falken. Natürlich ziehen auch die Beitragssätze der gesetzlichen Kassen an. Doch der Langzeitvergleich zeigt, dass deren Erhöhungen bislang moderater ausfielen. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung ermittelte in einer Langzeitstudie zwischen 1985 und 2005 Beitragserhöhungen von insgesamt 131 Prozent bei den gesetzlichen und 202 Prozent bei den privaten Anbietern.

Renteneintritt: "Da ältere Menschen in der Regel mehr medizinische Leistungen benötigen als jüngere, bilden die privaten Anbieter individuelle Altersrückstellungen, die die Beiträge auch im Alter bezahlbar halten", erklärt der PKV-Verband. Ob die Rechnung tatsächlich aufgeht? Aktuell zahlen viele privat versicherte Senioren monatlich rund 800 Euro - bei einer kleinen Rente kaum zu stemmen. Doch wer älter ist als 55, hat keine Möglichkeiten, wieder in die gesetzliche Kasse zu wechseln. Es bleibt nur die Möglichkeit, einen preiswerteren Tarif zu wählen, was meist mit Leistungskürzungen und/oder einer Selbstbeteiligung verbunden ist.

Der 2009 eingeführte Basistarif ändert daran nichts: Mit derzeit rund 600 Euro pro Monat kostet er mehr als so mancher reguläre Tarif und ist nach Angaben des PKV dennoch nicht kostendeckend. Bei gesetzlich versicherten Senioren dagegen sieht die Sache erheblich positiver aus: "Wer in der zweiten Hälfte seines Berufslebens mindestens 90 Prozent der Zeit gesetzlich versichert war, ist als Rentner in der gesetzlichen Krankenkasse pflichtversichert", sagt Falken.

Das bedeutet: Bei nicht berufstätigen Rentnern werden nur die Höhe der gesetzlichen Rente sowie etwaige Betriebsrenten bei der Berechnung des Einkommens herangezogen. Andere Einnahmequellen, etwa die vermietete Einliegerwohnung bleiben außen vor. Auf die gesetzliche Rente zahlt der pflichtversicherte Senior derzeit 8,2 Prozent Krankenversicherung, auf die Betriebsrente 15,5 Prozent. "Speziell für alle, die nur eine geringe gesetzliche Rente erhalten, ist die Krankenversicherung im Alter dann unschlagbar preiswert", erklärt Falken.

Aber Achtung! Wenn man zwischendurch längere Zeit privat versichert war und danach wieder in die Gesetzliche zurückgewechselt ist, gilt das nicht. In diesem Fall wird das gesamte Einkommen, also beispielsweise auch Mieteinnahmen oder die private Rentenversicherung zur Berechnung des Beitrags herangezogen. Dann zahlt der freiwillig versicherte Rentner 8,2 Prozent auf seine gesetzliche Rente, 15,5 Prozent auf seine Betriebsrente sowie 14,9 Prozent auf seine sonstigen beitragspflichtigen Einnahmen, maximal bis zur Beitragsbemessungsgrenze. In vielen Fällen ist das aber immer noch deutlich weniger als bei einem privaten Anbieter.

Leistungsumfang: Neben dem Preis spielt natürlich auch die Frage der Gegenleistung eine Rolle bei der Entscheidung. Die gesetzliche Krankenversicherung zahlt alle Leistungen, die der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) in den Leistungskatalog aufgenommen hat. "Die private Krankenversicherung kennt keinen Erlaubnisvorbehalt für ihre Leistungen", wirbt der Verband: "Eine Innovation muss nicht erst von einem Gremium als wirksam und wirtschaftlich anerkannt werden, damit die Versicherungen bezahlen."

Werden Privatpatienten also besser versorgt? Rüdiger Falken sieht das nicht so: "Sowohl die gesetzliche als auch die privaten Kassen zahlen grundsätzlich das medizinisch Notwendige." Zwar finanzierten die Privaten tatsächlich häufig die eine oder andere kleinere Leistung mehr, etwa eine Brille oder einen Heilpraktiker. In vielen Punkten hätten die Gesetzlichen jedoch einen klaren Leistungsvorsprung, etwa bei der meist höheren Stundenanzahl bei Psychotherapie oder bei Hilfsmitteln wie Rollstühlen."

Leistungseinschränkungen: Angesichts des demografischen Wandels, der steigenden Lebenserwartung und des medizinischen Fortschritts kann sich heute schon jeder auf steigende Gesundheitskosten einstellen. Doch ob es bei den Gesetzlichen tatsächlich zu Leistungsbeschränkungen oder höheren Zuzahlungen kommt, bleibt abzuwarten. Der PKV-Verband erklärt dazu: "Die private Krankenversicherung garantiert einen lebenslangen Versicherungsschutz in Höhe des vertraglich vereinbarten Leistungsumfangs. Leistungskürzungen sind ausgeschlossen." Das bedeutet im Umkehrschluss aber auch: Was nicht vereinbart ist, muss auch nicht bezahlt werden.

Privatpatient - das klingt nach schnellen Terminen und Vorzugsbehandlung. Eine Befragung für den BKK Bundesverband ergab ein differenzierteres Bild: Demnach warten gesetzlich Versicherte tatsächlich durchschnittlich sechs Tage länger auf einen Termin, sie erhielten auch erheblich häufiger gar keinen Termin bei einem gewünschten Facharzt. Bei akuten Beschwerden gab es jedoch keine Unterschiede: Hier wurde immer zeitnah behandelt. Auch bei den Wartezeiten in der Praxis gab es keine gravierenden Differenzen. Dennoch haben viele Privatpatienten das Gefühl, besser betreut zu werden. Für viele medizinische Leistungen zahlen sie höhere Honorare als gesetzlich Versicherte - wen wundert es da, wenn einige Ärzte zu ihnen besonders nett sind?

Kostenrisiko: Gesetzlich Versicherte tragen kein Kostenrisiko. Mit Vorlage der Versichertenkarte sind die Behandlungen abgedeckt. Privatpatienten müssen ihren Arzt zunächst aus eigener Tasche bezahlen. Anschließend erstattet die Versicherung den Betrag. Laut PKV haben Erhebungen mehrerer Meinungsforschungsinstitute sehr hohe Kundenzufriedenheits-Werte von weit über 90 Prozent ermittelt. Die Beschwerdequote beim Ombudsmann sei mit 0,015 Prozent sehr niedrig.

"In jungen Jahren und bei kleineren und preiswerteren Behandlungen wird tatsächlich meist relativ problemlos gezahlt", sagt Rüdiger Falken. "Bei älteren Versicherten und bei Mandanten mit schweren und damit teuren Krankheiten wird häufig sehr viel strenger geprüft." Das Haarige daran: Wenn die Versicherung teure Behandlungen nicht oder nur teilweise zahlen will, bleibt nicht der Arzt, sondern der Patient auf den Kosten sitzen.