Schlecker

"Wir werden auf übelste Weise beschimpft"

Nachdem die Warenlieferungen an Schleckerfilialen in den vergangenen Tagen ausgeblieben waren, meldet die insolvente Drogeriemarktkette, die Lieferanten hielten ihre Zusagen ein. Nach eigenen Angaben wird wieder beliefert.

Am 20. Januar hatte das Unternehmen Insolvenz angemeldet. Bundesweit sind rund 32 000 Beschäftigte in mehr als 6000 Filialen betroffen. In Berlin sind es rund 180 Filialen und etwa 1000 Beschäftigte. Das Tochterunternehmen "Ihr Platz" unterhält 64 Zweigstellen mit rund 300 Mitarbeitern. Beide Ketten werden in Berlin von einem Lager aus beliefert, das in Brandenburg liegt. "Die Warenlieferung sollte bereits im Gange sein", sagte Schlecker-Sprecher Alexander Güttler. "150 Lieferanten haben zugesagt, hier und da kann es zu Verzögerungen kommen."

Und diese Verzögerungen gibt es offensichtlich. Es braucht inzwischen viel Mühe und Talent, um die Lücken in den Regalen zu verstecken. Die Mitarbeiter vieler Berliner "Schlecker"- und "Ihr Platz"-Filialen bemühen sich redlich, alles breit zu verteilen. Doch es gelingt nur schwer. Es gibt zu wenige Artikel, zu wenig Nachschub. "Man hat angekündigt, dass es in den nächsten Tagen wieder Lieferungen geben soll", erklärt eine Verkäuferin aus Pankow. Ihren Namen will sie nicht nennen. "Wir hoffen es sehr. Auch, wenn es für die weitere Entwicklung nicht ausschlaggebend ist, wäre es doch ein gutes Signal."

Die Mitarbeiter in Berlin haben Angst um ihre Arbeitsplätze. "Als unser Unternehmen das erste Mal pleite ging, haben wir uns große Sorgen gemacht. 2007 kaufte uns Schlecker, wir waren alle beruhigt, denn Schlecker wirkte ja stabil. Danach waren unsere Arbeitsplätze wieder gesichert", erzählt die Mitarbeiterin einer "Ihr Platz"-Filiale in Charlottenburg. "Diesmal haben wir richtig Angst. So etwas wie jetzt habe ich noch nicht erlebt. Ich bin seit vielen Jahren bei 'Ihr Platz'. Viele von uns sind in einem Alter, in dem sie keinen Job mehr finden." Hinter ihr herrscht teilweise gähnende Leere in den Regalen. "Mal sehen, ob wir wieder was bekommen. Es wäre wirklich eine Erleichterung." Vor allem, weil sie unter den vielen übellaunigen Kunden leidet. "Wir werden auf übelste Weise beschimpft. Wir sollten uns endlich in den Keller bewegen und die Ware hoch holen. Oder man wirft uns Einkäufe vor die Füße, weil irgendetwas nicht mehr vorrätig ist." Solche Ereignisse gehen ihr und ihren Kollegen an die Nerven.

Bei "Ihr Platz" in Spandau ist die Lage ähnlich. "Viele Kunden beschimpfen uns, weil sie bestimmte Artikel nicht finden oder weil es ihnen hier zu leer aussieht", sagt eine Mitarbeiterin. Die sonst sehr umsatzstarke Filiale trifft es besonders hart. Sie liegt an einer belebten Straße, profitiert normalerweise vor allem von Laufkundschaft. Gut bestückt mit Drogerieartikeln ist jedoch ein kleiner Zehlendorfer Schlecker-Markt. "Wir gehören zu den umsatzstarken Filialen", sagt die Verkäuferin. "Wenn es dazu käme, dass die Filialenanzahl reduziert wird, dann bleibt diese hier wohl eher bestehen, als viele andere mit schlechteren Umsatzzahlen", sagt sie. Überrascht ist sie von der Entwicklung nicht. Wer sich vorher beim Betriebsrat erkundigt habe, der sei nicht aus allen Wolken gefallen. Hier habe man früh erfahren, dass es nicht gut stehe um das Unternehmen Schlecker.

Bei einem großen Schlecker-Markt in Spandau sind die Regale besonders schlecht gefüllt. "Wir haben es geahnt. Schon seit mehr als einem halben Jahr ist unser Lager nicht mehr richtig gefüllt", sagt die Kassiererin. Erfahren haben sie die Nachrichten über die Insolvenz ihres Arbeitgebers aus den Nachrichten. "Das war ein großer Schreck, solch eine Unsicherheit wünscht sich niemand."

Christel Hoffmann, Schlecker-Gesamtbetriebsratsvorsitzende sagte am Freitag: "Die Schlecker-Angestellten haben in der aktuellen ungewissen Situation einen Anspruch auf umfassende Informationen, was die Perspektive ihrer Arbeitsplätze angeht." Zudem müssten sie einbezogen werden, wenn es um das Sanierungskonzept für die Kette gehe. Allerdings habe mit Lars Schlecker in dieser Woche zum ersten Mal ein Mitglied der Eigner-Familie vor Schlecker-Betriebsräten gesprochen. Das sei ein gutes Signal.

"Wir haben es geahnt. Schon seit mehr als einem halben Jahr ist unser Lager nicht mehr richtig gefüllt"

Schlecker-Mitarbeiterin eines Marktes in Spandau