Branchenangst

Gestörtes Vertrauen an Bord

Für Kapitän Thomas Teitge war es am Freitag ein ganz normaler Job. Einer der eher einfachen Jobs. Teitge stand auf der Brücke der "Disney Fantasy" und manövrierte das riesige, auf der Papenburger Meyer Werft gebaute Kreuzfahrtschiff am helllichten Nachmittag über die aufgestaute Ems durch die Seeschleuse rückwärts bis in den Dollart.

An Bord waren nur Mitarbeiter der Werft und die Mannschaft des Disney-Konzerns sowie deren Angehörige.

Die "Fantasy" ist das zweite Schiff, das die Meyer-Werft für den amerikanischen Unterhaltungskonzern gebaut hat. Das Schwesterschiff, die "Disney Dream", war Ende 2010 noch mit Riesenfeuerwerk und 300 geladenen Gästen an Bord mitten in der Nacht in Richtung Nordsee gestartet. Die Lotsen von der Lotsenbruderschaft Emden und Disney-Kapitän Tom Forberg mussten sich damals auf dem schmalen, hoch gestauten Fluss voll auf ihre Instrumente verlassen. Es war stockduster.

So wie bei Forberg war es auch, als der italienische Kapitän Francesco Schettino des Nachts seine "Costa Concordia" ins Unglück steuerte. Bislang sieht es so aus, als sei diese Havarie im Wesentlichen auf menschliches Versagen zurückzuführen. Und daran liegt es wohl auch, dass es bei der Buchung von Seereisen bis jetzt offenbar keine merklichen Rückgänge gegeben hat. Jedenfalls hofft die Branche - Reedereien, Reiseveranstalter, Werften und Hafenbetreiber -, dass die wirtschaftlichen Auswirkungen des Unglücks nicht allzu groß sein werden.

Erfolg in der Nische

Nach Amerikanern und Briten haben auch immer mehr Deutsche die Seereisen entdeckt. "Der Markt für Kreuzfahrten in Deutschland ist ein Nischenmarkt, aber er wächst seit Jahren und wird auch weiterhin wachsen", sagt Helge H. Grammerstorf, Geschäftsführer der Beratungsfirma Sea-Consult. Bis 2018 wird sich die Zahl der Kreuzfahrten wohl noch einmal verdoppeln, dachten vor der "Costa Concordia"-Katastrophe viele. Wenig deutet derzeit darauf hin, dass es nach der Havarie anders kommen wird. Bernard Meyer jedenfalls, Chef der Papenburger Meyer Werft, rechnet nur mit begrenzten Auswirkungen auf die Branche. "Einen grundsätzlichen Rückgang der Nachfrage sehen wir nicht", sagte er der "Ems-Zeitung" vor dem Start der Überführung der "Fantasy" ins niederländische Eemshaven. Im Fall der "Costa Concordia" gehe es "offenbar um individuelle Fehler, nicht um fehlende Sicherheit an Bord".

Was seine Werft betreffe, so baue die "nicht nur modernste Sicherheitseinrichtungen an Bord von Schiffen ein, sondern auch extrem energieeffiziente und umweltfreundliche Schiffe", sagte Meyer. Er führt die einzige Werft der Welt, die schon für alle großen Kreuzfahrtreedereien Schiffe gebaut hat: Carnival, zu der auch die italienische Reederei Costa und die Clubschiffe der Rostocker Reederei Aida gehören, daneben Royal Caribbean, Norwegian Cruise Line und Disney.

Immer weniger Ältere an Bord

Weltweit 18,8 Millionen Passagiere haben im Jahr 2010 eine Kreuzfahrt unternommen, 2012 sollte die 20-Millionen-Marke fallen. Allerdings ist eine hohe Zahl von Passagieren für sich genommen noch kein Indiz für Erfolg. "Es müssen die richtigen sein, die die richtigen Preise zahlen", sagt Aida-Chef Michael Thamm.

Aida ist in Deutschland Marktführer vor TUI-Cruises und den Schiffen der altehrwürdigen Hapag-Lloyd aus Hamburg. Deren Flaggschiff "MS Europa" wurde jüngst vom Berlitz Cruise Guide als einziges Kreuzfahrtschiff der Welt mit dem begehrten Prädikat "Fünf Sterne plus" ausgezeichnet und verteidigt seit zwölf Jahren den Titel als weltbestes Kreuzfahrtschiff.

Auch in Deutschland ist die Seereise dank Aida mittlerweile kein teurer Luxusurlaub mehr. Es sind zwar immer noch weniger Passagiere als in den USA per Schiff unterwegs, aber auch hierzulande reisen immer mehr junge Leute und auch Familien mit Kindern zu einem Hafen in Norddeutschland, Spanien oder Italien, um dann für ein paar Tage oder Wochen auf ein Schiff umzusteigen. Der Anteil der Kinder unter 14 Jahren sowie die Altersgruppe zwischen 26 und 55 Jahren sind gewachsen, während bemerkenswerterweise immer weniger Ältere auf Kreuzfahrt gehen. In Deutschland sind derzeit insgesamt aber erst 1,5 Prozent der Urlauber auf See unterwegs, in den Vereinigten Staaten schippern bereits fünf Prozent über die Weltmeere.

Ein großer Erfolgsfaktor für die deutschen Reedereien ist die Bordsprache. Hiesige Kundschaft entspannt sich meist erst, wenn "Man spricht Deutsch" signalisiert wird. Das wurde sogar in den USA erkannt - sodass dort schon oft mit deutschsprachigen Crewmitgliedern geworben wird, die jederzeit ansprechbar seien. Oft sind das Servicekräfte im Restaurant, wenn nicht sogar der Hotelmanager und der Küchenchef, die aus Deutschland oder Österreich kommen. Mitunter wird an Bord auch schon das Tagesprogramm ins Deutsche übersetzt.

Viele profitieren von den Seefahrern

Doch nicht nur deutsche Unternehmen haben bislang vom Kreuzfahrtboom profitiert. Häfen, Zulieferer und viele touristische Dienstleister in ganz Europa erwarten die Seefahrer sehnsüchtig. Das "European Cruise Council" hat errechnet, dass der Kreuzfahrtsektor merklich zur europäischen Wirtschaftsleistung beiträgt - von 35,2 Milliarden Euro spricht der Verband. Die Zahl der direkt oder indirekt mit der Branche verbundenen Jobs kletterte auf 307 000. Gut verdient haben vor allem Reisebüros sowie Schiffsausstatter und Zulieferer, etwa Fluggesellschaften. Am meisten profitierten Unternehmen in Italien, Großbritannien und Deutschland.

Das liegt auch daran, dass die Papenburger Meyer Werft im äußersten Nordwesten der Republik ihren Stammsitz hat und dort seit mittlerweile 25 Jahren mit sehr großem Erfolg im größten Trockendock der Welt immer größere Kreuzfahrtschiffe baut. Diese Riesen kosten derzeit zwischen 500 Millionen Euro für ein Aida-Schiff und 899 Millionen Euro für die "Disney Fantasy". Derzeit haben die Emsländer noch Aufträge für sieben weitere schwimmende Hotels.