Interview mit Melanie Bähr

"Ich brenne für Wirtschaft und für Berlin"

Wer die Räume von Berlin Partner im Ludwig-Erhard-Haus betritt, findet sich in einer knallroten Umgebung wieder. In Feuerwehr-Rot sind die Möbel lackiert, vom Empfangstresen bis zu den Regalen. Broschüren mit ebenso knallroten Aufschriften liegen in den Regalen. "Masterplan Industriestadt Berlin" steht als Titel auf einem Heft, auf einem anderen "Wir ermöglichen Wachstum". Der neue Flughafen, futuristische Elektrofahrzeuge und die Gesundheitswirtschaft sollen für Berlin zur Jobmaschine werden.

Berliner Morgenpost: Frau Bähr, wie sind Sie ins neue Jahr gekommen?

Melanie Bähr: Hervorragend. Ich war zu Hause, konnte aus dem Herzen Berlins das Feuerwerk am Brandenburger Tor sehen und bin im Kreis der Familie ins neue Jahr gerutscht.

Berliner Morgenpost: Was ist das Ereignis 2012 in Berlin aus Ihrer Sicht?

Melanie Bähr: Die Eröffnung des Flughafens BER im Süden Berlins am 3. Juni. Bei Gesprächen mit Unternehmern ist eine gute Flughafenanbindung mit vielen Direktflügen ein stets wiederholtes Argument.

Berliner Morgenpost: Wird der BER ein Drehkreuz?

Melanie Bähr: Die Lufthansa und Berlin haben dazu bereits wichtige Schritte eingeleitet. Ich bin guter Dinge, dass dort noch mehr entsteht, wenn auf dem Airport die ersten Flugzeuge starten und landen. Wir werden das Thema der Airporteröffnung in die Welt hinaustragen. Für das Marketing der Flughafenregion haben wir ein eigenes Team gemeinsam mit der Zukunftsagentur Brandenburg.

Berliner Morgenpost: Bitte benennen Sie weitere "Nougatstückchen" für die Wirtschaft 2012.

Melanie Bähr: Die Entwicklung von Tegel nach der Schließung ist ein großes Thema, für das es ja bereits erste Pläne gibt. Denken Sie nur daran, dass die Beuth-Hochschule oder die TU Berlin einen Umzug dorthin erwägen.

Berliner Morgenpost: Kürzlich präsentierte Berlin Partner eine bemerkenswerte Bilanz: Fast 7000 neue oder gesicherte Arbeitsplätze 2011. Ist das zu toppen?

Melanie Bähr: Es ist immer schön, eine steigende Kurve nach oben verlängern zu können. Aber man darf nicht vergessen, dass jeder neue oder gesicherte Arbeitplatz hart umkämpft ist, denn wir stehen ja mit anderen Regionen in einem scharfen Wettbewerb. Insofern gibt es keinen Automatismus. Die Uhr wird jeden Tag wieder auf null gestellt.

Berliner Morgenpost: In welchen Sektoren und "Clustern" wollen Sie 2012 Akzente setzen?

Melanie Bähr: Wir richten uns an der Wirtschaftspolitik Berlins aus. Sie definiert, was aus Sicht des Landes wichtig ist - etwa die Wachstumscluster. Außerdem gibt es ja auch die Außenwirtschaftsstrategie, und der neue Senat wird auch noch seine Leitlinien bestimmen.

Berliner Morgenpost: Etwas konkreter, bitte.

Melanie Bähr: Gern. Die grundsätzlichen Schwerpunkte unserer Arbeit werden gleich bleiben. Industrie steht da ganz vorne. 2011 schufen Industrieunternehmen mit unserer Unterstützung in Berlin mehr als 2400 neue Stellen. Die Konzentration auf die Cluster, also die Zukunftsbranchen Gesundheitswirtschaft, Energie, Mobilität, Kreativwirtschaft/IT und Optik habe ich bereits erwähnt. In der Außenwirtschaftsförderung geht es darum, Berliner Unternehmen neue internationale Kontakte zu vermitteln, denn jeder Kontakt ist eine Chance auf ein neues Geschäft. Im vergangenen Jahr waren das 3323 Geschäftskontakte, und damit meinen wir ernsthafte Gespräche, nicht nur den Austausch von Visitenkarten. Das geht Hand in Hand mit der Clusterstrategie. Ein Beispiel dafür war die erfolgreiche Kooperation mit HealthCapital Berlin-Brandenburg (HCBB), das ist der Cluster Gesundheitswirtschaft. Gemeinsam haben wir eine Unternehmerreise und einen Messestand mit Unternehmen der Gesundheitswirtschaft im Januar 2011 in Dubai und Doha organisiert.

Berliner Morgenpost: Der rot-rote Senat hatte lange Zeit vor allem die Förderung der Kreativwirtschaft und des Tourismus betont. Rot-Schwarz will nun mehr für die klassische Industrie tun. Wie kann Berlin Partner helfen?

Melanie Bähr: Wir müssen uns auf unsere Stärken besinnen.

Berliner Morgenpost: Das ist mir zu unkonkret. Bitte ein paar Beispiele.

Melanie Bähr: Ich meine damit etwa, die Clusterstrategie weiter zu schärfen. In der Gesundheitswirtschaft konnten wir 2011 die Schaffung von fast 1000 neuen Arbeitsplätzen unterstützen. Das ist ein sehr starker Cluster in Berlin mit seinen großen Pharmaunternehmen und der Forschung. Und da werden wir auch in diesem Jahr mit Reisen ins Ausland und bei Messen für Berlin werben. So sind wir schon im Januar auf der wichtigen Messe "Arab Health" in Dubai. Mit der Wirtschaftssenatorin planen wir im März eine Reise in die Vereinigten Emirate, nach Katar und Saudi-Arabien. Die Region am Golf wächst wirtschaftlich enorm. Deshalb sind wir dort präsent. Ex-Senator Harald Wolf (Linke) und Klaus Wowereit (SPD) waren dort 2011. Das zahlt sich aus, wenn auch meist erst langfristig. Delegationen der Saudis etwa kommen auch nach Berlin.

Berliner Morgenpost: Und sonst?

Melanie Bähr: Energie und Mobilität treffen sich beim Thema Elektromobilität. Das wird in diesem Jahr für Berlin ein großes Thema. Wir wollen eine der großen vom Bund geförderten Schaufensterregionen werden. Hier können die Arbeitsplätze der Zukunft entstehen. Neben dem technischen Know-how, das die Berliner Universitäten und Forschungseinrichtungen haben, gibt es bereits ganz praktische arbeitsrelevante Beispiele. So wird BMW in seinem Spandauer Werk den "E-Scooter" bauen, einen elektrisch angetriebenen Motorroller. Insgesamt hat Berlin bereits 40 Projekte benannt. mit einem Gesamtvolumen von über 100 Millionen Euro. Das zeigt, welches Potenzial sich hinter Schlagworten wie E-Mobility verbirgt. Mitte Januar wird die Bewerbung eingereicht. Im März will die Bundesregierung die Schaufensterregionen benennen. Wir wollen dann schon im zweiten Halbjahr mit den ersten Projekten starten. Unser Ziel ist, dass hier nicht nur geforscht und getestet, sondern auch produziert wird. Daimler baut zum Beispiel auch schon Elektromotoren in seinem Werk in Marienfelde.

Berliner Morgenpost: Was will die Berlin Partner-Chefin Bähr in einem Jahr bei Berlin Partner intern erreicht haben?

Melanie Bähr: Ich möchte einige Strukturen in unserer Gesellschaft effizienter machen, auch Potenziale heben. Strukturen und Prozesse sind ein Faible von mir.

Berliner Morgenpost: Berlin Partner war sehr aktiv bei der Einführung der Kampagne "beBerlin". Das hat Millionen gekostet, aber was hat es für Berlin gebracht?

Melanie Bähr: Die "beBerlin"-Kampagne war vom Senat von vornherein auf vier Jahre angelegt und endete vorerst zum Jahreswechsel. Ich glaube, wir haben diese Zeit gut genutzt, um das Identitätsgefühl und den Stolz der Berliner auf ihre Stadt zu stärken und Berlin international zu positionieren. beBerlin hat zahlreiche Auftritte im In- und Ausland unterstützt, viele neue Partner gewonnen und das Image Berlins verbessert. Untersuchungen zeigen, dass die Affinität zu Berlin bei Topmanagern der internationalen Wirtschaft deutlich gestiegen ist. Nach der letzten Studie könnten 70 Prozent der Befragten aus zwölf Ländern sich vorstellen, in Berlin zu leben oder zu arbeiten. 40 Prozent denken sogar konkret daran, in den kommenden fünf Jahren einen Standort in Berlin zu eröffnen. Die Kampagne hat außerdem über 900 "Botschaftergeschichten" gesammelt, von Menschen, die Berlin toll finden, und wir haben mehr als eine Million Berlin-Fans auf Facebook versammelt.

Berliner Morgenpost: Facebook-Freunde haben viele. Manager beeindruckt das kaum.

Melanie Bähr: Wir betreiben das mit Facebook nicht als reine Spaßnummer. Vielmehr werben wir dort auch um Fachkräfte. Und wenn man ein soziales Netzwerk so nutzt, dann erzeugt es einen Mehrwert.

Berliner Morgenpost: Unternehmer wollen handfeste Vorteile einer Ansiedlung aufgezeigt bekommen.

Melanie Bähr: Unser Marketing zielt immer auch darauf, Berlin bekannter zu machen. Die Analyse unserer Ansiedlungsprojekte zeigt: Gelingt es uns, auf die "shortlist" der engeren Wahl zu kommen, dann haben wir gute Chancen, uns gegen die Konkurrenz durchzusetzen. Denn die harten Fakten sprechen für Berlin: Wir haben eine exzellente Wissenschafts- und Forschungslandschaft, gute Fachkräfte und ein günstiges Kostenniveau.

Berliner Morgenpost: Das ließ Berlins Wirtschaft in den vergangenen Jahren auch nicht florieren. Wenn Sie an die Wirtschaftssenatorin einen Wunsch frei hätten, welcher wäre das?

Melanie Bähr: Ich wünsche mir, dass die Angelegenheiten der Berliner Unternehmen absolute Chefsache sind. Das ist nicht nur ein Wunsch an Wirtschaftssenatorin von Obernitz, sondern auch an den Regierenden Bürgermeister.

Berliner Morgenpost: Sie führten einige Jahre zuvor ein eigenes Unternehmen. Vermissen Sie die Selbstständigkeit manchmal?

Melanie Bähr: Nein, denn ich habe mich bewusst entschieden, aus dem Ausland zurückzukommen. Ich habe das Unternehmen aufgebaut. Ich weiß: Wenn ich es einmal geschafft habe, schaffe ich es wieder. Es war meine Entscheidung, sie wurde mir nicht aufgedrängt. Insofern fiel sie mir leichter.

Berliner Morgenpost: Warum fühlen Sie sich in diesem Job richtig?

Melanie Bähr: Ich brenne für das Thema Wirtschaft und für Berlin.