Was tun mit so viel Geld?

Fünf Banken und die 50 000-Euro-Frage

Gedauert hat die Beratungsodyssee rund sieben Stunden, verteilt auf fünf Termine an drei Tagen. Ein neuer Kugelschreiber ist in meinem Besitz und eine Sammlung Broschüren, loser Blätter und Protokolle, die ich auf die Küchenwaage gelegt habe. Gewicht des Stapels: 2,451 Kilogramm.

Ich weiß jetzt mehr über den Variantenreichtum grauer Auslegeware in Bankfilialen und dass der Kaffee bei der Volksbank besser schmeckt als bei der Commerzbank. Nur was ich mit meinem Geld machen soll, ist mir noch nicht klar.

Obwohl es in Wirklichkeit nicht "mein Geld" ist. Die Erbschaft von 50 000 Euro ist erfunden, und nach dem Ausflug an die Beraterschreibtische bin ich heilfroh, gerade kein Geld übrig zu haben. Schon in normalen Zeiten ist Geldanlage eine heikle Sache, der sich die wenigsten Deutschen gern annehmen. Aber in diesen Monaten? Was raten Banken jemandem, der 50 000 Euro geerbt hat und das Geld sicher und bis zu zehn Jahre anlegen will? Der aber auch mehr erwirtschaften möchte, als die Inflation auffrisst?

Die Auswahl der fünf Banken war willkürlich. Die Banker wussten nicht, dass sie einen Journalisten beraten - ihre Namen und Filialen werden daher nicht genannt. Es ist kein Test mit repräsentativem Anspruch, sondern eine kleine Erkundung. Wie gehen Bankangestellte die herkulische Aufgabe Anlageberatung an?

Postbank

Sie empfangen mich zu zweit, Herr und Frau Postbank. Genauer gesagt, Frau DWS und Herr Postbank. Sie ist mittleren Alters und arbeitet für die Fondstochter der Deutschen Bank. Da die Postbank jetzt mehrheitlich der Deutschen Bank gehört, hat die DWS deren 14 Millionen Kunden ins Visier genommen. Außerdem ist der junge Herr Postbank, wie er sagt, "ein ziemlicher Frischling". Er muss das Gespräch protokollieren.

Auf ein DIN-A4-Blatt malt er ein Haus mit Schornstein. Frau DWS erläutert: Das Haus sei von meinen 50 000 Euro gebaut. Der größte Teil der Bausumme geht für ein sicheres Fundament und ein dichtes Dach drauf. Und der Schornstein? "Das sind zum Beispiel Schwellenländer", sagt Frau DWS. Ich bin ratlos.

Soll heißen, übersetzt die Beraterin, dass ein Großteil meines Geldes in sichere Anlagen gesteckt werden soll. Schwellenländer, also schnell wachsende Länder wie China, Indien und Brasilien, böten zwar Chancen, seien aber riskanter. Anhand meiner Angaben stufen mich die beiden als "wachstumsorientiert" ein. Damit fehlt mir laut Postbank-Regularien die "nötige Ruhe" für eine reine Aktienanlage. Wer die hat, ist "risikobewusst", ganz Verwegene sind "spekulativ". Ich bin aber cool genug, auch mal "zwischenzeitlich Verluste" zu riskieren. Andernfalls wäre ich "sicherheitsorientiert".

"Kurzfristig ist die Inflation nicht zu verdienen", dämpft Frau DWS meine Erwartungen. Die Zinsen für Spareinlagen seien nun mal im Keller. Das müsse ich wissen, denn - das wiederholt sie mehrfach während des Gesprächs - hier gehe es um "Wahrheit und Klarheit". Schlussendlich schlagen Frau DWS und Herr Postbank mir vor, das Erbe von 50 000 Euro wie folgt aufzuteilen: Ein Drittel soll in den offenen Immobilienfonds Grundbesitz Europa fließen. Ein weiteres Drittel meines Geldes soll in den DWS-Fonds Europa-Strategie fließen. Deutsche Staatsanleihen dominieren dort, dazu weitere solide Länder wie Polen, Luxemburg und Frankreich nebst aufstrebenden Staaten wie Russland und die Türkei. Für den dritten Teil meiner fiktiven Erbschaft empfiehlt die Beraterin den DWS Invest Euro-Bonds (Short). Darin sind Anleihen von Staaten und Unternehmen, die höchstens noch drei Jahre laufen. Darunter jede Menge Papiere der Euro-Krisenländer Spanien und Italien, dazu Bankanleihen für Geldhäuser in diesen Staaten. Ich soll mein Geld an Staatskassen und Bankhäuser unsicherer Euro-Kantonisten verleihen? Immerhin: Die Kredite haben eine recht kurze Laufzeit. "Und, ganz ehrlich: Wenn Italien nicht mehr funktioniert, dann haben wir Lehman Brothers hoch zwei", sagt Frau DWS. Wie beruhigend.

Berliner Sparkasse

Herr Sparkasse ist noch sehr jung, also auch eher ein Frischling. Trotzdem berät er mich allein und beginnt mit dem, was jede Bank heutzutage macht, wenn ein Kunde bei ihr Geld anlegen will: Durch Fragen ergründet er, wie es um meine Lebensumstände bestellt ist. Also: Beruf (nicht ganz wahrheitsgemäß), Familienstand, Kinder, Einkommen, Kreditverpflichtungen, private Altersvorsorge, Erfahrungen mit Geldanlagen, Risikobereitschaft. Daraus muss jeder Berater ein Protokoll erstellen. So will es der Gesetzgeber seit 2010. Bei Postbank, Sparkasse und Volksbank muss ich das Beratungsprotokoll unterschreiben. Die Commerzbank und Deutsche Bank verzichten darauf. Während dieses Pflichtteils ergeben sich viele Anknüpfungspunkte, die in einem Bankgeschäft münden könnten. "Haben Sie Wohneigentum erwogen?", fragt mich Herr Sparkasse. Auch die Postbank will das wissen und die Beraterin der Deutschen Bank. Nein, antworte ich jedes Mal, um eine Baufinanzierung geht es mir nicht, auch keine Riester-Rente, Lebensversicherung, Kreditkarte. Danke! Das muss man den Beratern deutlich sagen, denn sie haben noch viele weitere "passende Produkte" in der Schublade.

Ein Teil meiner 50 000 Euro würde bei der Sparkasse über den Fonds Deka-RentenReal auch in langfristige italienische Anleihen fließen. Das gilt als Teil der sicheren Anlage. Und dann hat Herr Sparkasse noch einen Fonds im Köcher, den er wie folgt anpreist: "Und das ist nicht nur meine persönliche Meinung, wie toll der ist." Er spricht vom Lingohr-Systematic-LBB-Invest, der weltweit in Aktien investiert. Fondsgesellschaft ist hier die Landesbank Berlin (LBB), Mutterholding der Berliner Sparkasse. Für das letzte Drittel rät mir Herr Sparkasse auch zu einem offenen Immobilienfonds. Prinzipiell. "Aber gerade empfehlen wir keine konkreten Produkte. Dann würden wir den Teil Ihres Geldes auf ein Tagesgeldkonto packen, bis es wieder passt." Die Erklärung: Eine Reihe offener Immobilienfonds hat derzeit große Probleme. Deswegen haben sie ihre Tore geschlossen, und Anleger können ihr Geld nicht mehr abziehen. Bleiben zwei Fragen: Warum soll ich trotzdem mein Geld in offene Immobilienfonds stecken? Und warum hat mir die Postbank, wo man mir ein ähnliches Produkt empfahl, nichts von diesen Risiken erzählt?

Deutsche Bank

"Ja", sagt Frau Deutschbank, "für Anleger ist es ein bewegtes Jahr." Wichtig bei ihr ist das magische Dreieck mit den Polen Sicherheit, Verfügbarkeit und Ertrag. Meinen Angaben folgend, sortiert mich Frau Deutschbank mit dem Anlageziel "Einkommen" ein. Weniger risikobereit als "Balance"-, "Wachstums"- und "Dynamik"-Kunden, dafür mutiger als Menschen mit dem Anlageziel "Substanz".

Folglich kann mein Geld zu maximal einem Viertel in Aktien angelegt werden. Frau Deutschbank will es nicht in verschiedene Fonds stecken, sondern hat mir den Mischfonds db PrivatMandat Comfort ausgesucht. Der investiert das Geld wiederum in andere Fonds oder direkt in Anleihen von Unternehmen und Ländern. Auffällig viele Banken sind darunter. Die würden also mit meinem Geld gestützt. Auf sechs eng bedruckten Seiten sind die Bestandteile des Fonds aufgelistet. Zertifikate und Optionsscheine sind dabei, aber auch Aktien von Apple und Pepsi.

Frau Deutschbank ist eine nette Frau mittleren Alters, die keinerlei hochnäsige Attitüde an den Tag legt, wie man es Repräsentanten des größten deutschen Geldhauses mitunter nachsagt. Doch an einer Stelle schimmert doch das Selbstbewusstsein durch. "Unser Haus hat nun wirklich Expertise für das weltweite Geschäft", sagt sie. Und davon würde ich natürlich als Kunde profitieren.

Commerzbank

"Einkommen" heißt bei Herrn Commerzbank meine Risikoklasse. Überraschend: 14 000 Euro der 50 000 Euro hätte Herr Commerzbank gern für sich. Genauer gesagt für eine Anleihe seiner Bank. "Die stehen stark unter Feuer, bieten aber eine sensationelle Rendite." In der Tat: Legt man den abgestürzten Kurs zugrunde, dann liegt die effektive Rendite dieser Anleihe mit jährlicher Zinszahlung bei rund 13 Prozent im Jahr.

Herr Commerzbank geht meine Verblüffung offensiv an. "Natürlich ist das ein Risiko, aber gehen Sie mal davon aus, dass die Commerzbank nicht pleitegeht. Die Kanzlerin hat uns und die Deutsche Bank für systemrelevant erklärt." Also, so das Argument, bleibe die Bank bestehen und zahle pünktlich ihre Zinsen für die Anleihen. Bis 2019 müsste sie durchhalten, dann endet die Laufzeit des Papiers, das er mir ans Herz legt. Die Commerzbank-Anleihe steht auf seiner Liste in der Rubrik "eher defensiv". Auch für den Rest meines Vermögens hat Herr Commerzbank große Pläne. Das Geld soll in weitere sechs Fonds fließen. Diese investieren in so illustre Bereiche wie: chinesische Aktien, Nahrungsmittelkonzerne, Bergbauunternehmen, Staatsanleihen, Immobilien. Ausgabeaufschläge werden natürlich immer fällig, teilweise liegen sie für die empfohlenen Fonds über fünf Prozent. "Aber", sagt er augenzwinkernd: "0,25 Prozent würden wir dann übernehmen."

Berliner Volksbank

Auch beim Genossenschaftsinstitut stehen zwei Berater bereit. Aber es gibt ein Hindernis: Mein Personalausweis ist nicht mehr gültig. Er war auch schon abgelaufen, als die anderen Banken mich berieten. Herr und Frau Volksbank wurden von ihrer Bank aber angehalten, da sehr genau zu sein. Anlagetipps für meine fiktiven 50 000 Euro kann mir die Berliner Volksbank deswegen leider nicht bieten.

Besonders traurig bin ich allerdings nicht. Denn die Empfehlungen, die ich bisher erhalten habe, treiben selbst einen wirtschaftlich einigermaßen versierten Menschen an seine Grenzen.