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Können sie Schlecker noch retten?

Einsam klebt der bunte Kreis auf der Fensterscheibe des kleinen Ladenlokals mitten in Berlin-Kreuzberg. "For you. Vor Ort" steht darunter, der neue Slogan der Drogeriemarktkette Schlecker. Das Wortspiel soll den Neuanfang markieren, den das Familienunternehmen nach handfesten Skandalen um den Umgang mit den eigenen Mitarbeitern dringend braucht. Doch hinter dem bunten Logo erscheint die Filiale so trist wie eh und je, von Aufbruch keine Spur.

Im Inneren blendet grelles Neonlicht, die Regale stehen dicht gedrängt - Kunden sind keine zu sehen. Dabei ist die geografische Lage auf dem geschäftigen Kottbusser Damm gut. Das beweist Konkurrent Rossmann auf der anderen Straßenseite. Dort stehen die Kunden Schlange. Die Schlecker-Filiale scheint ihre beste Zeit hinter sich zu haben.

Wie so viele andere auch. 800 Geschäfte hat Schlecker in diesem Jahr schon geschlossen und damit mehr als bislang geplant. Und die Konsolidierung geht auch im kommenden Jahr weiter. "Wir rechnen mit der Schließung von mehreren Hundert Filialen", sagt Achim Neumann, der bei der Dienstleistungsgesellschaft Ver.di für die Drogeriemarktkette zuständig ist. Aufgeschreckt von der Art und Weise der Konsolidierung, haben die Arbeitnehmervertreter in dieser Woche das Gespräch mit den beiden neuen Konzernchefs Lars und Meike Schlecker gesucht. Und das Ergebnis der Zusammenkunft am Schlecker-Stammsitz in Ehingen ist beunruhigend für den Gewerkschafter. Denn eine Vielzahl von Jobs steht auf dem Spiel. "Bisher haben wir keine betriebsbedingten Kündigungen ausgesprochen. Wir können aber nicht garantieren, dass das im nächsten Jahr so bleibt", sagte Lars Schlecker der Berliner Morgenpost. Der Sohn von Firmengründer Anton Schlecker weiß natürlich, dass noch bis Juli 2012 ein Beschäftigungssicherungsvertrag gilt. Man sei mit Ver.di intensiv im Gespräch, sagt der Geschäftsführer. "Das erste Quartal wird noch von Schließungen geprägt sein", kündigt er bereits an. "Aber 2012 werden wir den Turnaround schaffen."

Gerüchte über Geldprobleme

Der Filialabbau ist Teil eines Zukunftsprogramms, das sich Schlecker mit dem Einstieg der Gründerkinder ins operative Geschäft vor rund einem Jahr auferlegt hat. "Fit for Future" heißt das Sanierungskonzept. Doch ob Deutschlands größte Drogeriefachmarktkette tatsächlich noch eine Zukunft hat, ist unsicher. Zuletzt machten sogar Gerüchte um Geldprobleme bei dem schwäbischen Familienunternehmen die Runde - weil es in den vergangenen Wochen in vielen Filialen plötzlich an Ware fehlte. Ein Sprecher erklärte den Notstand bei Shampoos, Klopapier und Zahnpasta damit, dass die Bestellungen zurückgefahren wurden, um die Waren der zahlreichen im November und Dezember geschlossenen Läden auf die übrigen Filialen zu verteilen. "Es gibt keine Probleme mit Lieferanten. Vereinzelte Regallücken schließen sich gerade", versichert Meike Schlecker. Und auch mögliche Geldprobleme weist sie zurück. "Es gibt sehr viele Gerüchte im Markt", sagt die Managerin, aber Tatsache sei, dass die Restrukturierung aus eigener Kraft bezahlt wird: "Auch das Weihnachtsgeld haben wir ohne Verzögerungen gezahlt."

Gemeinsam mit ihrem Bruder Lars soll Meike Schlecker die Drogeriemarktkette zukunftsfähig machen. Doch die Neuausrichtung ist längst noch nicht so weit gediehen wie erhofft. Denn aus dem einstigen Erfolgsrezept des verschlossenen Firmengründers ist mittlerweile ein existenzbedrohendes Problem geworden. "Schlecker bekommt gerade mit voller Wucht die Fehler der vergangenen zehn Jahre zu spüren", sagt ein Handelsexperte. Das Unternehmen habe zum Beispiel zu lange auf schnelle Expansion gesetzt und darüber hinaus am Sortimente-Mix wie auch dem wenig einladenden Erscheinungsbild der Filialen festgehalten. Konkurrenten wie dm, Rossmann und Müller dagegen sind den Kampf um Marktanteile nachhaltiger angegangen: Sie versuchten, mit schickem Ladenbau, Qualität, Beratung und dem Aufbau der eigenen Marke mit einem sauberen Image dauerhaft weitere Marktanteile zu erobern. Und dabei waren sie oftmals auch noch günstiger als der scheinbar billige Marktführer. "Schlecker hat die aufstrebenden Wettbewerber unterschätzt", sagen Branchenkenner.

XL-Filialen funktionieren schon

Zwar hat Schlecker bereits die dringend notwendige Modernisierung angestoßen. Im Zuge dessen werden zum einen bestehende Läden renoviert und - wie es im Unternehmen heißt - "heller, freundlicher und übersichtlicher" gestaltet. Zum anderen eröffnet Schlecker sogenannte XL-Filialen, die mit 600 Quadratmetern etwa so groß sind wie die von dm und Rossmann. Was richtig ist - die Umsätze steigen in den aufgehübschten Märkten deutlich. Um acht bis 30 Prozent, wie es bei Schlecker heißt. Doch die Aktion kommt spät, sehr spät. Dass die beiden Junior-Schleckers schon mehr Läden dichtgemacht haben als zunächst angekündigt, zeigt, dass sie es ernst meinen. Es dürfte aber auch bedeuten, dass die Situation deutlich ernster ist als zuletzt angenommen - und damit der Handlungs- und Schließungsbedarf größer wird. Der Ausgang der Rettungsaktion der jungen Garde ist vollkommen offen. "Für Schlecker wird es eine echte Herausforderung mit ungewissem Ausgang, eine ganz neue Strategie auf den Markt zu bringen und das Image zu verbessern", glaubt Michael Kliger, Geschäftsleiter Retail bei Accenture.

Ebenso wichtig wie die Neuordnung von Filialnetz, Sortiment und Logistik ist allerdings die Arbeit am Betriebsklima. Das war über Jahre hinweg eisig, die Aufgabenverteilung unmissverständlich: Die Mitarbeiter hatten zu funktionieren, die Zentrale und das Mittelmanagement hatten immer recht. Jetzt verkünden die jungen Chefs das Tauwetter, eine Art Drogeriemarkt-Perestroika. "Bei Schlecker tut sich jetzt endlich was. Aber wenn man über Jahrzehnte den Mitarbeitern nur mit Misstrauen begegnet ist, lässt sich das in solch einem großen Unternehmen nicht so schnell umstellen", sagt Thomas Schark, Bezirkshandelssekretär von Ver.di in Karlsruhe. Vom Niveau eines dm, wo die Filialmitarbeiter motiviert sind, regelmäßige Weiterbildung genießen und Einfluss auf die Personalauswahl sowie die Öffnungszeiten ihrer Läden haben, sind sie im zentralistischen Schlecker-Reich allerdings noch meilenweit entfernt.