Marktbericht

Die Börse ist kurzsichtig

Mit der Einigung auf dem EU-Gipfel in Brüssel ist es gelungen, langfristig die Weichen für eine stabile Euro-Zone zu stellen.

Anleger könnten also Aufatmen. Endlich hat die Politik begonnen, die Euro-Zone so umzubauen, wie sie schon von Anfang an hätte konstruiert werden müssen. Doch anstatt die Erfolge des Gipfels zu feiern, machen sich an der Börse Zweifel an der schnellen Umsetzbarkeit der Beschlüsse breit. Vielen Anlegern wäre es offensichtlich lieber gewesen, die Europäische Zentralbank (EZB) hätte ihre "Bazooka" rausgeholt und angekündigt, in unbeschränktem Maße Staatsanleihen von Krisenländern zu kaufen.

Doch das Gegenteil ist der Fall: Die EZB hat in der Woche bis zum Euro-Gipfel für weniger als eine Milliarde Euro Staatsanleihen kriselnder Euro-Länder gekauft. Das mag für Zocker eine schlechte Nachricht sein. Denn durch ihre massiven Käufe hatte die EZB zuletzt die Zinskosten der Schuldenstaaten deutlich gedrückt und die Kurse steigen lassen. Damit hat sie aber nicht nur den Reformdruck von Ländern wie Italien oder Spanien genommen, sondern auch eine erhöhte Inflation in Kauf genommen. Für langfristig orientierte Sparer und den deutschen Steuerzahler ist es deshalb eine gute Nachricht, wenn die EZB ihr Engagement zurückfährt und die Krisenstaaten ihre Staatsanleihen ohne fremde Hilfe an den Mann bringen müssen. Denn nur so entsteht Reformdruck und nur so können die Gipfelbeschlüsse ihre Wirkung entfalten.